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Geisterschiffe : Alles klar auf der „Lyubov Orlova“?

  • -Aktualisiert am

Nur noch Ratten an Bord: die „Lyubov Orlova“ auf einer undatierten Aufnahme Bild: dpa

Ein ehemaliger Kreuzfahrer treibt als Geisterschiff auf dem Nordatlantik umher. An Bord keine Menschenseele. Nun ist die „Lyubov Orlova“ ganz verschwunden. Wie konnte es dazu kommen?

          Geisterschiffe tauchen nicht von selbst auf, sie werden gemacht. So trieb von Ende Januar an auf dem Nordatlantik die „Lyubov Orlova“, ein herrenloses Kreuzfahrtschiff, in Richtung Europa. Mal tauchte sie auf den Bildschirmen auf, mal wurde sie von vorbeifahrenden Schiffen gesichtet. An Bord keine Menschenseele, nur Ratten bevölkerten das Schiff. Dann fiel der Strom aus, die Ortungsgeräte sendeten keine Signale mehr. Nun ist die „Lyubov Orlova“ ganz verschwunden. Möglich, dass der Kreuzfahrer noch immer in Richtung irische Küste treibt. Oder ist er schon gesunken? Keiner fühlt sich verantwortlich für das Geisterschiff. Wie konnte es dazu kommen?

          Die „Lyubov Orlova“, 1976 bei einer jugoslawischen Werft vom Stapel gelaufen, war mit 100 Metern Länge und 16 Metern Breite für heutige Maßstäbe ein kleines Kreuzfahrtschiff. Da ihr Rumpf eisverstärkt war, fuhr sie mit ihren 110 Passagieren bevorzugt in antarktische und arktische Gewässer. 2011 wurde sie wegen unbezahlter Rechnungen in St. John’s auf Neufundland (Kanada) an die Kette gelegt und im selben Jahr aus dem russischen Schiffsregister gestrichen.

          Seither trieb es in Richtung Europa

          Zwei Jahre lang lag das Kreuzfahrtschiff in St. John’s, bis es von dem iranischen Unternehmer Reza Shoeybi für 275.000 Dollar ersteigert wurde, mit dem Ziel, es bei einer Werft in der Dominikanischen Republik abzuwracken. Shoeybi ist der letzte Eigentümer des Schiffs. Ende Januar 2013, in der stürmischsten Jahreszeit auf dem Nordatlantik, sollte die „Lyubov Orlova“ ihre letzte Fahrt in die Karibik antreten, am Haken eines vermutlich schlecht ausgerüsteten Schleppers. Kaum hatte der Schleppzug den Hafen von St. John’s verlassen, riss die Schleppleine.

          Mehrere Versuche mit verschiedenen Schleppern, den Havaristen unter Kontrolle zu bekommen, verliefen ohne Erfolg. Gefährlich wurde es, als das unbemannte Schiff auf kanadische Ölförderplattformen auf den Grand Banks zutrieb. Die „Lyubov Orlova“ konnte zwar mit Schlepperhilfe von den Plattformen ferngehalten werden, doch als die Gefahr gebannt war und der Schleppzug internationale Gewässer erreicht hatte, traf die zuständige Behörde, Transport Canada, eine verhängnisvolle Entscheidung: Die Schleppverbindung wurde gelöst. So wurde der Havarist zum Geisterschiff. Seither trieb es in Richtung Europa.

          Zurzeit weiß niemand genau, ob die „Lyubov Orlova“ noch schwimmt oder schon gesunken ist. Ein am 1. März aufgefangenes Signal der Notfunkbake eines Rettungsbootes zeigte eine Position 700 Seemeilen westlich der südirischen Küste an. Signale dieser Art werden durch Kontakt mit Wasser ausgelöst. Das könnte darauf schließen lassen, dass das Schiff gesunken ist.

          Der Fall zeigt wieder einmal, dass die Hohe See jenseits der 200-Seemeilen-Zone juristisch ein fast rechtsfreier Raum ist. Triebe das Geisterschiff in die Hoheitsgewässer eines europäischen Staates, wäre der juristisch zuständig und verantwortlich, was wiederum trickreich verhindert werden könnte, zum Beispiel durch ein rechtzeitiges Abschleppmanöver. Für Bergungsfirmen ist das Schiff uninteressant, weil es keinen Wert darstellt. Und der letzte Eigentümer ist angeblich finanziell nicht in der Lage, die Kosten einer Bergung zu stemmen.

          Die zum Geisterschiff gemachte „Lyubov Orlova“ erinnert an das Containerschiff „MSC Flaminia“, das im Juli vergangenen Jahres auf dem Nordatlantik brannte und zunächst von keinem Küstenstaat der Europäischen Union aufgenommen wurde. Erst nach längerem Gerangel erklärte sich Deutschland bereit, dem Havaristen einen Nothafen zur Verfügung zu stellen. Obwohl damals die ablehnende Haltung einiger Küstenstaaten hart kritisiert wurde, ist der Missstand nicht gelöst. Auf Hoher See ist fast alles möglich.

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