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Rio de Janeiro : Unter den Armen des Erlösers

  • -Aktualisiert am

Schaut auf diese Stadt: Seit 1931 thront die Christusstatue auf dem Corcovado über Rio de Janeiro. Bild: AFP

Rio de Janeiro, benannt nach einem Fluss, den es nicht gibt, feiert 450. Geburtstag. Einst sprach man vom „Versailles in den Tropen“. Heute befleckt der Kontrast zwischen Arm und Reich die Schönheit der wunderbaren Stadt.

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          Am 8. März 1808 kommt Königin Carlota Joaquina glatzköpfig in Rio de Janeiro an. Auf der Überfahrt von Lissabon nach Brasilien ist der Lausbefall so schlimm, dass sich die Regentin nicht anders als mit einem Radikalschnitt zu behelfen weiß. Ihr kahles Haupt verbirgt die damals 32 Jahre alte portugiesische Königin unter einem turmhohen Turban, der in Rio und beim Zwischenhalt in Salvador da Bahia zuvor beträchtliches Aufsehen unter den Einheimischen erregt.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Dass eine Königin bei der Ankunft in ihrer neuen Tropen-Hauptstadt unter dem prächtigen Turban kahlgeschoren ist, mag man als Symbol für die Geschichte der „Cidade Maravilhosa“, der Wunderbaren Stadt, Rio de Janeiro sehen. Denn wunderbar ist Rio gewiss: Die natürliche Szenerie von weißen Stränden, blauer See, grünen Hügeln und dunkelbraunen Felsen sucht ihresgleichen auf der Welt. Doch durch die Pracht der Natur scheint allenthalben die Existenz des Menschen in ihrer nackten Wirklichkeit hindurch.

          Am Sonntag hat Rio de Janeiro den 450. Jahrestag der Verleihung der Stadtrechte vom 1. März 1565 begangen. „Entdeckt“ wurde der Ort freilich schon gut sechs Jahrzehnte früher: Am Neujahrstag 1502 lief die Flotte des portugiesischen Seefahrers Gonçalo Coelho (1451 bis 1512) in der Guanabara-Bucht vor Rio ein. Einer der besten Steuermänner der Flotte war der Florentiner Amerigo Vespucci (1454 bis 1512), von dessen Vornamen der deutsche Kartograph Martin Waldseemüller 1507 die Bezeichnung „Amerika“ für die gewaltige Landmasse von Alaska bis nach Feuerland ableitete.

          Königin Carlota bringt Rio zu Glanz

          Die Seefahrer um Coelho hielten die Bucht irrtümlich für die riesige Mündung eines Flusses, und so gab Vespucci dem Küstenort, an dem sie ihre Zelte aufschlugen, gemäß dem Datum ihrer Ankunft den Namen „Rio de Janeiro“ – Januar-Fluss.

          Es sollte aber noch rund 200 Jahre dauern, bis der nach einem Fluss, den es nicht gibt, benannte Ort an der Guanabara-Bucht dem Hafen Salvador da Bahia den Rang als Hauptstadt der portugiesischen Kolonie in der Neuen Welt ablief. Immerhin war Rio de Janeiro dann von 1763 an fast zwei Jahrhunderte lang Hauptstadt Brasiliens – zunächst der portugiesischen Kolonie, später des selbständigen brasilianischen Königreichs und schließlich der Republik Brasilien. 1960 wurde der Regierungssitz dann in die Retortenstadt Brasília im Hinterland verlegt, die Präsident Juscelino Kubitschek (1902 bis 1976) in Rekordzeit aus dem Boden hatte stampfen lassen.

          Als der gesamte Hofstaat um König Dom João VI. und Königin Carlota Joaquina Ende November 1807 auf 40 Schiffen aus Lissabon vor den anrückenden Truppen Napoleons fliehen muss, wird Rio de Janeiro kurz darauf auch zur Hauptstadt des portugiesischen Weltreichs mit allen seinen Besitzungen in Afrika, Amerika und Asien. Mit der Ankunft von 15.000 Offizieren, Beamten, Dienern und Hofschranzen aus Lissabon beginnt der Aufstieg der eher ärmlichen Stadt mit damals 60.000 Einwohnern zur Metropole mit Boulevards, Palästen, Kathedralen.

