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Rio de Janeiro : Unter den Armen des Erlösers

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1100 Favelas rund um Rio

Bald spricht man vom „Versailles in den Tropen“. Diese „Belle Époque“ reicht bis weit ins 20. Jahrhundert hinein und bedeutet für Rio weit mehr als bloß einen Schub beim Städte- und Straßenbau: Sie katapultiert die Stadt ins Zentrum der kulturellen Entwicklung Brasiliens.

Und auch das gehört zur Geschichte Rio de Janeiros: Von den rund viereinhalb Millionen schwarzen Sklaven, die vom 17. bis zum 19. Jahrhundert von Afrika nach Brasilien verschleppt werden, kommt etwa die Hälfte am Hafen von Rio an. Ihre Nachfahren prägen bis heute den Alltag und die Kultur Rios wie die keiner anderen Stadt im Südosten Brasiliens: von Karneval und Samba über die afro-amerikanische Religion des Candomblé bis hin zu den Favelas.

Fast 1100 solcher Armenviertel mit überwiegend dunkelhäutigen Einwohnern gibt es heute in Rio de Janeiro – von kleinen Siedlungen mit ein paar Hundert Einwohnern bis zur größten Favela Rocinha, in der sich etwa 70.000 Menschen drängen.

Die Befriedungspolizei kämpft in den Favelas

Rio de Janeiro hat von allen brasilianischen Städten den höchsten relativen Anteil an Favela-Bewohnern: Jeder Fünfte der acht Millionen Einwohner Rios lebt in einer Favela. Die verbreitete Vorstellung vom Elendsviertel verfehlt jedoch die Lebenswirklichkeit in den meisten Favelas. Dort herrschen nicht die chaotischen Zustände wie in den Slums asiatischer oder afrikanischer Metropolen.

Das Leben in den beengten, aber in der Regel gemauerten Unterkünften der Favelas geht verhältnismäßig geordnet zu – mit Strom- und Wasserversorgung, Nahverkehrsmitteln und Briefzustellung, regelmäßiger Müllabfuhr und Kirchgang am Wochenende. Die allermeisten Familien in den Favelas verdienen mit harter Arbeit ihren Lebensunterhalt und verachten die Drogenkartelle so sehr wie sie diese wegen deren brutaler Gewaltbereitschaft fürchten.

Vor gut fünf Jahren begann das politische Großprojekt der Pazifizierung der Favelas von Rio, vor allem mit Blick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Sommerspiele 2016. Anders als bei früheren Versuchen, bei denen die in den Favelas eingenisteten Drogenkartelle und Verbrecherbanden mit Razzien überrascht wurden und die Polizei hernach wieder in die Kasernen zurückbeordert wurde, sieht das neue Konzept die dauerhafte Stationierung von „Einheiten der Befriedungspolizei“ (UPP) in den Favelas vor. Inzwischen gibt es in gut einem Viertel der knapp 1100 Favelas von Rio Polizeiwachen der UPP.

Kontraste beflecken die Stadt

Doch die Erfolge bei der Befriedung der Favelas sind brüchig. Seit Monaten nehmen oft tödliche Feuerüberfälle der Kartelle auf UPP-Beamte wieder zu. Die Gewalt hat sich in die Lebenswelt der „Cidade Maravilhosa“ ebenso tief hineingefressen wie der beschämende Kontrast zwischen Arm und Reich. In seiner Grußbotschaft zum 450. Jahrestag der Verleihung der Stadtrechte an Rio de Janeiro beklagte auch Papst Franziskus, „dass diese Kontraste die Schönheit der Stadt beflecken“.

Angesichts dieser inneren Spaltung sollten die Menschen die Arme füreinander ausbreiten wie die Erlöser-Statue über der Stadt. Seit 1931 hält der „Cristo Redentor“ auf dem Corcovado-Berg unermüdlich seine segnenden Hände über die „Cariocas“, wie die Einwohner Rios heißen.

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