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Korruption an Berliner Schule : Das war es uns auch einmal wert

Einfach mal danke sagen: In den Vereinigten Staaten ist das selbstverständlich. Bild: Imagesbuddy.com

Eine Berliner Klasse macht ihrer Lehrerin ein Geschenk – und die muss eine hohe Geldstrafe zahlen. Das ist rechtlich in Ordnung und sorgt doch für Ärger. Der Fall taugt als Lehrstück über den Umgang an unseren Schulen.

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          Die schlechte Nachricht zuerst: Anders als in den Medien verbreitet, handelt es sich bei dem Geschenk, das einer Berliner Lehrerin eine Strafe von 4000 Euro eingebrockt hat, nicht um eine Skulptur von Loriots „Herren im Bad“. Offenbar war es falsch, die Debatte um das Abschiedsgeschenk für eine engagierte Pädagogin als Posse abzutun mit dem Sketch-Zitat des Herrn Müller-Lüdenscheid: „Es gibt Wichtigeres im Leben.“

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die gute Nachricht: Knapp drei Jahre nachdem ein Bundespräsident zurücktreten musste, weil die Staatsanwaltschaft ihn der Vorteilsannahme verdächtigte, gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass in der deutschen Schullandschaft flächendeckend Bestechlichkeit herrschen würde. Was es allerdings gibt, sind zum Teil abstruse, widersprüchliche Vorstellungen davon, wie viel und in welcher Form Lehrern Anerkennung gebührt. Oder, wie es aus dem Kollegenkreis der betroffenen Lehrerin heißt: „Gut ist vielleicht, dass eine Debatte über eine gewisse Danksagekultur angestoßen wurde.“

          Ein außergewöhnliches Geschenk

          Sommer 2011: Die zehnte Klasse eines naturwissenschaftlichen Berliner Gymnasiums steht vor dem Abschied, weil die Schüler in der Oberstufe in Kurse aufgeteilt werden. Sechs Jahre lang hat die Lehrerin diese Klasse geführt. Das ist etwas Besonderes, weil zum ersten Mal in der Geschichte der renommierten Schule Fünftklässler aufgenommen wurden; weiterführende Schulen in der Hauptstadt starten in der Regel mit Klasse sieben. Ein „Experiment“, hatten Mütter und Väter auf ihrem ersten Elternabend gemunkelt, inzwischen wissen sie: Das Experiment ist geglückt. Das glauben sie vor allem der Pädagogin zu verdanken.

          Fachlich hat die Mathematiklehrerin einen exzellenten Ruf. Die Eltern schätzen zudem ihr Engagement. Jedes Jahr Klassenfahrten, und das in Zeiten, da Lehrer ihre Reisekosten aus eigener Tasche zahlen mussten. Mit klaren Ansprachen und Stringenz hat die Lehrerin anfängliche Disziplinschwierigkeiten in den Griff bekommen. Ihr Leistungsanspruch ist hoch. Die Schüler fühlen sich trotzdem fair und gerecht behandelt.

          Also haben die Eltern das Bedürfnis, sich zu bedanken bei der Frau, die sie bis heute „unsere Lehrerin“ nennen. Man beschließt, von jeder Familie 15 Euro einzusammeln, und verständigt sich in den üblichen Rundmails auf die Idee mit der Skulptur von einem Künstler, von dem man weiß, dass die Lehrerin ihn mag. Etwas Bleibendes, Anspruchsvolles sollte es sein – eine langfristige Erinnerung. „Das war schon ein außergewöhnliches Geschenk“, sagt jemand, der beteiligt war, nicht ohne hinzuzufügen: „Das war es den Eltern einfach auch mal wert.“

          Schulleiter reicht Dienstaufsichtsbeschwerde ein

          Einzelnen gegenüber moniert ein Vater, der selbst Direktor an einer Berliner Grundschule ist, Geschenke dieser Größenordnung seien nicht erlaubt. Aber das geht unter. „Wir sahen da überhaupt an keiner Stelle Unrecht“, sagt ein anderer Vater. 189,95Euro kostet die Skulptur, dazu ein Strauß für 20Euro. Der Rest des Geldes – 135,05Euro – kommt in die Klassenkasse. Bei der Zeugnisausgabe erhält die Lehrerin ein Päckchen. Die Familie des Schulleiters überreicht separat eine Blumenschale.

