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Gefährliche E-Bikes? : Boom mit Nebenwirkungen

Noch lässt sich nicht sagen, ob E-Bikes gefährlicher sind. Bild: dpa

Fahrräder mit Elektromotor erfreuen sich großer Beliebtheit – gleichzeitig steigt die Zahl der Unfälle. Das belebt auch die Debatte um die Helmpflicht. Aber sind „Pedelecs“ wirklich gefährlicher als gewöhnliche Räder?

          3 Min.

          Das „Pedelec“ ist das neue Lieblings-Fortbewegungsmittel der Silver Ager. Wer das Berufsleben hinter sich hat, wessen Kondition nachlässt, greift gerne zu den Fahrrädern mit elektrischem Hilfsmotor. Preisgünstig sind sie nicht – für weniger als 1600 Euro ist der elektrische Fahrspaß selten zu haben. 25 Stundenkilometer dürfen die Pedelecs schnell sein, der Elektromotor unterstützt den Radfahrer nur dann, wenn er in die Pedale tritt.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Seitdem der Anteil der Pedelec-Fahrer im Straßenverkehr rasant zunimmt, geraten die manchmal auch E-Bikes genannten Räder immer wieder in den Verdacht, gefährlicher als ein gewöhnliches Fahrrad zu sein. Neue Zahlen des Statistischen Bundesamtes scheinen das zumindest auf den ersten Blick zu belegen: 2016 ereigneten sich von Januar bis September 3214 Unfälle mit Pedelecs, im Jahr zuvor waren es im selben Zeitraum nur 2313 Unfälle. 2015 starben bei Pedelec-Unfällen 26 Menschen, im vergangenen Jahr waren es 46.

          Während bei normalen Fahrrädern die Zahl der Unfälle von 2015 auf 2016 um sechs Prozent zunahm, waren es bei den Pedelecs gut 30 Prozent. Auch die Zahl der Unfallereignisse mit Personenschäden nahm zu: 2015 gab es 441 Pedelecunfälle mit Personenschäden, 2016 waren es schon 628. Ähnlich entwickelte sich die Zahl der schwer verletzten Pedelec-Fahrer: Sie betrug 2015 genau 206, im vergangenen Jahr waren es schon 274.

          Die Ursachen für diesen sprunghaften Anstieg sind noch nicht genau erforscht. „Wir erheben die Unfallzahlen der Pedelecs gesondert von den Fahrrädern erst seit 2014. Wir wissen noch nicht, ob Pedelecs gefährlicher sind. Hierzu müssten wir die Unfallursachen und das Unfallgeschehen genauer erheben und untersuchen“, sagte ein Sprecher des Statistischen Bundesamtes.

          Mit der Mobilität steigen die Schwierigkeiten

          Nach einer Studie der „Unfallforschung der Versicherer“ (UDV) fahren Pedelec-Fahrer zwar geringfügig schneller, dennoch geraten sie nicht häufiger in riskante Verkehrssituationen. „Nutzer setzen die Motorunterstützung offenbar in erster Linie ein, um fahrradähnliche Geschwindigkeiten mit geringerem Aufwand zu erreichen. Das gilt besonders für ältere Radfahrer, deren Geschwindigkeiten deutlich unterdurchschnittlich waren“, heißt es in der Studie.

          Mit Antrieb: Pedelecs („Pedal Electric Cycle“) sind Fahrräder, bei denen der Elektromotor nur anspringt, wenn der Fahrer auch in die Pedale tritt – anders als bei den eigentlichen E-Bikes, die sich auch nur mit Motor und ganz ohne Muskelkraft fahren lassen.

          Das Pedelec an sich sei nicht das Problem, sondern die Nutzergruppe: Viele Senioren nutzen mit den Pedelecs die neu gewonnene Mobilität, unterschätzen aber die Schwierigkeiten in der Fahrpraxis. Sie haben keine Erfahrung mit hydraulischen Bremsen oder ignorieren zunächst, dass sie beim motorunterstützten Fahrradfahren größere Kurvenradien fahren müssen.

          Der Absatz von Pedelecs steigt rasant

          Auch der „Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club“ (AdFC), die mit 160.000 Mitgliedern größte Lobbyorganisation der Alltagsradler, führt die Zunahme der Pedelec-Unfälle nicht auf die neue Technik zurück, sondern schlicht darauf, dass heute mehr Radler Pedelecs nutzen. 2015 standen 2,5 Millionen Pedelecs und E-Bikes verkehrsbereit in deutschen Haushalten – 2016 verkauften die Händler noch einmal 560.000 Pedelecs. Das ist eine Zunahme von 22 Prozent. „Pedelecs erreichen höhere Reichweiten, es wird mehr gefahren, dieses Segment hat enorme Zuwachsraten. Deshalb haben wir die Zunahme von Unfällen in der Statistik erwartet“, sagt Stephanie Krone vom ADFC.

          Mit der Technik der Pedlecs habe das nichts zu tun, vielleicht mit der Nutzergruppe, also der „Generation 60 plus“. Komme es zu Unfällen, würden ältere Fahrer hiervon oft schwere Verletzungen davontragen. Die Helmpflicht lehnt der ADFC für Fahrräder und Pedelecs trotzdem weiterhin vehement ab. „Mit einer Helmpflicht geht die Zahl der Fahrradnutzer in der Bevölkerung sofort zurück. Man sollte es der Politik nicht so einfach machen, sich mit der Helmpflicht vor einem Ausbau der Radinfrastruktur zu drücken.“ Mit einer Helmnutzungsquote von 17 Prozent stehe Deutschland nicht schlecht da.

          Der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) sieht das anders. Er hat zusammen mit der Landesregierung in Thüringen gerade eine Studie für etwa 260.000 Euro in Auftrag geben lassen, die klären soll, wie gut Helme schützen und welche Auswirkungen eine Helmpflicht auf die Wahl des Verkehrsmittels tatsächlich hätte. Im Frühjahr soll das Ergebnis vorliegen. „Für die bearbeiteten Fragestellungen werden neue Erkenntnisse erwartet, die Grundlage für die weitere zielgerichtete Verkehrssicherheitsarbeit auch auf Landesebene sein können“, sagte Hermann dieser Zeitung.

          Der Grünen-Politiker hatte selbst mal einen Fahrradunfall. Ihm geht es vor allem darum, etwas zu tun, damit es weniger schwere Kopfverletzungen und Schädel-Hirn-Traumata gibt. Anders als viele seiner Kollegen gehört er zu den Fürsprechern einer Fahrradhelmpflicht. Ob es hierzu aus Baden-Württemberg eine Bundesratsinitiative geben könnte, wird sich entscheiden, wenn das Gutachten ausgewertet ist.

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