          1100 Favelas rund um Rio

          Bald spricht man vom „Versailles in den Tropen“. Diese „Belle Époque“ reicht bis weit ins 20. Jahrhundert hinein und bedeutet für Rio weit mehr als bloß einen Schub beim Städte- und Straßenbau: Sie katapultiert die Stadt ins Zentrum der kulturellen Entwicklung Brasiliens.

          Und auch das gehört zur Geschichte Rio de Janeiros: Von den rund viereinhalb Millionen schwarzen Sklaven, die vom 17. bis zum 19. Jahrhundert von Afrika nach Brasilien verschleppt werden, kommt etwa die Hälfte am Hafen von Rio an. Ihre Nachfahren prägen bis heute den Alltag und die Kultur Rios wie die keiner anderen Stadt im Südosten Brasiliens: von Karneval und Samba über die afro-amerikanische Religion des Candomblé bis hin zu den Favelas.

          Fast 1100 solcher Armenviertel mit überwiegend dunkelhäutigen Einwohnern gibt es heute in Rio de Janeiro – von kleinen Siedlungen mit ein paar Hundert Einwohnern bis zur größten Favela Rocinha, in der sich etwa 70.000 Menschen drängen.

          Die Befriedungspolizei kämpft in den Favelas

          Rio de Janeiro hat von allen brasilianischen Städten den höchsten relativen Anteil an Favela-Bewohnern: Jeder Fünfte der acht Millionen Einwohner Rios lebt in einer Favela. Die verbreitete Vorstellung vom Elendsviertel verfehlt jedoch die Lebenswirklichkeit in den meisten Favelas. Dort herrschen nicht die chaotischen Zustände wie in den Slums asiatischer oder afrikanischer Metropolen.

          Das Leben in den beengten, aber in der Regel gemauerten Unterkünften der Favelas geht verhältnismäßig geordnet zu – mit Strom- und Wasserversorgung, Nahverkehrsmitteln und Briefzustellung, regelmäßiger Müllabfuhr und Kirchgang am Wochenende. Die allermeisten Familien in den Favelas verdienen mit harter Arbeit ihren Lebensunterhalt und verachten die Drogenkartelle so sehr wie sie diese wegen deren brutaler Gewaltbereitschaft fürchten.

          Vor gut fünf Jahren begann das politische Großprojekt der Pazifizierung der Favelas von Rio, vor allem mit Blick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Sommerspiele 2016. Anders als bei früheren Versuchen, bei denen die in den Favelas eingenisteten Drogenkartelle und Verbrecherbanden mit Razzien überrascht wurden und die Polizei hernach wieder in die Kasernen zurückbeordert wurde, sieht das neue Konzept die dauerhafte Stationierung von „Einheiten der Befriedungspolizei“ (UPP) in den Favelas vor. Inzwischen gibt es in gut einem Viertel der knapp 1100 Favelas von Rio Polizeiwachen der UPP.

          Kontraste beflecken die Stadt

          Doch die Erfolge bei der Befriedung der Favelas sind brüchig. Seit Monaten nehmen oft tödliche Feuerüberfälle der Kartelle auf UPP-Beamte wieder zu. Die Gewalt hat sich in die Lebenswelt der „Cidade Maravilhosa“ ebenso tief hineingefressen wie der beschämende Kontrast zwischen Arm und Reich. In seiner Grußbotschaft zum 450. Jahrestag der Verleihung der Stadtrechte an Rio de Janeiro beklagte auch Papst Franziskus, „dass diese Kontraste die Schönheit der Stadt beflecken“.

          Angesichts dieser inneren Spaltung sollten die Menschen die Arme füreinander ausbreiten wie die Erlöser-Statue über der Stadt. Seit 1931 hält der „Cristo Redentor“ auf dem Corcovado-Berg unermüdlich seine segnenden Hände über die „Cariocas“, wie die Einwohner Rios heißen.

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