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Fußball-WM : Die Kräfte des Marktes helfen den Fans

  • -Aktualisiert am

Die Reiselust zur WM nach Brasilien ist nicht wie erwartet Bild: dpa

Frühbucher im Nachteil: Erst wurden Wucherpreise beklagt, nun purzeln die Preise für Hotelübernachtungen während der Fußball-WM in Brasilien. Offenbar kommen weniger Gäste als erhofft.

          Zuerst beklagten potentielle Kunden Wucher. Jetzt fürchten möglicherweise düpierte Anbieter Preisverfall. Am Ende des vergangenen Jahres hatte sich angesichts wuchtig erhöhter Preise für Hotelübernachtungen und Inlandsflüge während der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien vom 12. Juni bis zum 13.Juli sogar die brasilianische Regierung eingeschaltet und nicht näher bezeichnete Maßnahmen zum Schutz der Verbraucher vor Wucherpreisen versprochen. Fünfzig Tage vor dem Eröffnungsspiel zwischen Gastgeber Brasilien und Kroatien in São Paulo scheinen die Marktkräfte den Fans zu helfen: Die Preise für Übernachtungen in den zwölf Austragungsorten der insgesamt 64 Spiele haben im April merklich nachgegeben.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Die Übernachtung in einem Hotel von Rio de Janeiro nach dem Finale im Maracanã-Stadion vom 13. Juli ist heute zum Beispiel durchschnittlich 43 Prozent billiger als bei einer Frühbuchung im Januar. Wer sich nach dem Eröffnungsspiel zwischen Brasilien und Kroatien am 12. Juni in einem Hotel in São Paulo ausruhen möchte, muss für eine Buchung heute 20 Prozent weniger zahlen als vor drei Monaten. Auch in Salvador da Bahia, wo der derzeitige Weltmeister Spanien am 13. Juni gegen Vizeweltmeister Holland spielt, sind die Hotelpreise um durchschnittlich 33 Prozent zurückgegangen. Am deutlichsten ist der Preisnachlass für ein Doppelzimmer in Rio de Janeiro am 18. Juni: An diesem Tag stehen sich im Maracanã Chile und Spanien gegenüber.

          Überzogene Erwartungen der Reiseveranstalter

          Zu diesen Ergebnissen kommt eine Analyse der brasilianischen Tageszeitung „Folha de São Paulo“ auf der Grundlage von Suchanfragen auf der Website Trivago, die Angebote aus 40 Ländern vergleicht. Als Gründe für den Preisrückgang nennen Fachleute überzogene Erwartungen von Reiseveranstaltern, die eine große Anzahl von Hotelzimmern blockiert haben. Angesichts einer recht schwachen Nachfrage werden die reservierten Zimmer wieder auf den Markt gegeben und drücken die Preise. Auch der vom Weltfußballverband Fifa beauftragte Hotel-Vermarkter „Match Services“ hat viele Bettenreservierungen zurückgegeben.

          Ob sich auch die jüngsten Berichte über Gewalttaten und Ausschreitungen in Rio de Janeiro und Salvador schon auf die Preise für Hotelbetten ausgewirkt haben, ist nicht klar. Möglich ist auch, dass die vom brasilianischen Fremdenverkehrsamt angegebene Zahl von 600.000 ausländischen WM-Besuchern von Beginn an zu hoch gegriffen war. Unstrittig ist, dass private Zimmervermieter, etwa in den inzwischen als sicher geltenden Armenvierteln (Favelas) von Rio, den Markt für Übernachtungen zugunsten der Kunden beeinflussen.

          Auch Autovermieter wieder realistisch

          Auch unter den Autovermietern ist an die Stelle überzogener Erwartungen inzwischen Realismus getreten. Eugenio Mattar, der Chef des größten brasilianischen Autovermieters Localiza, rechnet nicht mit einer nennenswerten zusätzlichen Nachfrage. Dem potentiellen Zusatzgeschäft durch ausländische Fußballfans stünden Einbußen bei Geschäftsreisenden gegenüber, die ihre Besuche in Brasilien wegen des WM-Trubels aufschieben oder gar streichen könnten. Schon beim Konföderationen-Turnier von acht Fußball-Nationalmannschaften im Juni und Juli 2013 sei die „zusätzliche Nachfrage geringer gewesen als wir erwartet hatten“, sagt Mattar. Die Massenproteste von Mitte 2013 gegen die hohen Kosten für die WM-Stadien sowie wegen des desolaten Zustands des staatlichen Bildungs- und Gesundheitswesens habe zudem im Ausland den Eindruck vermittelt, dass „das Land des Fußballs die WM nicht will“. Der WM-Gastgeber habe „den Elan verloren“, klagt Mattar.

          Der Brasilien-Chef der internationalen Hotel-Kette Accor, Roland Bonadona, beklagte dieser Tage in einem Gespräch mit der Wochenzeitschrift „Exame“, dass Brasilien eine einmalige Gelegenheit verpasst habe, mit der WM den Fremdenverkehr zu fördern. Das brasilianische Tourismusministerium habe „nichts unternommen, um den Tourismus zu fördern“, weil die Regierung in Brasília davon ausgegangen sei, „dass sich Brasilien von selbst verkauft“, sagte Bonadona, dessen Unternehmen in Brasilien über etwa 30000 Hotelbetten verfügt. Angesichts der großen Entfernung des Landes von den wichtigsten Quellen internationaler Besucherströme in Nordamerika, Europa und Asien sehe sich Brasilien aber großer Konkurrenz ausgesetzt: „Viele Länder konkurrieren um die Aufmerksamkeit der Touristen.“ Die Deutschen hätten es bei der WM 2006 verstanden, ihr Land als weltoffen und besucherfreundlich zu präsentieren, was sich angesichts der Zufriedenheit der ausländischen Touristen positiv auf das nationale Selbstwertgefühl der einheimischen Bevölkerung ausgewirkt habe. Brasilien aber verströmt sieben Wochen vor WM-Anpfiff eine verkaterte Stimmungsmischung aus Selbstbezogenheit, Selbstüberschätzung und Selbstzweifel.

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