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„Spießig und kleinbürgerlich“ : Sprayerlegende Harald Naegeli wegen Flamingos vor Gericht

Kunst aus der Sprühdose: Eine der berühmten Flamingo-Figuren des Graffiti-Künstlers Harald Naegeli an einer leerstehenden Tankstelle. Bild: dpa

Wegen drei Flamingo-Graffiti muss sich Künstler Harald Naegeli einmal mehr vor Gericht verantworten. Für ihn hat der Prozess auch eine künstlerische Bedeutung.

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          Der Künstler ist anwesend. Dieser Hinweis funktioniert bei Ausstellungseröffnungen, aber auch bei Gericht als Publikumsmagnet – jedenfalls dann, wenn der Angeklagte Harald Naegeli heißt. Der Urvater der Graffiti-Kunst muss sich am Dienstag vor dem Amtsgericht Düsseldorf verantworten, weil er im Oktober 2016 auf einem Wohnhaus und wenig später an der Fassade der Akademie der Wissenschaften und Künste (AWK) in der nordrhein-westfälischen Hauptstadt drei seiner weltberühmten Flamingo-Strichfiguren hinterlassen hat.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Die Staatsanwaltschaft wirft Naegeli Sachbeschädigung vor, wollte die Sache aber mit einem Strafbefehl über 600 Euro geräuschlos zu Ende bringen. Naegeli wies das empört zurück. Der gerichtserfahrene Künstler bestand auf eine Hauptverhandlung, um seinen schon Jahrzehnte währenden Kampf öffentlichkeitswirksam fortführen zu können. „Ich wehre mich gegen ein Gesetz, das die Unveränderlichkeit eines Erscheinungsbildes einer Sache allein aus einem überkommenen Kapitalismusbegriff postuliert“, sagt der gerade erst von einer schweren Krankheit genesene Naegeli mit brüchiger Stimme im Gerichtsflur in die Mikrofone von gut zwei Dutzend Journalisten.

          Dass ihn ausgerechnet auch die Leitung der AWK angezeigt habe, findet er „spießig und kleinbürgerlich“. Für die Kunststadt Düsseldorf, wo einst eine so geniale Figur wie Joseph Beuys gewirkt habe, sei das überaus peinlich. Dass der Besitzer einer Tankstelle, an der Naegeli ebenfalls einen Flamingo landen ließ, sich geehrt fühlte und ausdrücklich auf Strafverfolgung verzichtete, wertet der 79 Jahre alte Sprayer als Beleg dafür, dass in Düsseldorf ein Tankwart einen „höheren Kunstbegriff hat als der Akademieprofessor“.

          Bestand auf eine Hauptverhandlung: Sprayerlegende Harald Naegeli, hier vor dem Bezirksgericht Zürich (Archiv).
          Bestand auf eine Hauptverhandlung: Sprayerlegende Harald Naegeli, hier vor dem Bezirksgericht Zürich (Archiv). : Bild: dpa

          Prozess mit künstlerischem Wert

          Naegeli könnte bald Gerichtsjubiläum feiern. Denn vor bald 40 Jahren musste er sich in seiner Geburtsstadt Zürich das erste Mal vor einem Richter verantworten – der prompt eine drakonische Strafe von neun Monaten Haft gegen Naegeli verhängte. Der Vollstreckung des Urteils konnte sich der „Sprayer von Zürich“ zunächst durch Flucht nach Düsseldorf entziehen. Trotz des geballten Protestes von Leuten wie Willy Brandt, Heinrich Böll, Sarah Kirsch und Joseph Beuys lieferte ihn Deutschland aus. Nach Haftverbüßung zog Naegeli wieder nach Düsseldorf, wo man allmählich Gefallen an seinen Werken fand. 2015 stellte die Stadt dem Sprayer zugeschriebene Werke auf kommunalen Flächen unter Schutz. Im Jahr darauf ehrte Düsseldorf den Künstler dann mit einer umfassenden Ausstellung. „Die Werkschau trug den vieldeutigen Titel ‚Der Prozess’“, sagt Stadtmuseumsdirektorin Susanne Anna. Sie ist am Dienstag als „Prozessbeobachterin“ ins Gericht gekommen, wie sie mit feinem Lächeln sagt. „Der Prozess ist ein fester Bestandteil des Werks von Naegeli“, erläutert die Kunsthistorikerin. Deshalb waren in der Düsseldorfer Schau nicht nur Graffitis zu sehen, sondern auch die vielen Gerichtsakten, die sich im Laufe der Jahrzehnte angesammelt haben.

          Zum ganz großen Gesamtkunstwerk wie 1979 ist es freilich selbst in der Heimat des Meisters nie wieder gekommen. Als sich Naegeli Ende 2017 zuletzt in Zürich verantworten musste, verzichtete der Richter überraschend auf ein Urteil und wies die Parteien an, sich außergerichtlich zu einigen. Ähnlich unspektakulär verläuft auch die Düsseldorfer Verhandlung. Die Akademie der Wissenschaften und der Künste weist darauf hin, dass ihr Gebäude unter Denkmalschutz steht, sie also schon deshalb verpflichtet gewesen sei, das Naegeli-Graffiti zu entfernen. Wie der private Hauseigentümer zieht auch die Akademie ihren Strafantrag zurück. Im Gegenzug verpflichtet sich der Sprayer, die Kosten für die Beseitigung seiner drei Kunstwerke in Höhe von insgesamt 800 Euro zu begleichen und 500 Euro an ein Kinderhospiz zu überweisen.

          Naegeli hätte gerne noch ein Schlusswort gesprochen. Aber das unterbindet die Richterin rasch, schließlich ist das Verfahren schon eingestellt. Erst auf dem Gerichtsflur kann Naegeli seinem Ärger über die „Sturheit und Borniertheit des Gerichts“ Luft machen. Im Rechtsgespräch hinter verschlossenen Türen habe sein Anwalt angeboten, statt der 500 Euro Geldauflage ein Kunstwerk zu geben. „Aber im Kapitalismus zählt halt nur das Geld“, sagt der Schweizer, um sodann abermals lustvoll mit seiner Wahlheimat zu hadern: Für die Kunststadt Düsseldorf sei die Entscheidung „eine Peinlichkeit“.

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