https://www.faz.net/-gum-78dnm

Gefälschte Medikamente : Vorsicht, Plagiat!

  • -Aktualisiert am

Die Fälschungen sind für den Verbraucher fast nie von den Originalen zu unterscheiden Bild: dpa

Im Internet Medikamente zu kaufen, birgt Gefahren. Immer mehr der dort gehandelten Medikamente sind Fälschungen. Die Kopien können wirkungslos sein, aber auch ernsthaft die Gesundheit gefährden.

          5 Min.

          Krokodil-Handtaschen, Designerschuhe, Spielsachen oder Sonnenbrillen - gefälscht wird so ziemlich alles, auch Medikamente. Das Geschäft mit Plagiaten ist lukrativ. Anders als beim Vertrieb plagiierter Konsumgüter spielen die Kriminellen bei Arzneimittelfälschungen aber mit dem Leben ihrer Kunden. Doch die wachsende Nachfrage nach Arzneimitteln und das hohe Vertrauen in die Medizin machen es den Kriminellen leicht, ihre Kopien über das Internet zu vertreiben. Und weil die meisten Sendungen per Post oder Kurier aus dem Ausland geliefert werden, bleibt der Absender im Dunkeln. Die Gefahr für die Kriminellen, entdeckt und bestraft zu werden, ist damit gering. Die Chancen für den Käufer, die Mogelpackungen zu erkennen, sind ausgesprochen schlecht. Hinter den Arzneimittelfälschung stehen zunehmend organisierte kriminelle Banden. In Nigeria beispielsweise sind 64 Prozent der Malariamedikamente gefälscht. Deshalb sterben in dem afrikanischen Land immer mehr Menschen an dem Fieber, das von Stechmücken übertragen wird. Statt mit lebensrettenden Medikamenten werden sie mit wertloser Medizin behandelt.

          Arzneimittelfälschungen sind aber auch in Deutschland ein wachsendes Problem. Die meisten Fälschungen entdeckt zwar der Zoll, einige wenige werden über Auffälligkeiten in der legalen Vertriebskette aufgespürt oder wenn sich ein unbedachter Kunde wegen Nebenwirkungen behandeln lassen muss.

          Fälschungen auch in Apotheken gefunden

          Ins Land kommen die meisten Fälschungen über unseriöse Internet-Versandapotheken. Marina Bloch von Bayer Healthcare in Leverkusen beschrieb beim 119. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin in dieser Woche in Wiesbaden den Vertriebsweg der Kriminellen. Bestellt wird auf einer Internetseite, deren Zwielichtigkeit zunehmend schwerer zu erkennen ist. Die Bezahlung erfolgt über eine Bezahlstation in Russland, der Ukraine oder einem anderen Land und die zum Teil unter lausigen Bedingungen fabrizierten Produkte werden aus China, Pakistan, Kolumbien oder von anderswoher geliefert.

          Doch Plagiate tauchen gelegentlich auch bei legalen Apotheken auf. Jüngstes Beispiel in Deutschland ist das Magenmittel Omeprazol. In den vergangenen Monaten mussten drei Generika-Hersteller einzelne Produktionsreihen aus dem Handel ziehen, weil ihnen Imitate untergeschoben worden waren, die nicht mit dem Original übereinstimmten. Inzwischen wurden zwei Männer festgenommen. Sie hatten das Plagiat offensichtlich in Spanien fertigen lassen und es in gefälschten Packungen über den Großhandel in die legale Vertriebskette geschleust. Entdeckt wurde die Kopie, weil in einigen Beipackzetteln widersprüchliche Angaben standen.

          Falsche Angaben zu Identität und Herkunft

          Plagiatsfälle in den Apotheken sind hierzulande allerdings äußerst selten. Volker Kerrutt vom Zollkriminalamt in Köln verwies beim Internistenkongress auf eine Untersuchung des BKA, nach der zwischen 1996 und 2008 nur 38 Arzneimittelfälschungen in der legalen Vertriebskette in Deutschland bekanntgeworden sind. Seitdem sind vier weitere Fälle hinzugekommen.

          Doch ab wann ist ein Medikament gefälscht? „Wenn vorsätzlich und in betrügerischer Absicht falsche Angaben zu seiner Identität oder Herkunft gemacht werden“, sagt Manfred Schubert-Zsilavecz von der Goethe Universität in Frankfurt. Der Pharmazeut leitet auch das Zentrallaboratorium der Deutschen Apotheker, in dem unter anderem die Qualität von Arzneimitteln überprüft wird. Aus seiner Erfahrung heraus stellt er fest: „Früher wurden hauptsächlich Lifestyle-Produkte gefälscht wie Viagra, Appetitzügler, Mittel gegen Haarausfall oder Doping-Produkte. Inzwischen werden auch Antibiotika, Schmerzmittel, Verhütungsmittel, Antidepressiva, konzentrationsfördernde Mittel und sogar Krebsmedikamente gefälscht.“

