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Gefängnis für Rentner : Graue in Zellen

Ein Lächeln für Mörder und Päderasten

Herr Dähne gehört zur zweiten Gruppe. Es ist Mittag, die Türen verschlossen, der Flur verlassen, die Stille unheimlich. Auf dem Bett in seinem Haftraum kauert Herr Dähne, das Haar ähnlich gemustert wie der Fußboden, die Knie an den Oberkörper gepresst wie ein Kind, das Züchtigung erwartet. Herr Dähne war einmal wer, sieben Mal Europameister und drei Mal Weltmeister auf Rollski, drei Mal Seniorenweltmeister im Skilanglauf, ein bekannter DDR-Athlet. Dann, er war schon jenseits der 50, ließ er sich auf Betrügereien ein, auf ein durchsichtiges Schneeballsystem aus Schenken und Beschenktwerden. Ein Bekannter wollte mit einsteigen, Herr Dähne sträubte sich, sie stritten, immer wieder, und irgendwann drohte der andere mit dem Messer. Es kam zum Kampf, der Bekannte starb, den Hals am eigenen Messer aufgeschlitzt. So erzählt es Herr Dähne. Seine Verteidiger plädierten auf Notwehr. Das Gericht sah es anders, Totschlag, neuneinhalb Jahre Gefängnis, reguläres Haftende 2018, aber die Möglichkeit, schon 2015 freizukommen.

Erst saß Herr Dähne für ein Jahr in Chemnitz. Hart sei das gewesen, sagt er, anderer Jargon, andere Körpersprache, andere Sitten. Da ist Waldheim natürlich angenehmer, auch wenn er, vergleichsweise jung, nicht viel gemein hat mit den anderen, nicht raucht, nicht Karten spielt, nicht viel Hilfe braucht. Er hat seinen eigenen Weg gefunden, dem Alltag Struktur, dem Nichts Sinn zu geben, abzulesen an seinem Körper und seinem Wandkalender. Montag Brust, Dienstag Beine, Mittwoch Schulter, Donnerstag Bizeps, Freitag Rücken, dahinter jeweils eine Notiz über die verbrannten Kalorien. Zudem geht Herr Dähne Laufen, über den Innenhof vor dem vergitterten Fenster, eine Runde 377 Meter, eine Stunde am Tag, manchmal auch zwei Mal eine Stunde, immer im Kreis, immer der Freiheit entgegen.

So selbständig ist längst nicht mehr jeder Häftling, das zeigt schon ein Blick über den Flur. Die Mittagsruhe ist mittlerweile vorüber, alte Männer vertreiben sich die Zeit, manche in Gruppen, manche allein, ins Leere stierend, Unverständliches brabbelnd. Man braucht nur mit Andrea Ast von einem Ende zum anderen zu gehen, um zu verstehen, warum es hier eine wie sie braucht, eine Sozialpädagogin, die auf roten Hacken über den grauen Boden stakst und selbst Mördern und Päderasten ein Lächeln schenkt.

Vorbereitung auf den Tod

Vor der Küche hockt ein Mann, der sich am Nachwuchs seines Gartenvereins vergangen hat, und raucht. Er erzählt Ast, dass sich ein Bekannter gemeldet habe, jetzt wisse er aber nicht, wie er antworten könne. „Kommen Sie mal bei mir im Büro vorbei, dann schreiben wir einen Brief“, sagt Ast und rät ihm zum Abschied noch, sich mal wieder zu rasieren, man erkenne ihn ja kaum noch. Vor Asts Büro wartet schon der nächste Mann, die Jogginghose bis zum Bauchnabel hochgezogen. Ast weiß schon, was er möchte, nimmt ihn mit in ihr Büro und druckt ihm ein paar Sudokus aus. Dann erzählt der Mann, dass es ihn immer so juckt und sein Blutdruck bei 178 zu 98 liegt, er aber nicht noch mehr Tabletten schlucken will. Gegen das Jucken empfiehlt Ast eine Lotion, wegen des Blutdrucks schickt sie ihn zur Ärztin. „Ein schönes Wochenende, falls wir uns nicht mehr sehen“, sagt der Mann. Es ist Mittwoch.

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