          Man kann sich solche Episoden an vielen Schulen vorstellen, und auch dieser Fall hätte kein Nachspiel haben müssen. Korruption ist ein Delikt ohne direkt Geschädigte, weshalb die Ermittler typischerweise darauf angewiesen sind, dass es unter den Beteiligten Ärger gibt und jemand petzt. Der besagte Schuldirektor reichte – allerdings erst Monate später – eine Dienstaufsichtsbeschwerde ein. Und obwohl daraufhin moderierende Gespräche bei der Bildungsverwaltung erfolgten, obwohl die Lehrerin die Skulptur an die Behörde übergab, obwohl sie sich einsichtig zeigte und ein Disziplinarverfahren an den Hals bekam, legte der Vater nach. Er erstattete Strafanzeige.

          Und Korruptionsermittler sind scharfe Hunde, die gerne mal ein Exempel statuieren. „Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass staatliche Leistungen käuflich sind“, sagt ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft. „Es gilt, bereits dem Anschein entgegenzuwirken.“ Die Ermittlungen wegen Vorteilsannahme werden zwar wegen geringer Schuld eingestellt, allerdings gegen Auflage: 4000Euro. Die Höhe der Strafe orientiert sich am Gehalt. Zudem bekommen knapp fünfzig Eltern Post vom Polizeipräsidenten, ein knappes Schreiben. „Tatvorwurf“: Vorteilsgewährung, „Tatort“: Adresse der Schule. „Tatzeit“: 28. Juli 2011, 10 bis 11 Uhr. Die Zeugnisausgabe. Die Betroffenen sind schockiert. Die Ermittlungsverfahren werden schließlich eingestellt. Für einzelne Eltern ist das mit beträchtlichen Anwaltskosten verbunden.

          Die Hohe Strafe sorgt für Entsetzen

          Erst zum Jahreswechsel 2014/15, da die Geschichte an die Öffentlichkeit gelangt, schlägt der Fall Wellen. Rechtlich ist die Sache unstrittig. Beamte dürfen keine Geschenke annehmen. Punkt. Trotzdem erfahren Eltern und Lehrerin jede Menge Sympathie. Die Verwaltungsvorschrift, der zufolge Berliner Lehrer Aufmerksamkeiten bis zu einem Höchstwert von zehn Euro annehmen dürfen, gehe an der Realität vorbei, finden Kritiker. Für diesen Betrag bekomme man schließlich nicht einmal einen schönen Blumenstrauß.

          Die Höhe der Strafe sorgt allenthalben für Entsetzen. Ein empörter Münchner, der im Internet zu Solidaritätsspenden für die Lehrerin aufruft, sammelt in wenigen Tagen mehr als 5000 Euro.

          Aber nur vordergründig geht es um eine Skulptur, um Denunziation, den Eifer der Strafverfolgungsbehörden und das Prinzip. Hinter der Aufregung über den Einzelfall werden Fragen des schulischen Miteinanders verhandelt. Schließlich ist es an manchen Grundschulen in kinderreichen, gutsituierten Berliner Bezirken inzwischen üblich, dass Eltern die Lehrer ihrer Kinder beschenken. Dafür wird regelmäßig ein kleiner Betrag gesammelt oder Geld aus der Klassenkasse genommen.

