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Gefängnis für Rentner : Graue in Zellen

Ersttäter: Herr Dähne wurde erst im Alter kriminell Bild: Klein, Nora

Der demographische Wandel erreicht die Gefängnisse, aber kaum eine Anstalt ist auf ältere Häftlinge eingestellt. Ein Besuch in der JVA Waldheim und die Frage: Was ist gerecht?

          8 Min.

          Der Häftling hat Kuchen gebacken. Herr Ritter, grauer Haarkranz, eingefallene Wangen, zittrige Hände, reicht ein Stück zum Probieren und erzählt stolz, dass ihm der Kuchen ohne Hefe und ohne Backpulver gelungen ist, weil es Hefe und Backpulver nicht gibt in der Küche, nicht dass jemand daraus Sprengstoff bastelt. Man kostet anstandshalber und hört höflich zu, auch wenn es schwerfällt, weil man eigentlich darüber sprechen möchte, warum Herr Ritter hier ist, in dieser Zelle der Justizvollzugsanstalt Waldheim, die eng ist und dringend gelüftet werden müsste. Aber Herr Ritter erzählt von Kuchen, Krieg und Stalinismus, ohne dass klar wird, ob er nicht darüber reden mag oder ob er sich nicht mehr so recht erinnern kann an den Tag vor 13 Jahren, als er zum Messer griff und einen Menschen tötete.

          Andreas Nefzger

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Herr Ritter, der eigentlich anders heißt, ist nicht leicht zu fassen. Einerseits ein des Totschlags überführter Krimineller, weggesperrt für 15 Jahre, nicht mehr Herr über sein Leben. Andererseits ein vom Leben gezeichneter Greis, 85 Jahre alt und schwerhörig, vielleicht nicht einmal mehr Herr über seine Sinne.

          Abscheu oder Mitleid, was soll man empfinden gegenüber einem Mann, von dem man nicht weiß, was er selbst noch weiß? Was soll man in ihm sehen? Wie soll man ihn behandeln? Auf was soll man ihn vorbereiten? Opfer oder Täter? Gnade oder Strafe? Freiheit oder Tod?

          Das sind große Worte, aber davon handeln die Lebensläufe hier am Rande des Erzgebirges, auf Station 1/1 der Justizvollzugsanstalt Waldheim, einer Abteilung für gut 50 Häftlinge fortgeschrittenen Alters, die meisten 60 Jahre und älter.

          Ergraute Häupter hinter vergitterten Fenstern, Rollatoren auf Gefängnisfluren: Solche seltsamen Bilder sind immer häufiger zu sehen. Waren 1992 noch 1,4 Prozent der Strafgefangenen älter als 60 Jahre, so waren es 2012 schon 3,6 Prozent. Die Kriminologische Forschungsstelle Hannover nimmt an, dass um das Jahr 2030 herum Senioren erstmals mehr Straftaten begehen werden als Heranwachsende. Nicht, dass die Alten immer krimineller werden – die Gesellschaft wird immer älter und damit auch ihre Kriminellen. Der demographische Wandel macht vor deutschen Haftanstalten nicht halt.

          Senioren brauchen einen Schutzraum

          Polizei und Justiz fragen sich erst allmählich, was das bedeutet. Anfang Oktober organisierte die Gewerkschaft der Polizei eine Fachtagung über Seniorenkriminalität. Man war sich einig, dass man noch recht wenig weiß. Die Gewerkschaftszeitung fasste zusammen: „Polizei und Justiz sind vor dem Hintergrund der älter werdenden Gesellschaft in Deutschland nicht ausreichend auf den Umgang mit Seniorinnen und Senioren bei der Kriminalitätsbekämpfung vorbereitet.“

          Dauergast: Herr Ritter wurde mit Kriminalität alt Bilderstrecke

          Das gilt auch für den Strafvollzug. Haftplätze für Alte sind knapp. Der Weg in die JVA Singen, am Bodensee gelegen und das einzige Gefängnis nur für Senioren, führt über eine Warteliste. Gesonderte Abteilungen, wie es eine in Waldheim gibt, entstehen gerade im hessischen Schwalmstadt und im lippischen Detmold. Andernorts fragen sich Gefängnisdirektoren meist nicht, welchen Wendekreis ein Rollstuhl hat und ob in den Toiletten Haltegriffe nötig sind. Auch gängige Resozialisierungsmaßnahmen stoßen an ihre Grenzen. Die Zeitschrift der Gewerkschaft der Polizei fragte unlängst: „Welcher Rentner braucht noch eine Berufsausbildung?“

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