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Gerhard Ertl : Chemie-Nobelpreis zum Geburtstag

  • Aktualisiert am

Bild: reuters

Warum setzt Eisen Rost an? Wie funktioniert eine Brennstoffzelle? Wie kann ein Katalysator im Auto wirken? Gerhard Ertls Forschung zu chemischen Prozessen an festen Oberflächen beantwortet diese Fragen. Die Arbeit des Berliners wurde nun mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet.

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          Für seine bahnbrechende Grundlagenforschung im Bereich der Oberflächenchemie hat der deutsche Wissenschaftler Gerhard Ertl in diesem Jahr den Nobelpreis für Chemie erhalten. Er wird für seine Arbeiten ausgezeichnet, die es unter anderem ermöglichten, die Zerstörung der Ozonschicht besser zu verstehen, wie das Nobelkomitee am Mittwoch in Stockholm mitteilte. Seine Studien hätten auch zum Verständnis dafür beigetragen, wie Katalysatoren in Kraftfahrzeugen sowie Brennstoffzellen funktionieren und warum Eisen Rost ansetzt.

          „Oberflächenchemie kann sogar die Zerstörung der Ozonschicht erklären, da wesentliche Schritte der Reaktion auf den Oberflächen kleiner Eiskristalle in der Stratosphäre stattfinden“, erklärte das Nobelpreiskomitee in seiner Begründung. Ertl sei es gelungen, den Ablauf mehrerer wichtiger chemischer Reaktionen auf Oberflächen im Detail zu beschreiben. Damit habe er die Grundlagen für die moderne Oberflächenchemie geschaffen und eine experimentelle Schule begründet.

          Bedeutung in vielen industriellen Anwendungen

          Chemische Reaktionen auf katalytischen Oberflächen spielen in vielen industriellen Anwendungen eine große Rolle: vom Kunstdünger bis hin zur Abgasreinigung. Auch die Halbleiter-Branche nutze bei der Herstellung von Computer-Chips viele Ergebnisse der Oberflächenchemie, erklärte das Komitee. „Gerhard Ertl ist einer der ersten, der das Potenzial dieser neuen Techniken erkannte.“

          Schönstes Geburtstagsgeschenk: Nobelpreis für Gerhard Ertl

          Diese Forschung erfordert komplexe Vakuum-Geräte: Es geht es darum herauszufinden, wie sich die Schichten einzelner Atome und Moleküle auf völlig reinen Metalloberflächen verhalten. Dazu sei größte Präzision nötig, hieß es in Stockholm. Eine Anwendung dieser Technik, die zum Teil auf dem sogenannten Haber-Bosch-Verfahren basiert, ist die Untersuchung der Oxidation von Karbonmonoxid auf Platin. Genau das passiert zur Abgasreinigung in Auto-Katalysatoren.

          Ertl: „Ich bin sprachlos“

          Ertl, den die Nachricht just an seinem 71. Geburtstag erreichte, sagte der in Berlin, er sei „sprachlos“. Er habe mit dieser Ehrung nicht gerechnet. Zwar sei ihm bewusst gewesen, dass er zu den Kandidaten gehört habe, erklärte der Physiker. Trotzdem habe es ihm die Sprache verschlagen, als er erfahren habe, dass er den Preis gewonnen habe. Immerhin habe er vom Preiskomitee 20 Minuten Zeit bekommen, sich zu sammeln und sich auf den Presseansturm einzustellen. Jetzt klingele das Telefon ohne Unterlass. Alle seine Mitarbeiter hätten sich auf dem Gang vor seinem Büro versammelt, um mit ihm mit Sekt auf den Nobelpreis anzustoßen. Schneller als der neue Nobelpreisträger fand dessen Frau die Sprache wieder. „Da wird der Hund in der Pfanne verrückt“, rief sie aus. Rund zwei Jahrzehnte lang war der Chemie-Preis nicht nach Deutschland gegangen.

          Ertl, der in Stuttgart-Bad Canstatt geboren wurde, ist emeritierter Direktor des Fritz Haber Instituts für physikalische Chemie der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin. Er leitete das Institut in den Jahren von 1986 bis 2004, zuvor lehrte er in Kalifornien und lange Jahre an der Technischen Universität München. Mit der Auszeichnung des gebürtigen Schwaben geht erstmals seit zwei Jahrzehnten die höchste Auszeichnung für Chemiker, die in diesem Jahr mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro (10 Millionen Schwedischen Kronen) dotiert ist, nach Deutschland. 1988 hatten sich Johann Deisenhofer, Robert Huber und Hartmut Michel die Ehrung geteilt.

