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Gastdozentin in Amerika : Margot Käßmanns neue Welt

  • -Aktualisiert am

Popstar der Theologie: Käßmann auf dem Campus der Emory University Bild:

Als Gastdozentin in Amerika sucht die Ex-Bischöfin eine Auszeit vom Rummel um ihre Person. An der theologischen Fakultät der Emory University genießt sie ihre neue Freiheit. Aber so ganz hinter sich lassen will sie die Öffentlichkeit trotzdem nicht.

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          Im letzten Raum am Ende eines hellen, langen Ganges mit weißgetünchten Wänden sitzt Margot Käßmann. Die Türe zu dem kleinen, schlichten Büro mit der Nummer 450 steht offen; zunächst durchbricht nur das leise Klackern der Finger auf der Computertastatur die Stille an diesem Vormittag. Die Candler School of Theology, die Theologische Fakultät der Emory University in Atlanta - sie ist seit zwei Wochen Gastheimat für die ehemalige Ratsvorsitzende der EKD und Landesbischöfin von Hannover. „Eine Phase der Neuorientierung“ sei die Zeit in Amerika, erzählt Käßmann. Sie sieht gut aus; zierlich und drahtig und gebräunt nach einem Wochenende in den Bergen von North Carolina. Um den Hals trägt sie ein großes Kreuz aus dunklem Lavastein.

          Es sei einfach gut, sagt sie, „Abstand zu Deutschland zu gewinnen, nach den vergangenen Monaten mit all den Diskussionen um mich als Person“. Nach einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss und einem Pressegewitter war sie im Februar zurückgetreten. Bis Jahresende wird sie in den Vereinigten Staaten bleiben; Emory in der Südstaatenmetropole Atlanta, wo Käßmann als Gastdozentin Vorlesungen hält und predigt, ist eine Eliteuniversität, gegründet von Methodisten und gesponsort von der Coca-Cola Company. Danach wird sie an der Ruhr-Universität in Bochum lehren.

          Die Gastdozentin ist ein Vorbild für Frauen in der Kirche weltweit

          Jan Love, Dekanin der Theologischen Fakultät in Atlanta und seit vielen Jahren mit Käßmann befreundet, hatte gesagt: „Margot ist mutig, sie ist klug, sie ist ehrgeizig, und sie hat einen wunderbaren Humor.“ Vor allem sei sie ein Vorbild für Frauen in der Kirche weltweit. Aber gerade davon, von der Rolle als Leitfigur, will Käßmann ja strenggenommen eine Auszeit nehmen. Doch ganz so einfach ist das eben nicht.

          Dass die Exbischöfin zum Beispiel unter http://www.evangelisch.de/themen/blogs/notizen-aus-uebersee einen Blog über ihre Erlebnisse schreibt, war etlichen deutschen Zeitungen Meldungen wert. Sie habe sich vorgenommen, sagt Käßmann und betrachtet ihr Gegenüber prüfend und gelassen, „mit offenen Augen durchs Land zu gehen“. Eigentlich kennt Käßmann Amerika zwar schon. Als Austauschschülerin verbrachte sie ein Jahr in Connecticut und war danach immer wieder zu Konferenzen und Vorträgen hier. Ihre Reisenotizen indes lesen sich eher wie der muntere Erlebnisaufsatz einer Übersee-debütantin. Mit den erklärt offenen, vor allem aber staunend großen Augen entdeckt sie allerhand: dass die Supermärkte rund um die Uhr geöffnet sind zum Beispiel. Sie erlebt, dass Amerika tatsächlich ein Schmelztiegel der Kulturen ist: Jedes Gesicht auf dem Campus, schreibt sie, zeige andere Züge, aus Afrika, Asien, Europa, Lateinamerika. Und sie fragt, rhetorisch: „Was ist der typische Amerikaner?“

          Käßmann auf allen Kanälen

          Zu Hause in Deutschland stoßen Käßmanns Notizen auf riesiges Interesse, sagt eine Sprecherin des Portals „evangelisch.de“. Jedenfalls generiert jeder Post von Käßmann bis zu 2000 Klicks, und das Buch zum Blog ist bereits in Planung. Derartige Aufmerksamkeit erfährt aber ja so ziemlich alles, was Margot Käßmann tut oder nicht tut, sagt oder nicht sagt. Ihre Bücher sind garantierte Verkaufserfolge; ihre Autobiographie „Aus der Mitte des Lebens“ steht seit vielen Wochen auf den Bestsellerlisten. Für das ZDF hat sie gerade zwei Sondersendungen produziert, die am Reformationstag und am Buß- und Bettag ausgestrahlt werden sollen. Titel: „Mitten im Leben“. Käßmann auf allen Kanälen - auch wenn sie selbst physisch in Amerika weilt. Das „Phänomen Käßmann“ hat noch immer Kraft, trotz oder gerade wegen ihres Rücktritts. Gäbe es eine Direktwahl zum Bundespräsidenten, müsste Christian Wulff sich warm anziehen.

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