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Zweiter Weltkrieg : Mit Gummipanzern gegen die Nazis

Enorm sparsam im Verbrauch: Die Panzer der „Ghost Army“ wurden von Soldaten getragen. Bild: Ullstein

Die Amerikaner setzten im Zweiten Weltkrieg eine „Ghost Army“ ein: Ihre Waffen waren falsche Funksprüche, Kampfgeräusche aus Lautsprechern und aufblasbare Panzer. Jahrzehntelang blieb das geheim. Heute erzählt einer der Funker gerne davon.

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          Gazo Nemeth ist nicht mehr der Jüngste. Er wird bald 93 Jahre alt, und eigentlich hatte er sich in seinem Ruhestand in Fort Myers schon ganz gut eingerichtet. Jahrzehntelang hatte er sich im kalten Ohio in einem Stahlwerk, als Maurer und schließlich in einer Möbelfabrik abgerackert, bevor er mit seiner Frau ins warme Florida zog. Doch dann kam die Geschichte mit der „Ghost Army“ ans Licht - und vorbei war es mit der Rentnerruhe. „Das ist schon komisch: Mein Leben lang war ich ein Niemand, und jetzt bin ich plötzlich eine Berühmtheit und gebe Interviews. Ist das nicht großartig?“

          Peter Badenhop
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Fast 70 Jahre lang musste Gazo Nemeth schweigen. Nicht einmal seiner Frau und den zwei Töchtern durfte er erzählen, was im Zweiten Weltkrieg seine Aufgabe war. „Ich war nur ein einfacher Funker“, lautete seine Standardantwort auf Fragen nach dieser Zeit. „Wir wurden alle zu absolutem Stillschweigen verdonnert, und wir haben uns dran gehalten“, erinnert sich Nemeth. Jetzt genießt er es, dass er endlich über seinen Anteil an einer der geheimsten Operationen der Kriegsgeschichte berichten kann.

          Gazo Nemeth im Gespräch über seine Kriegserinnerungen Bilderstrecke
          Gazo Nemeth im Gespräch über seine Kriegserinnerungen :

          Nemeth war tatsächlich Funker, einer von 150 in der Einheit „23rd Headquarter Special Troops“. Zu deren insgesamt gut 1100 Mann gehörten auch Tarnexperten, Geräuschemacher, Attrappen-Bauer und ein paar Dutzend Scharfschützen. Die Aufgaben dieser direkt dem Oberkommando der Alliierten von General Dwight Eisenhower unterstellten Truppe: Nachahmung, Irreführung, Verschleierung, Schwindel. Die Mittel dazu: falsche Funksprüche, Kampfgeräusche aus großen Lautsprechern und jede Menge aufblasbare Panzer und Flugzeuge.

          „Es klang verrückt“

          Die Täuschung des Gegners ist schon immer ein wichtiger Teil des Kriegshandwerks gewesen. Die Idee, eine ganze Einheit mit dieser Aufgabe zu betrauen, war jedoch neu. Sie stammte wahrscheinlich von dem New Yorker Journalisten und Autor Ralph Ingersoll, der 1943 als Hauptmann in London mit den Briten verschiedene Täuschungsmanöver aushecken sollte. Entgegen seiner eigenen Erwartungen konnte er seine Vorgesetzten von dem ebenso ungewöhnlichen wie ambitionierten Plan überzeugen.

          Im Januar 1944 wurde die „23rd Headquarter Special Troops“ mit ihren vier Teileinheiten offiziell in Dienst gestellt: Dazu gehörten die „3132 Sonic Service Company“ mit ihren Geräusche-Schallplatten und Lautsprecheranlagen, das vor allem aus Künstlern bestehende und für die Gummipanzer und -Flugzeuge verantwortliche „603rd Engineer Battalion“, die für den Auf- und Abbau der Attrappen zuständige „406th Engineer Cambat Company“ und die „Signal Company Special“ mit besonders begabten Funkern wie Gazo Nemeth. Er kann sich noch an den Tag erinnern als er angesprochen und verpflichtet wurde. „Es klang verrückt, aber wir haben das sehr, sehr ernst genommen.“

          Dokumentarfilm : Trailer „The Ghost Army“

          Für diese „Geisterarmee“, die in der Lage sein sollte, den Einsatz von zwei Divisionen, also gut 30.000 Mann, zu simulieren, ließ die Army-Führung Tontechniker, Fotografen, Illustratoren, Schauspieler und andere Kreative rekrutieren. Unter ihnen waren einige, die nach dem Krieg berühmt wurden, etwa die Maler George Vander Sluis, Arthur Singer und Ellsworth Kelly, der Modemacher Bill Blass und der Designer Jack Masey. Anfang Mai 1944 wurden sie wie Zehntausende andere amerikanische Soldaten nach England verschifft und einige Wochen nach der Invasion in der Normandie ins Kriegsgebiet nach Nordfrankreich geschickt.

          Arsenal der Irreführung

          Bis zum Kriegsende absolvierte die „23rd“ mehr als 20 Operationen, einige sehr große, wie gleich zu Beginn in der Schlacht um Brest. Das Muster war immer gleich: Die „Geisterarmee“ nahm die Position verschiedener Divisionen ein und täuschte mit Lautsprecher-Wagen, Gummi-Attrappen und Pseudo-Funkverkehr alle möglichen Aktivitäten vor. Derweil konnten die „echten“ Army-Einheiten abziehen und an anderer Stelle zum Überraschungsangriff übergehen.

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