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Verlorene Geräusche : Das Schweigen der Türfeder

Das Klappern der Schreibmaschine: Komiker Jerry Lewis scheint es 1956 bei den Dreharbeiten zum Film „Wo Männer noch Männer sind“ gern zu hören. Bild: INTERFOTO

Geräusche kommen, Geräusche gehen. Manches Geräusch aber steht für eine ganze Epoche und sagt mehr, als es irgendeine Sprache je vermag. Man wird es nie mehr los.

          Ganze Epochen stecken in einem Geräusch. Manche so sehr, dass es einem die Sprache verschlägt. Oder gar nicht erst den Weg in die  Sprache findet. Das macht Geräusche schließlich zu Geräuschen. Wahrnehmung verwandelt sich dann zum wahrsten Sinn des Wortes.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Eines Tages wird es heißen: Es gab Autos, die machten einen Höllenlärm. Gemeint ist dann nicht das laute Blubbern der Trabis, nicht die Melodie – gibt es dafür Worte? – eines VW-Käfers, nicht das Tock-tock-tock der Traktoren, auch nicht das musikalische Erlebnis, im Surren eines Renault-Scenic (hochtourig im zweiten Gang) noch die Melodie des R4, Baujahr 1961, zu erkennen.

          Gemeint ist dann vielmehr, dass Autos überhaupt irgendein Geräusch von sich gegeben haben. Denn eines Tages werden sie elektrisch oder wer weiß wie betrieben werden und gar keinen Laut mehr von sich geben. Ohne Geräusch aber werden sie etwas anderes sein als früher, schon noch Autos, aber keine richtigen mehr. Nur die Hupe wird es dann wohl noch als automobile Geräuschkulisse geben – vielleicht sogar eine Art von summender Dauerhupe, um darauf aufmerksam zu machen, dass da etwas angerauscht kommt, das nicht mal mehr rauscht.

          Die Tendenz geht zum Schweigen

          So würde ein epochales Geräusch von einem neuen abgelöst, wie schon so viele epochale Geräusche von neuen abgelöst wurden. Meistens ging es dann lauter zu, woran die Dampfmaschine, die Elektrizität und der Ottomotor nicht ganz unschuldig waren, meistens wurde es dann aber irgendwann auch wieder leiser. Sieht man einmal von Rasenmähern, dem Heimwerker-Maschinenpark und der Aufrüstung in der Küche ab, geht die Tendenz neuerdings sogar zum Schweigen.

          Ein sehr naheliegendes Beispiel: Dieser Artikel wäre früher auf einer mechanischen Schreibmaschine geschrieben worden, inmitten des Geklappers anderer Schreibmaschinen, die heute zwar auch noch Maschinen, aber Leisetreter unter den Maschinen sind, mit Tastaturen versehen, die ein taubes Bild von einem Zeichen produzieren, aber kaum noch ein Geräusch.

          Die Sehnsucht nach diesen verschwundenen Geräuschen ist seltsamerweise erst lauter geworden, oder überhaupt erst entdeckt worden, als die Welt um uns herum immer leiser wurde. Vor nicht allzu langer Zeit gründeten deshalb „Sounddesigner“ ein digitales Museum für „verschwindende Geräusche“. Die meisten davon stammen von Elektrogeräten oder solchen, die es erst noch werden sollten: von der Kaffeemühle über den Mixer bis zum Kassettenrekorder. Verschwunden in dieser Kategorie sind außerdem das Telefon-Drehscheibenklackern, das Kratzen der Plattenspielernadel, das Rausch-Piepen der Modems und so manches Handy-Klingelzeichen aus der Zeit, als Nokia noch den Ton angab.

          Wann nehmen wir Geräusche bewusst wahr, wann nicht?

          Die Geräuschesammler reichten damit nicht ganz an Projekte heran, die tatsächlich untergegangene Alltagstöne wieder zum Klingen bringen wollen – im Manhattan der zwanziger Jahre zum Beispiel oder einfach in einem „Geräusche-Zoo“ für sämtliche Nervensägen des Industriezeitalters – bald dürfte dazu der Kurven-Tinnitus der Straßenbahnen gehören oder auch das Bremsquietschen der Eisenbahn. Das Fragwürdige daran ist: Nehmen wir Geräusche überhaupt bewusst als Geräusche wahr oder heißen sie nicht gerade deshalb Geräusche, weil sie an uns vorbeirauschen, ohne dass wir ihnen irgendeine Bedeutung zumessen? Und wenn wir es doch tun – warum? Ist alles nur Erinnerung?

          In einer Sozialgeschichte der Geräusche müsste es auch dieses geben: Das Dehnen einer Feder über einer Kante, dann erst einmal nichts, dann zieht sich die Feder wieder klingend zusammen, bis ein lautes Scheppern zu hören ist. So gingen Türen auf und wieder zu in der Sowjetunion. Auf einem Platz in einer Innenstadt: Scheppern, Scheppern, Scheppern. Scheppern nah, Scheppern fern. Ging man in ein Gebäude, war da die Feder oben rechts, es federte auf, es federte zurück. Dann der Knall.

          Wahrscheinlich hat sich nie jemand in dieser Tür die Finger eingeklemmt. Man war auf der Flucht, sobald die Feder ihre höchste Spannung erreicht hatte. Danach gab es nur eins: schnell hinein oder schnell hinaus. War man drin, kam man sich wie in einer Falle vor. Denn gleich würde es diesen Knall geben, wenn die Tür nicht per sanfter Türfeder schließt, sondern mit brachialer Mechanik zuschlägt. War man draußen, fühlte man sich hinausgeworfen.

          Es war ein Scheppern, das mehr über diesen Staat sagte, als es irgendeine Sprache vermochte. Wie gesagt: Ganze Epochen stecken in einem einzigen Geräusch. Man wird es nie mehr los.

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