          Medikamentenhandel ist lukrativer als Drogenhandel

          Getrickst werde auf allen Ebenen, bei den Wirkstoffen, den Zusatzstoffen, der Verpackung und dem Beipackzettel. Es gebe Fälschungen gänzlich ohne Wirkstoff, mit einer anderen Dosierung, mit anderen Wirkstoffen oder anderen Zusatzstoffen. Manche Kopien seien regelrechte Premium-Fälschungen, manche seien lebensgefährlich, so Schubert-Zsilavecz weiter. Weil einige Fälschungen immer perfider werden, unterstützt die Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft die Abwehr mit einer Arbeitsgruppe. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass weltweit rund zehn Prozent der Arzneimittel gefälscht sind, in Asien, Afrika und Lateinamerika bis zu 30 Prozent, in der Europäischen Union bis zu einem Prozent.

          Der deutsche Zoll hat im vergangenen Jahr 321 200 Sendungen mit gefälschten Arzneimitteln beschlagnahmt. Zollbeamter Kerrutt hält dies allerdings nur für die Spitze des Eisbergs. „Allein auf dem Flughafen Leipzig/Halle werden jeden Tag dreißigtausend Päckchen und Pakete angeliefert. Der Zoll kann bei diesem Warenaufkommen nur Stichproben machen.“ Kerrutt verwies auch darauf, dass der Handel mit gefälschten Arzneimitteln inzwischen lukrativer ist als der Drogenhandel. Heroin und Kokain spülen den Kriminellen einen Gewinn in die Taschen, der 25 Mal so hoch ist wie der Wert der Rohstoffe. Mit gefälschtem Viagra hingegen lässt sich das 500-Fache der Beschaffungskosten verdienen.

          Das Internet ist zwar der Hauptumschlagplatz für Arzneimittel-Plagiate, dort können aber auch sichere Originalpräparate erworben werden, ganz ohne Gefahr für den Verbraucher. Ulrich Fölsch vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein verweist dabei auf die seriösen Präsenzapotheken vor Ort mit spezieller Versanderlaubnis. Jede legale Versandapotheke wird durch eine Aufsichtsbehörde zugelassen. Die Zulassung ist an strenge gesetzliche Vorgaben gebunden. Die Versandapotheke muss einen in Deutschland approbierten Apotheker beschäftigen, der die Sicherheitsstandards für Lagerung, Bestellung und Auslieferung einhält. Es dürfen nur zugelassene Arzneimittel verkauft werden. Es muss sichergestellt sein, dass die Kunden in deutscher Sprache, durch pharmazeutisch ausgebildetes Fachpersonal am Telefon beraten werden. Wer wirklich sichergehen will, kann die Seriosität an Impressum, Angebot und Versandbedingungen prüfen. Bei einer seriösen Versandapotheke findet man im Impressum den Name und die Anschrift des verantwortlichen Apothekers und den Namen und die Anschrift der zuständigen Aufsichtsbehörde und Apothekerkammer. Im Idealfall kann die offizielle Erlaubnisurkunde der zuständigen Aufsichtsbehörde sogar eingesehen werden.

          Sicherheitssystem soll bessere Kontrolle ermöglichen

          “Ein wichtiger Indikator ist auch der korrekte Umgang mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln“, sagt Schubert-Zsilavecz. „Versandapotheken dürfen rezeptpflichtige Arzneimittel nur gegen Vorlage des Originalrezepts abgeben. Eine Kopie oder ein Fax reichen nicht aus.“ Wenn nur das verlangt wird, sollte man misstrauisch werden. Das Deutsche Institut für medizinische Dokumentation und Information führt ein Register mit allen seriösen Versandapotheken.

          Gegen den Handel mit gefälschten Medikamenten will nun auch die Europäische Union vorgehen. Bis 2017 werden über die EU-Fälschungsrichtlinie weitere Sicherheitsmerkmale für den legalen Vertrieb eingeführt werden. In Deutschland haben sich die Hersteller, Apotheker und Großhändler bereits auf ein System mit dem Namen „securPharm“ geeinigt. Reinhard Hoferichter, Vorsitzender des Lenkungsausschusses, erläuterte in Wiesbaden, wie die Packungen damit auf Echtheit geprüft werden. „Jede Schachtel wird über einen aufgedruckten Data-Matrix-Code zum Unikat.“ Der Code enthält eine randomisierte Seriennummer und weitere Informationen zur Haltbarkeit. Zugleich wird jede vergebene Seriennummer in einer von den Herstellern betriebenen Datenbank gespeichert. Die Packungen erreichen die Apotheken über den Großhandel. Dort wird jede Packung vor der Abgabe gescannt und mit der Datenbank der Hersteller abgeglichen. Bei Unstimmigkeiten erhält der Patient eine andere Packung. Die beanstandete Schachtel wird einbehalten und der Fälschungsverdacht untersucht. Ab 2017 wird jede Packung zudem einem Orginalitätsverschluss bekommen, damit die Arzneimittel nicht mehr umverpackt werden können.

