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Gastronomie : Sieg der Sterne

  • -Aktualisiert am

Orientierungshilfe - nicht nur für Feinschmecker Bild: dpa

Während heute der "Der Michelin" als Hotel- und Restaurantführer dient, half er den Alliierten bei der Eroberung Frankreichs.

          In Henry Millers "Wendekreis des Krebses" (1934) heißt es über einen gewissen Moldorf, auf den ersten Blick sei er die Karikatur eines Menschen: "Basedow-Augen. Lippen wie Autoreifen. Stimme wie Erbsensuppe." Die Reifen-Metapher amüsiert in einer Zeit, die Schönheitschirurgen beschäftigt, um Lippen aufzupumpen. Das Original nennt die Dinge beim Namen: "Michelin lips". Ist Moldorf ein Feinschmecker, der vom Testessen so volle Lippen bekommen hat? Und einen michelín angesetzt hat, den spanischen Faltenbauch? Nein, die Übersetzung stimmt schon. "Der Michelin" ist heute der rote Hotel- und Restaurantführer, damals war es der Reifen. Aber in Bibendum, dem Logo des 20. Jahrhunderts (wozu es an dessen Ende gewählt wurde), sind beide Aspekte vereint: der automobile und der gastronomische.

          Seine Entstehungsgeschichte zeigt, daß die erfolgreichsten Unternehmen auf einer Verbindung von Wirtschaft und Kunst beruhen. Nachdem die Brüder André und Edouard Michelin die Gummifabrik ihres Vaters in Clermont-Ferrand übernommen hatten, erfanden sie den auswechselbaren Fahrradreifen (1891) und den Luftreifen für das Automobil (1895). Diese Ingenieure mit Sinn für Poesie verstanden die komprimierte Luft als "Seele" des Pneus.

          "Der Reifen schluckt das Hindernis"

          Sie schufen ein lebendiges Markenzeichen. Auf einem ihrer Messestände hatte Edouard seinen Bruder einmal auf die Menschenähnlichkeit eines dort ausgestellten Reifenstapels aufmerksam gemacht. Als ihnen 1897 der Plakatkünstler O'Galop Werbeentwürfe präsentierte, darunter einen für eine bayerische Brauerei bestimmten dicken Biertrinker mit der Horaz-Zeile "Nunc est bibendum", erinnerte sich André an den Reifenstapel und gab der Beischrift den richtigen Spin: "Der Reifen schluckt das Hindernis", denn Nägel, Scherben und Bordsteine machen ihm nichts aus.

          Der zweite Coup war die Herausgabe des "Guide Michelin" im Jahre 1900. Als Muster an Umwegrentabilität brauchen Reifen weite Ziele, und um das höchste Ziel, die Schönheit Frankreichs, mit Auto und Fahrrad zu erkunden, benötigt der Reisende aktuelle Hotelverzeichnisse und Karten - anfangs sogar Angaben über Schlauchreparatur, Tankstellen, Mechaniker und eine "Liste guter Chirurgen".

          Michelin-Führer als Orientierungshilfe

          Das kleine rote Buch enthält die lakonische Voraussage: "Dieses Werk erscheint mit dem Jahrhundert; es wird auch so lange existieren." Michelin hat Wort gehalten, außer 1921, zwischen 1915 und 1918 sowie zwischen 1940 und 1944 erschien jedes Jahr eine neue Ausgabe, die bis 1939 und dann erst wieder lange nach dem Krieg ständig an Umfang zunahm. Bis 1914 war der Führer für Kraftfahrer kostenlos, um den Motor anzukurbeln: Je stärker er die Reiselust entfachte, desto mehr Reifen wurden verkauft, und je stärker der Individualverkehr wuchs, desto größer wurde der Orientierungsbedarf.

          Es ist ein Aperçu der Weltgeschichte im zwanzigsten Jahrhundert, daß in dem Moment, da seine Kultur im höchsten Maße durch den braunen "Führer" bedroht war, der Führer Guide Michelin durch seine orientierende Kraft mithalf, die Barbarei zu besiegen. 1944 veranlaßte der amerikanische Geheimdienst den Nachdruck des letzten vor dem Krieg erschienenen Michelin-Führers (1939), um ihn den am D-Day beteiligten Offizieren an die Hand zu geben - wegen der darin enthaltenen Ortspläne, einem Kartenmaterial, das so vollständig und kompakt anderweitig nicht verfügbar war. Zeitzeugen berichten, daß die vordringenden Einheiten erstaunlich gut über die kleinen Städte Bescheid wußten, die sie eroberten oder rasend durchquerten.

          Vollständige Sammlung kostet rund 20 000 Euro

          Wahrscheinlich wurde nur eine kleine Auflage des Nachdrucks hergestellt, denn das Buch ist heute ein Rarissimum, das auf Auktionen mindestens 1000 Euro erzielt. Eine vollständige Sammlung aller Michelin-Führer France seit 1900 kostet rund 20 000 Euro, einige Restaurants präsentieren sie stolz in ihren Räumen, um zu zeigen, welchem Anspruch und welcher Tradition sie sich verpflichtet fühlen. Bei Georges Blanc in Vonnas steht an der Rezeption eine Vitrine mit allen 95 roten Führern, unter denen sich das Militärexemplar als weißer Rabe abhebt.

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