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Gefängnis für Rentner : Graue in Zellen

Die Arbeit mit solchen Häftlingen mag weniger gefährlich sein, beliebter ist sie bei den JVA-Beamten nicht unbedingt. „Das ist anstrengend hier, die Alten werden halt wie Kinder“, sagt eine von ihnen. Auch Steffen Fichte, Leiter der Uniformierten auf Station 1/1, klingt nicht so, als sei er froh über die zusätzlichen Aufgaben: „Wir sind hier manchmal die Mädchen für alles.“ Einer der Häftlinge „kackt ein“, Fichte nennt das so, es ist ein Problem, für das er eine Lösung finden muss. Seine Leute kann er das nicht machen lassen, ein uniformierter Windelwechsler, das geht nicht. Jetzt macht es ein junger Häftling, der bei Bedarf gerufen wird. Selbst die Seniorenstation kommt bei Pflege und schweren Krankheiten schnell an ihre Grenzen. „Es fehlt einfach das Personal“, sagt Sozialpädagogin Ast.

Besonders schwere Fälle versucht Andrea Ast im JVA-Krankenhaus in Leipzig unterzukriegen, oder sie sucht einen Weg, sie in die Freiheit zu entlassen. Aber in den knapp zwei Jahren, in denen sie auf der Station arbeitet, sind drei Häftlinge hier gestorben. Ast bereitete die Männer auf den Tod vor, redete mit ihnen über die Art der Beisetzung, kümmerte sich darum, dass sie noch einmal auf den Weihnachtsmarkt konnten oder etwas Besonderes zu essen bekamen. Sie erfüllte, was man bei Männern, die in der Haft Bescheidenheit gelernt haben, letzte Wünsche nennen könnte.

Der Satz im Strafvollzugsgesetz, wonach die Haft Gefangene befähigen soll, „künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen“, ergibt auf Station 1/1 manchmal keinen Sinn. Aber was soll man daraus schließen? Ist es sinnvoll, eine Strafe bis zum bitteren Ende zu vollziehen? Oder befreien nahender Tod und schleichendes Vergessen davor, für seine Taten büßen zu müssen? „Das ist eine ethische Frage“, sagt Andrea Ast und spricht dann lange, ohne letztlich eine Antwort zu geben.

Wo Träumen beim Durchhalten hilft

Herr Dähne muss sich über den Tod noch nicht zu viele Gedanken machen, er rennt im Innenhof der JVA seinem zweiten Leben entgegen. Der viele Sport ist mehr als Zeitvertreib. Herr Dähne will draußen als Trainer arbeiten und schon während der Haft Argumente liefern, ihn zu buchen. Im Frühjahr will er bei einem Halbmarathon in Dresden mitlaufen, als dann Sechzigjähriger unter die ersten zehn kommen, Eindruck schinden. „Wenn das klappt, dann steht das in allen Zeitungen“, sagt er. Wenn nicht, das weiß auch er, dann fehlen vielleicht die Gründe, einen wie ihn zu engagieren. Zum Ansporn hängt die Ergebnisliste aus dem vergangenen Jahr an der Zellenwand. Fünf bis sieben Kilo müsse er noch abnehmen, sagt Herr Dähne, um die beste Leistung abzurufen. Er isst jeden Tag die immer gleichen sechs Mahlzeiten: drei Mal 30 Gramm Proteinpulver, zwei Mal drei Eier, einmal eine Dose Sardinen. „Der Mensch hat einen Lebenserhaltungstrieb“, sagt Herr Dähne. „Er versucht immer das Beste aus seiner Situation zu machen.“

Auf der Rentnerstation, wo Träumen beim Durchhalten hilft, verschwimmen bisweilen die Grenzen zwischen Optimismus und Illusion. Selbst Herr Ritter, der 85 Jahre alte Kuchenbäcker, will das Träumen nicht lassen. Herr Ritter, so hat es inzwischen die Sozialpädagogin erzählt, hat in den vergangenen 40 Jahren viel Zeit in Haft verbracht, meist wegen Betrugs, zuletzt aber, da war er schon Anfang 70, gab es Streit mit der Lebensgefährtin, man trennte sich, konnte sich nicht einigen, wem was zusteht, da stach Herr Ritter zu. Totschlag, 15 Jahre Haft.

Entlassen wird Herr Ritter in zwei Jahren, am 25. November 2015, das Datum hat er bei aller Verwirrung parat. Danach, so hat er es neulich einmal erzählt, will er sich eine Wohnung und eine Frau suchen und glücklich alt werden. Seine Betreuer sagen, wenn er Station 1/1 überhaupt noch lebend verlasse, dann müsse er in ein Pflegeheim, langsam werde er dement.

Was ist richtig? Was ist falsch? Opfer oder Täter? Gnade oder Strafe? Freiheit oder Tod? Die Antwort der JVA Waldheim ist ein Kompromiss, die Türen gelb, das Linoleum grau, die Häftlinge ein bisschen frei.

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