          Fälschungen mit Folgen: Wie Sie sich schützen

          Giftiges Heparin: Zwischen Januar 2007 und Juni 2008 tauchen in elf Ländern Chargen des Blutverdünners Heparin auf, die mit wechselnden Mengen eines billigen und giftigen Imitats gestreckt worden sind. Diese Beimischung löst schwere allergische Reaktionen aus. In den Vereinigten Staaten sterben 246 Patienten. In Deutschland geraten 14 Patienten in akute Lebensgefahr, überleben aber.

          Kontaminierte Steroide: Im Oktober 2012 kommen knapp 18 000 Steroid-Ampullen in amerikanische Kliniken, die mit Pilzsporen verseucht sind. Mehr als 400 Personen erkranken an einer Hirnhautentzündung, mindestens 31 sterben. Die Ampullen wurden von einer Firma bei Boston produziert, die mit einer Art Apotheken-Lizenz eigene Medikamente zusammenstellt, die nicht der strengen Aufsicht der Behörden unterliegen.

          Krebsmedikament aus Stärke: In den Vereinigten Staaten sind seit Februar 2012 mehrere Chargen an gefälschtem Avastatin aufgetaucht. Das ist eine schwer herzustellende Protein-Arznei, mit der Krebs behandelt wird. Einige Chargen des gefälschten Avastatins enthalten nur Stärke und Aceton, in anderen ist die in der Türkei zugelassene Form enthalten. Sie sind über einen Zickzackkurs durch mehrere Länder in die legale amerikanische Vertriebskette gelangt.

          Gefälschtes Omeprazol: Zwei inzwischen festgenommene Männer haben vermutlich zwei Jahre lang eine Premium-Fälschung des Magenmittels Omeprazol in die deutsche Vertriebskette geschleust. Wegen des hohen Niveaus sind die Patienten nicht zu Schaden gekommen, allerdings ist auch nicht klar unter welchen hygienischen Bedingungen die Kopien hergestellt worden sind.

          Gefährlicher Blutdrucksenker: Im Januar 2012 sterben in Pakistan 125 Herzkranke an einer gefälschten Arznei zur Senkung des Blutdrucks. Die Fälschung enthält eine Überdosis eines Anti-Malaria-Mittels und unterdrückt die Blutbildung im Knochenmark. Falsche HIV-Medikamente: Im Herbst 2011 werden Tausende Kenianer mit einer HIV-Infektion mit einer minderwertigen Kombinationstherapie behandelt. Auch „Ärzte ohne Grenzen“ ist die Fälschung untergeschoben worden. Die Organisation macht annähernd dreitausend Geschädigte ausfindig und versorgt sie mit der richtigen Medizin.

           

          Wer Medikamente in einer Apotheke vor Ort oder einer seriösen Internet-Apotheke kauft, kann sehr sicher sein, kein gefälschtes Medikament zu bekommen.

          - Bestellen Sie nichts auf einer dubiosen Internetseite. Prüfen Sie die Seiten sehr genau. Die Internetauftritte der Fälscher werden immer raffinierter.

          - Die Seriosität einer legalen Internet-Apotheke lässt sich an Impressum, Angebot und Versandbedingungen prüfen.

          - Wer Ihnen ein verschreibungspflichtiges Medikament ohne Rezept anbietet, wird Ihnen mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Fälschung unterschieben.

          - Kaufen Sie Medikamente vor einer Reise nach Übersee oder Fernost in Deutschland und nicht am Urlaubsort. In Afrika und Asien ist jedes dritte Medikament gefälscht.

          - Erwarten Sie nicht, dass Sie eine Fälschung an der Form oder der Farbe der Tablette erkennen können, auch wenn Sie das Original sehr genau kennen. Manche Fälschungen sind so perfekt gemacht, dass sie nur durch modernste Analytik zu identifizieren sind.

          - Gehen Sie zum Arzt, wenn Sie sich nach der Einnahme eines im Internet oder im Ausland erworbenen Arzneimittels unwohl fühlen und zeigen Sie dem Arzt, was Sie eingenommen haben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eine Solarthermie-Anlage auf dem Dach wird mit einer Flüssiggasheizung kombiniert.

          Nachhaltig Wohnen : Unruhe unter Dämmern

          Die Dämmstoffindustrie ist alarmiert. Bauminister rücken von der einseitigen Ausrichtung an der Gebäudedämmung ab. Die Koalitionäre in Berlin sprechen von technologieoffenen Maßnahmen. Ein Paradigmenwechsel steht an.
          Demonstranten knien in Frankfurt vor einer Polizeikette

          Impfgegner und Anthroposophie : Höhere Einsichten dank Rudolf Steiner?

          Nach eigener Einschätzung verfügen sie über Spezialwissen, das allen anderen abgeht. Die Milieus der Anthroposophen und der „Querdenker“ haben viele Berührungspunkte. In der Pandemie macht das vieles schwerer.