          Grünberg: „Toll für Deutschland“

          Erst am Dienstag hatte der deutsche Peter Grünberg den Physik-Nobelpreis zuerkannt bekommen (siehe: Physik-Nobelpreis für deutschen Forscher). Grünberg beglückwünschte seinen Kollegen Ertl zum Nobelpreis. „Ertl hat ganz tolle Sachen gemacht“, sagte Grünberg auf einer Pressekonferenz in Berlin. „Ich habe ihn schon öfter als Konkurrenten für Preise gehabt“, erzählte Grünberg schmunzelnd. Ertl ist wie Grünberg ebenfalls studierter Physiker. „Der zweite Nobelpreis ist toll für Deutschland“, betonte Grünberg. Die deutsche Forschung sei aber auch unabhängig von Auszeichnungen gut. „Wenn wir keinen Nobelpreis bekommen, heißt das ja nicht, dass wir schlecht sind.“ Es gebe in Deutschland „schöne und vor allem sehr ernsthafte Forschung“, lobte der Preisträger in Physik den Wissenschaftsstandort Deutschland.

          Im vergangenen Jahr hatte den Chemie-Nobelpreis der amerikanischer Forscher Roger D. Kornberg erhalten. Er bekam den Preis für die Aufdeckung des Informationsflusses von den Genen zum fertigen Protein in allen höheren Organismen (siehe: Chemie-Nobelpreis: Tiefer Blick in die Kopiermaschine des Lebens). Die feierliche Überreichung der Nobelpreise findet traditionsgemäß am 10. Dezember statt, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel.

          Nobelpreisträger der Chemie seit 1997

          Die seit 1901 verliehenen Chemie-Nobelpreise gingen vor allem an amerikanische Forscher. Die erste Auszeichnung erhielt der Niederländer Jacobus van't Hoff für die Entdeckung von Gesetzen der Osmose. Die Preisträger der vergangenen zehn Jahre sind.

          2006 Roger D. Kornberg (Vereinigte Staaten) für die Erforschung, wie die Zelle aus dem Bauplan in den Genen fertige Proteine herstellt.

          2005 Yves Chauvin (Frankreich), Robert H. Grubbs (Vereinigte Staaten) und Richard R. Schrock (Vereinigte Staaten) für die Entwicklung neuer Reaktionswege in der organischen Chemie, unter anderem zur Produktion von Plastik und Arzneien.

          2004 Aaron Ciechanover und Avram Hershko (beide Israel) sowie Irwin Rose (Vereinigte Staaten) für die Entdeckung eines lebenswichtigen Prozesses zum Abbau von Proteinen im Körper.

          2003 Peter Agre (Vereinigte Staaten) und Roderick MacKinnon (Vereinigte Staaten) für die Erforschung von Ionen- und Wasserkanälen der Körperzellen.

          2002 John B. Fenn (Vereinigte Staaten), Koichi Tanaka (Japan) und Kurt Wüthrich (Schweiz) für ihre Methoden zum Vermessen von biologischen Molekülen.

          2001 William S. Knowles (Vereinigte Staaten), Barry Sharpless (Vereinigte Staaten) und Ryoji Noyori (Japan) für die Beschreibung neuer Katalysatoren.

          2000 Alan Heeger, Alan MacDiarmid (beide Vereinigte Staaten) und Hideki Shirakawa (Japan) für Entdeckung und Entwicklung elektrisch leitender Kunststoffe.

          1999 Ahmed H. Zewail (Ägypten und Vereinigte Staaten) für die Untersuchung der Dynamik ultraschneller chemischer Reaktionen („Femtosekunden-Chemie“).

          1998 Walter Kohn (Vereinigte Staaten) und John A. Pople (Großbritannien) für ihre Beiträge zur Quantenchemie.

          1997 Paul D. Boyer (Vereinigte Staaten), John E. Walker (Großbritannien) und Jens C. Skou (Dänemark) für die Beschreibung der Produktion des universellen Zell-Treibstoffs Adenosintriphosphat (ATP) und der Entdeckung des Ionentransport-Proteins ATPase.

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