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Geflügelwirtschaft : Geschäftsgeheimnis Hybridhuhn

  • Aktualisiert am

Die Zuchtdetails sind Geschäftsgeheimnis Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die Zeiten, in denen Hühner auf kleinen Bauernhöfen gezüchtet wurden, sind vorbei. Hühnerzucht ist heute eine hochtechnisierte Massenproduktion, die von wenigen globalen Konzernen beherrscht wird.

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          Ältere Hühnerhalter wie Bernhard Siemer können sich noch erinnern, wie es früher in der Landwirtschaft zuging - sein Vater hatte in der Nähe von Vechta noch das, was der romantische Städter als „Bauernhof“ bezeichnen würde. Heute besitzt der Sohn - und darauf legt der studierte Agraringenieur Wert - einen durchorganisierten Betrieb, bestehend aus zwanzig Produktionsstätten, Brütereien und Aufzuchtställen unter anderem in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. „Anders ließe sich das gar nicht mehr machen“, sagt Siemers.

          Bernhard Siemers und seine Brüder haben den väterlichen Hof seit 1972 immer mehr industrialisiert. Der Betrieb ist, wie alle kommerziellen Hühnerhalter dieser Welt, abhängig von den Züchtern. Siemers' Tiere werden von der Cuxhavener Firma Lohmann auf die inzwischen übliche Legeleistung von jährlich 280 Eiern pro Henne getrimmt. Das ist ein Geschäft, das weitgehend im Verborgenen gedeiht.

          Exklusive Hühnerlinien

          Eigene Pressestellen leisten sich die Züchter - wie übrigens die allermeisten Unternehmen im Hühnergeschäft - gar nicht erst. Journalisten werden grundsätzlich nicht empfangen, und das nicht erst seit der Vogelgrippe. Wer die Struktur des internationalen Hühnerhandels ergründen will, stößt schnell auf ein unentwirrbares Geflecht. Klar ist nur, daß der Konzentrationsprozeß weit vorangeschritten ist. Die Traditionsfirma Lohmann gehört mittlerweile zur Wesjohann-Gruppe, neben Natexis, Hendrix/Nutreco und Babolna einer von weltweit vier Legehennenzüchtern.

          Bild: F.A.Z.

          Ähnlich straff ist die Masthähnchenzucht organisiert: Vier Konzerne (Merck/Aventis, Tyson Foods, Hendrix/Nutreco und Aviagen) teilen sich den Weltmarkt. Jedes dieser Oligopole verfügt über mehrere exklusive Hühnerlinien, die sie nicht einmal zum Patent anmelden, weil die Zuchtdetails Geschäftsgeheimnis sind. Anders als Automobile oder Kühlschränke lassen sich ihre Produkte auch nicht so einfach abkupfern - moderne Hybridhühner besitzen gewissermaßen einen eingebauten genetischen Kopierschutz. Wer sie über Generationen hinweg vermehren wollte, würde rasch sein blaues Wunder erleben.

          ABCD-Tiere haben alle positiven Merkmale geerbt

          Basis aller heutigen Mast- und Legehühner sind Elterntiere, die in strenger Inzucht gehalten werden. Jede Inzuchtlinie für sich ist nicht besonders leistungsfähig, erst ihre Kreuzung macht die Nachfahren zu Turbohühnern. Das Verfahren ist aus der Pflanzenzüchtung übernommen, dort werden besonders prächtige Sorten als sogenannte F1-Hybriden gehandelt. Bei den Hühnern handelt es sich sogar um Doppelhybriden. Zunächst vermehrt der Züchter Tiere der Inzuchtlinien.

          Elterntiere zweier solcher Linen (etwa A und B) werden verpaart, deren Küken landen in Vermehrungsbetrieben. In dem von Bernhard Siemers sind es pro Jahr etwa 40.000 Stück. In einem seiner Aufzuchtbetriebe wachsen die Küken dann zur Geschlechtsreife heran und werden mit Hähnen gepaart, die ebenfalls aus einer Lohmann-Kreuzung der Inzuchtlinien C und D stammen. Erst diese Kreuzung beschert dem Vermehrer Siemers jene drei bis vier Millionen Hennen, die in die Aufzucht- und Legeställe wandern. Und erst diese ABCD-Tiere vereinen all jene positiven Merkmale, die zuerst auf die vier Ursprungslinien verteilt waren.

          Positiver Nebeneffekt dank Mendel

          Moderne Hybridhühner sind im wahrsten Sinne des Wortes Wunderkinder: Sie übertrumpfen ihre Eltern in den wichtigsten Merkmalen wie Eiablagemenge oder Robustheit der Schale. Dahinter steckt ein Effekt, den Genetiker „Heterosis“ nennen (siehe: „Was ist ein Hybridhuhn?“). Maiszüchter hatten diese genetische Besonderheit Anfang des vergangenen Jahrhunderts entdeckt. Bald zeigte sich, daß sich Heterosis immer dann einstellt, wenn man reinerbige Tiere aus Inzuchtlinien kreuzt.

          Offenbar ist es von Vorteil, wenn im Erbgut von den meisten Genen mindestens zwei unterschiedliche Varianten vorhanden sind. Züchtet man diese Hybriden allerdings weiter, spalten sich die gewünschten Eigenschaften nach den Mendelschen Regeln sehr schnell wieder auf. Das sei natürlich ein „positiver Nebeneffekt“ für den Züchter, untertreibt Dietmar Flock, Präsident der Deutschen Vereinigung für Geflügelwissenschaft und früher bis zu seiner Pensionierung verantwortlicher Tiergenetiker bei Lohmann. In Wahrheit ist der globale Hühnermarkt ohne den Heterosis-Effekt gar nicht zu erklären.

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