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Korruption an Berliner Schule : Das war es uns auch einmal wert

Man kann sich solche Episoden an vielen Schulen vorstellen, und auch dieser Fall hätte kein Nachspiel haben müssen. Korruption ist ein Delikt ohne direkt Geschädigte, weshalb die Ermittler typischerweise darauf angewiesen sind, dass es unter den Beteiligten Ärger gibt und jemand petzt. Der besagte Schuldirektor reichte – allerdings erst Monate später – eine Dienstaufsichtsbeschwerde ein. Und obwohl daraufhin moderierende Gespräche bei der Bildungsverwaltung erfolgten, obwohl die Lehrerin die Skulptur an die Behörde übergab, obwohl sie sich einsichtig zeigte und ein Disziplinarverfahren an den Hals bekam, legte der Vater nach. Er erstattete Strafanzeige.

Und Korruptionsermittler sind scharfe Hunde, die gerne mal ein Exempel statuieren. „Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass staatliche Leistungen käuflich sind“, sagt ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft. „Es gilt, bereits dem Anschein entgegenzuwirken.“ Die Ermittlungen wegen Vorteilsannahme werden zwar wegen geringer Schuld eingestellt, allerdings gegen Auflage: 4000Euro. Die Höhe der Strafe orientiert sich am Gehalt. Zudem bekommen knapp fünfzig Eltern Post vom Polizeipräsidenten, ein knappes Schreiben. „Tatvorwurf“: Vorteilsgewährung, „Tatort“: Adresse der Schule. „Tatzeit“: 28. Juli 2011, 10 bis 11 Uhr. Die Zeugnisausgabe. Die Betroffenen sind schockiert. Die Ermittlungsverfahren werden schließlich eingestellt. Für einzelne Eltern ist das mit beträchtlichen Anwaltskosten verbunden.

Die Hohe Strafe sorgt für Entsetzen

Erst zum Jahreswechsel 2014/15, da die Geschichte an die Öffentlichkeit gelangt, schlägt der Fall Wellen. Rechtlich ist die Sache unstrittig. Beamte dürfen keine Geschenke annehmen. Punkt. Trotzdem erfahren Eltern und Lehrerin jede Menge Sympathie. Die Verwaltungsvorschrift, der zufolge Berliner Lehrer Aufmerksamkeiten bis zu einem Höchstwert von zehn Euro annehmen dürfen, gehe an der Realität vorbei, finden Kritiker. Für diesen Betrag bekomme man schließlich nicht einmal einen schönen Blumenstrauß.

Die Höhe der Strafe sorgt allenthalben für Entsetzen. Ein empörter Münchner, der im Internet zu Solidaritätsspenden für die Lehrerin aufruft, sammelt in wenigen Tagen mehr als 5000 Euro.

Aber nur vordergründig geht es um eine Skulptur, um Denunziation, den Eifer der Strafverfolgungsbehörden und das Prinzip. Hinter der Aufregung über den Einzelfall werden Fragen des schulischen Miteinanders verhandelt. Schließlich ist es an manchen Grundschulen in kinderreichen, gutsituierten Berliner Bezirken inzwischen üblich, dass Eltern die Lehrer ihrer Kinder beschenken. Dafür wird regelmäßig ein kleiner Betrag gesammelt oder Geld aus der Klassenkasse genommen.

„Es ist eine Geste“, sagt die Mutter eines Drittklässlers aus Pankow. „Was Lehrer leisten, ist ja auch Energie und Nervenarbeit. Sachgeschenke, die vielleicht zum Fach passen, sind perfekt. Damit nimmt man den Lehrer ernst und wahr. Das gibt ein gutes Feedback und motiviert.“

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