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Gentrifizierung in Berlin : Das soll ihnen eine Leere sein

Eine Brache wird abgerissen: Bagger reißen Ende September die Hütten auf dem Cuvry-Gelände in Kreuzberg nieder. Bild: dpa

Auf einer Brache in Kreuzberg sollen Luxuswohnungen entstehen. Aus Protest haben Unbekannte jetzt Berlins berühmteste Graffiti übermalt.

          Zwei überdimensionale Graffiti in Kreuzberg standen über Jahre für das kreative Berlin, prangten auf Postkarten und in Reiseführern: ein kopfloser Mann, gefesselt durch die goldenen Ketten seiner Uhr, und einer, der einem anderen die Maske vom Kopf zieht. Seit vergangener Woche sind sie verschwunden, über Nacht mit schwarzer Farbe übermalt.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Angeblich stecken Personen aus dem Umfeld des Künstlers dahinter, der die Wandbilder 2008 malte. Sie wollten nicht, dass die berühmten Bilder zur Wertsteigerung der Bauten beitragen, die auf der Brache vor ihnen entstehen sollen, heißt es in einem Szene-Blog. 270 Wohnungen, eine Kita und ein Supermarkt will der Münchner Investor Artur Süsskind vom Frühjahr an bauen – auf einem Grundstück mit Ufer-Zugang, mit Blick auf die Spree und auf die roten Backsteine der Oberbaumbrücke, das Wahrzeichen des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg.

          Die Zerstörung der Bilder beendet vorläufig den Kampf um die Cuvry-Brache zwischen Cuvry- und Schlesischer Straße, die den Gegnern der Aufwertung Kreuzbergs und anderer Bezirke als eine der letzten Freiflächen gilt.

          Deutschlands erste Favela – in Berlin

          Die Brache ist von Metallzäunen umgeben, seit Teile der dortigen Holzhütten-Stadt im Herbst niederbrannten. Die informelle Siedlung war für manche ein Zeugnis städtischer Armut, für andere kreativer Protest gegen steigende Mieten, schwindende Freiflächen, einen Ausverkauf der Kunst im öffentlichen Raum.

          Auf einem Teil des Grundstücks zwischen Schlesischer Straße und Cuvrystraße hatten Obdachlose und Aussteiger ihre Bretterverschläge und Zelte zwischen Gestrüpp, Plastikplanen, Bauschutt und Müll versteckt. Auf dem anderen hatten sich Roma-Familien Holzhütten gezimmert, rechts und links einer Art Straße, die sie regelmäßig fegten. Mittendrin Flüchtlinge mit ungeklärtem Status und osteuropäische Alkoholiker, alle ohne Strom, Wasser, Toiletten.

          Der Müll türmte sich, es stank, Ratten huschten umher. Die Anwohner waren zunehmend genervt. Streit zwischen den Bewohnern artete auf der dicht besiedelten Fläche ohne Regeln aus. Bis im Herbst einige Bewohner nach einem Streit eine Hütte anzündeten. Alle Besetzer mussten das Gelände verlassen und durften nur noch zurück, um ihre Sachen abzuholen. Dann kamen die Bagger und machten alles platt. Das war das hässliche Gesicht der Cuvry-Brache, „Deutschlands erster Favela“.

          Das mit Freiräumen? Vorbei.

          Doch sie hatte auch ein freundliches: Ein argentinischer Künstler stiftete der wilden Siedlung eine Bibliothek, am Ufer gab es eine Bar. Im Sommer feierten Bewohner, linke Unterstützer, Touristen und Anwohner dort Partys. Lutz Henke, Berliner, Künstler, Weltbürger, bedauert das gewaltsame Ende des Experiments. Er kuratierte den Bau der ersten und berühmtesten Hütte der Siedlung, eines von einem japanischen Künstler entworfenen Recycling-Holzhauses mit Garten und in den Boden eingelassener Feuerstelle – und die jetzt übermalten Wandbilder. „Wir hatten das Gefühl, es sei nach sieben Jahren jetzt an der Zeit, dass die Gemälde wieder verschwinden“, äußert er kryptisch zu der Übermal-Aktion.

