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Geistliche als Teufelsaustreiber : Exorzismus ist wieder in Mode

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Die Kirche zwinge in der Tat niemanden, an einen besitzergreifenden Teufel zu glauben, sagt von Teuffenbach. Aber es habe einen positiven Wert und könne das Leben erleichtern, wenn man ihn als eine Kraft sieht, die von draußen kommt und die man loswerden könne. Nach dem Liturgiebuch beschwört der Exorzist nicht den vor ihm liegenden oder sitzenden Besessenen, sondern liefert dem Teufel quasi ein Gerichtsverfahren und zählt ihm seine Niederlagen vor Gott auf, beschwört ihn, sich erkennen zu geben und vor Gott zu weichen. Dafür werden Psalmen und das Evangelium gelesen, das Glaubensbekenntnis gesprochen, gebetet, gesungen. Zum Schluss segnet der Exorzist den hoffentlich Geheilten. In der Überzeugung des Exorzisten verlässt das Böse den Menschen, wenn der allmächtige Gott angerufen wird. Eine Austreibung gelingt aber nur, sagt Alexandra von Teuffenbach, wenn der Mensch es auch will; denn der Exorzismus sei nicht Magie, sondern eine Hilfestellung, um selbst den Weg zu gehen, der zu Christus führt, und vom falschen Weg abzukommen, bei dem eines sicher sei: Das Gute schlägt letztlich immer den Bösen.

Der Versuch, das Negative von sich abzuspalten

Diese Konstruktion kann jedoch auch anders betrachtet werden. Die Rede von einem Teufel, der Menschen besetzt, sei oft eine psychodynamische Erklärung, „mit der man versucht, das Negative - das, was man an sich oder seiner Geschichte nicht mag - von sich abzuspalten“, sagt Hans Zollner, Psychologe und Psychotherapeut an der Gregoriana. Der Betroffene wolle sich „vom Bösen getrennt sehen, um sich nicht dafür verantworten zu müssen“ und die Loslösung vom Bösen einem anderen, dem Geistlichen, zu übertragen. Außerdem stört Zollner die strikte Aufteilung der Welt in das Gute und das Böse. Gott gebe dem Menschen einen Kompass, um sich „in Richtung gut“ zu bewegen. Ganz jesuitisch setzt Zollner fort, der Mensch müsse selbst „die Geister aller Schattierungen zu unterscheiden lernen“ und auf sich hören. Der Kampf gegen das Böse bei den Wüstenvätern der frühen Kirche oder bei Martin Luther sei ein Kampf gegen das Böse als Versuchung im Menschen gewesen - aber nicht Fremdbesessenheit.

Für Zollner ist es kein Zufall, dass gerade jetzt wieder viel von Exorzismus die Rede ist. Denn es sei schier unerträglich, mit dem Bösen im eigenen Leben und in einer Welt mit unmenschlichen Grausamkeiten zu Rande zu kommen. Das Böse habe zudem etwas Schillerndes, Skandalöses und wecke darum die menschliche Furcht und Neugier, sagt er. „Filme mit ihren Horrorszenen ziehen den Menschen geradezu magisch an; man kann mit Satan Geld machen.“ Exorzismus-Filme von „Der Exorzist“ (1973) bis zu „Possession - Das Dunkle in Dir“ (2012), so meint Zollner, zeigen das Abbild von Menschen, die sich besessen glauben und doch nur zum Psychiater müssten.

Dem würden Pater Pedro und Alexandra von Teuffenbach zustimmen. Nur einer von 1000 Menschen, der zu einem Exorzisten komme, könne vom Priester Hilfe erwarten, sagen sie. Darum sei es so wichtig, Exorzisten gut auszubilden, damit sie mit Psychoanalytikern oder Psychiatern kooperieren könnten. Die internationale Vereinigung von Exorzisten, die von dem bald 90 Jahre alten Gabriele Amorth in Rom gegründet wurde, der weit über 50.000 Exorzismen ausführte, stellt fest, es seien „immer mehr Exorzisten nötig, weil immer mehr Menschen okkulten Neigungen“ nachgingen. Amorth ist lange Jahre der Chefexorzist des Vatikans gewesen. Auch für ihn ist die Kooperation mit Psychologen und Ärzten unerlässlich.

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