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Gefängnis für Rentner : Graue in Zellen

In Waldheim hat man die Alten, die immer mehr wurden, im Jahr 2006 auf Station 1/1 zusammengelegt. Ein Flur wie jeder andere, die Türen gelb, das Linoleum graumeliert, das Ambiente kühl. Schon die Trennung von den anderen Häftlingen helfe viel, sagt Andrea Ast, die Sozialpädagogin der Seniorenstation: „Im normalen Haftalltag können Senioren schnell zum Opfer werden, ausgenommen oder erpresst. Die brauchen so etwas wie einen Schutzraum.“

Im hohen Alter flippen sie plötzlich aus

Viele Kleinigkeiten machen den Senioren die Haft erträglicher. Es wurden Rollstühle und Rollatoren angeschafft, rutschfeste Matten für die Duschen, Notrufsysteme in Bettnähe. Drei Mal am Tag kommt ein Pfleger vorbei, hilft beim Waschen, wechselt Verbände. Morgens dürfen die Senioren eine Stunde zusätzlich auf den Hof, ganz ohne Wärter, weil die Gefahr nicht groß ist, dass sie sich prügeln. Viele der JVA-Beamten sind ausgebildete Pfleger oder Sanitäter. Im Notfall wissen sie, was zu tun ist, im Normalfall helfen sie schon einmal, Socken anzuziehen. Eine Ergotherapeutin hält Geist fit und Körper beweglich, eine Sozialpädagogin hilft, wo sie gebraucht wird. Die Zellentüren sind zwischen sechs und 21.30 Uhr offen, damit sich die Häftlinge zusammensetzen können, zum Rauchen, Kartenspielen, Kuchenbacken. Seit einiger Zeit werden die Zellen über Mittag aber wieder verriegelt. Da wollen die Häftlinge lieber ruhen.

Ein solcher Umgang mit Gefangenen führt natürlich zu kritischen Fragen. Ist Station 1/1 zu sehr Seniorenresidenz und zu wenig Rentnerknast? Geht es den Häftlingen zu gut? Sozialpädagogin Ast kennt die Fragen: „All diese Dinge haben nicht den Zweck, dass es den Senioren bessergeht, sondern dass sie auf eigenen Füßen stehen können, wenn sie wieder draußen sind.“ Dann erzählt sie von alten Häftlingen, die sich zurückziehen, nicht mehr waschen, unbeweglich werden, mit niemandem sprechen, geistig und körperlich abbauen, wenn sich niemand kümmert. Und von Folgekosten, die am Ende die Gesellschaft tragen muss. Es klingt nach einer oft wiederholten Rechtfertigung, mit einer wohl oft gesetzten Schlusspointe: „Und außerdem ist das hier immer noch Freiheitsentzug.“

Weniger als zwei Jahre sitzt in Waldheim kaum einer ein. Hierher kommen die schweren Fälle, Dealer mit Blasenschwäche, Räuber mit Rückenschmerzen, Päderasten mit Krebs, die grau und faltig gewordene Vielfalt menschlicher Abgründe. Andrea Ast unterscheidet zwei Typen von Gefangenen. Die einen, die schon immer kriminell waren und damit im Alter einfach nicht aufhören. Und die anderen, die immer rechtschaffen waren und dann im hohen Alter plötzlich ausflippen, die Frau erstechen. Ast spricht verständnisvoll von dieser zweiten Gruppe. „Das Kriminelle ist bei denen nicht angelegt. Eine akute Überforderung lässt die moralische Instanz einfach zusammenbrechen. Viele sind völlig entsetzt von der eigenen Tat und hocken depressiv in ihrer Zelle.“

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