          Übermalt: Schwarze Farbe verdeckt seit Freitag die beiden Street-Art-Bilder des italienischen Künstlers Blu auf dem Cuvry-Areal

          Von seinem Atelier in der Cuvrystraße schaute Henke jahrelang direkt auf die Baulücke. Im Frühjahr dieses Jahres wurden er und die anderen Nutzer vor die Tür gesetzt. Jetzt sollen Wohnungen, Büroräume und eine Tiefgarage entstehen. Lutz Henke, gestreiftes Leinenhemd, blonder Vollbart, lacht ungläubig, wenn er davon spricht. Das Grundstück ist jetzt mit Stacheldraht gesichert. Henke hat deshalb den Grünstreifen vor dem Berliner Theater „Hebbel am Ufer“ für seine Ausstellung über den Wandel in Berlin genutzt: „Ich will zeigen, was alles verschwindet: die Brache, mein Atelier, schöner günstiger Wohnraum.“ Auch Teile der Künstler-Hütte hat er dort präsentiert.

          Henke wollte ein Berlin zeigen, das es nicht mehr gibt; das der „kreativen Szene“, die von den Freiräumen der Stadt lebte. Touristen und Künstler kämen immer noch wegen dieser Freiräume, mit denen die Stadt wirbt. „Aber das ist eigentlich spätestens seit den nuller Jahren vorbei.“

          Aus Jugendzentrum wird Brachfläche

          Für Henke ist die Cuvry-Brache das Sinnbild dessen, was Berlin verliert. In den Neunzigern stand dort das Jugendzentrum Yaam. Der grün regierte Bezirk verhinderte, das es einem schon beschlossenen Einkaufszentrum weichen musste, aber der Senat der Stadt entzog ihm wegen der besonderen städtebaulichen Bedeutung die Zuständigkeit für die Gelände. Dann geschah lange nichts.

          Leute kletterten durch den Bauzaun, setzten sich an die Spree und genossen den Ausblick. Als das von BMW geförderte Guggenheim-Lab hier campieren sollte, errichteten einige Berliner ein Protestcamp. Sie befürchteten die Gentrifizierung des Viertels. Damals schlugen auch einige Obdachlose ihre Zelte auf. 2011 verkaufte der Senat die Cuvry-Brache dann wieder. Der neue Eigentümer unternahm gegen die Holzhütten-Siedlung zwei Jahre lang nichts. Im Juni stellte er einen Antrag auf Räumung. Die Polizei war noch dabei, ihn zu prüfen, da brach das Feuer aus.

          Für den Stadtsoziologen Andrej Holm steht die Baulücke im Wrangelkiez exemplarisch für mehrere Probleme der Hauptstadt. Aus seiner Sicht sieht es in Berlin so aus: Seit 2011 werden keine Sozialwohnungen mehr gebaut, weil die Stadt sich mit einem ungeschickten Finanzierungssystem für solche Wohnungen stark verschuldet hat. Gleichzeitig steigen die Mieten, Freiflächen werden bebaut, die kreative Szene wird an den Rand gedrängt. Außerdem gebe es für immer mehr Obdachlose und Armutsflüchtlinge aus Süd- und Osteuropa nicht genügend Notunterkünfte.

          Sei Teil des kreativen Berlins!

          Ist Berlin, anders als Klaus Wowereit es in Interviews zu seinem Abschied als Regierender Bürgermeister sagte, also immer noch arm, aber wegen der schwindenden kreativen Szene weniger sexy? Stephan Assman betreibt ein Designer-Möbel-Geschäft in der Falckensteinstraße, einer Parallelstraße der Cuvrystraße, im Herzen des touristischen Kreuzberg. Früher lagerte Assmann seine Sofas und Lampen in dem Speicher gegenüber der Cuvry-Brache.

          Auch er musste im März raus. Ein paar Monate zuvor war er schon aus seinem Ladengeschäft auf der Schlesischen Straße gedrängt worden. Als er es 2003 eröffnete, sei er der erste Mieter gewesen, der nicht mehr subventioniert wurde. Zuvor sei Gewerbe im Wrangelkiez noch mit Hilfe von Quartiersmanagement angesiedelt worden, erzählt er. Dann stieg die Kaltmiete von 18 auf 45 Euro pro Quadratmeter, nachdem an einen ausländischen Investor verkauft worden war. „Der Senat verscherbelt seine besten Flächen an Spekulanten“, sagt Assmann.

          Jetzt also Falckensteinstraße statt Schlesische. Auf wenigen Metern reihen sich Restaurants mit Namen wie „Basilikum“ oder „Thymian“, Schilder werben für „home made ice cream“, und die jungen Leute, die in den Restaurants sitzen, sprechen Englisch und Spanisch. Es sind Easyjet-Touristen auf der Suche nach dem authentischen Berlin. Für die Büros, die jetzt auf der Cuvry-Brache entstehen, wirbt das Unternehmen, das die Künstler rausgeworfen und den Stacheldraht gespannt hat, mit dem Slogan „Be part of creative Berlin“.

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