          „Es ist eine Geste“, sagt die Mutter eines Drittklässlers aus Pankow. „Was Lehrer leisten, ist ja auch Energie und Nervenarbeit. Sachgeschenke, die vielleicht zum Fach passen, sind perfekt. Damit nimmt man den Lehrer ernst und wahr. Das gibt ein gutes Feedback und motiviert.“

          Andere Eltern regen sich über die Entwicklung auf: „Es gibt immer wieder so überengagierte Mütter, die sich regelrecht einschleimen“, sagt eine Grundschulmutter. „Und ich habe das Gefühl, das steigert sich: Gutschein hier, Blumensträuße da, Weihnachten. Das finde ich problematisch, weil man die Lehrer damit beeinflusst. Die machen ihren Job. Da kann man sich bedanken. Aber das muss man nicht belohnen.“

          Wer hat recht? Lehrer, sagt der Vorsitzende des Landeselternausschusses, Norman Heise, arbeiteten auf einem sensiblen Feld, auf dem man viel richtig und falsch machen könne. Gute Arbeit müsse deshalb in einem gewissen Rahmen besonders gewürdigt werden dürfen. „Ich finde das im Sinne von Anerkennungskultur und Dankesagen wichtig.“

          Worte sind wichtiger als Geschenke

          Der Gegenseite geht es nicht einmal um Korruption. Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, spricht sich für strikte Regelungen aus, weil Geschenke sowohl das Kollegium als auch die Elternschaft spalten würden: Der eine bekomme etwas, der andere nicht. Manche Eltern könnten sich schon aus finanziellen Gründen nicht beteiligen.

          Wolfgang Pabel vom Vorstand des Bundeselternrates warnt, dass Geschenke den Gleichheitsanspruch an öffentlichen Schulen untergraben könnten: „Bildung soll unabhängig vom Wohlstand der Eltern zur Verfügung stehen.“ Wie man allerdings im höchsten deutschen Elterngremium beobachte, leide das Verhältnis zwischen Eltern und Lehrern seit geraumer Zeit. Es brauche weder Bücher noch Wellnessgutscheine, um Wertschätzung für pädagogische Arbeit auszudrücken, so Pabel. Aber viele Lehrer wären froh über mehr anerkennende Worte. „Ich glaube, das wäre wichtiger als Geschenke.“

          Berlins Bürgermeister kündigt Veränderungen an

          Im Bundesvergleich ist die Berliner Regelung übrigens nicht einmal besonders streng. Während sich hessische Lehrer in Ausnahmefällen Geschenke bis zu einem Wert von 75 Euro von der Schulleitung genehmigen lassen können und Baden-Württemberg auf eine Höchstgrenze verzichtet, aber sorgfältig zwischen Geschenken von Einzelnen und Gemeinschaftsaktionen unterscheidet, gilt in Hamburg selbst für Blumensträuße: Mehr als fünf Euro sind nicht drin. Trotzdem hat Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) vergangenen Dienstag um eine Überarbeitung der Vorschriften gebeten. „Diese alltäglichen Gesten der Anerkennung sollen auf vernünftige Art und Weise möglich sein“, sagte seine Sprecherin dieser Zeitung.

          An dem Berliner Gymnasium unterdessen, wo die Debatte ihren Ausgang nahm, wurden Neueltern schon im Sommer 2012 gleich beim ersten Elternabend informiert, dass Geschenke nicht erwünscht seien. Im Kollegenkreis wird hinter vorgehaltener Hand Bedauern geäußert, dass weder die Schulleitung noch die Bildungsbehörde dem Feldzug des Vaters entschiedener entgegengetreten seien. Überhaupt, dieser Vater. „Die Frage, die wir uns immer gestellt haben“, heißt es bei den Eltern von damals: „Was ist das Motiv gewesen? Warum muss man so etwas machen?“

          Die strittige Skulptur wird inzwischen im Polizeipräsidium der Hauptstadt verwahrt. Sie stammt von dem Chemnitzer Künstler Karl-Heinz Richter und heißt „Paar in Wanne“. Aktuelles Geschäftszeichen: LKA 344 – 121213 – 1000 – 033762.

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