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Zweiter Weltkrieg : Mit Gummipanzern gegen die Nazis

Das Arsenal der Irreführung war groß, und die Mitglieder der „23rd“ waren sehr einfallsreich: Auf Wiesen und Feldern hinterließen sie mit Raupen und Baggern täuschend echte Panzerspuren. Aus riesigen Boxen ließen sie die Geräusche fahrender Panzer und Lastwagen, Stimmengewirr oder Artilleriefeuer erklingen. Sie arbeiteten mit Scheinwerfern und Blitzgeräten, errichteten mit ihrem aufblasbaren Kriegsgerät falsche Flugfelder, Panzer-Lager oder Artilleriestellungen. Die Täuschung gelang mitunter so gut, dass auch amerikanische Einheiten auf sie hereinfielen.

„Wir haben sogar falsche Uniform-Abzeichen getragen“, erinnert sich Nemeth, „und dafür auch schon mal Ärger mit den eigenen Leuten bekommen.“ Denn auch hinter der Front waren die Soldaten der „23rd“ aktiv und versuchten in den befreiten Teilen Frankreichs verbliebene Spione und Kollaborateure mit Gerüchten und Fehlinformationen zu überlisten.

Nur drei Tote in der Einheit

Gefechte mit dem Feind hat es für Nemeth und seine Kameraden nie gegeben. „Ich habe im ganzen Krieg nicht einen Schuss abgefeuert, ich habe nur mit meinem Morsegerät gekämpft.“ Gefährlich wurde es für die Soldaten der „Geisterarmee“ mitunter dennoch. In einigen Fällen gerieten sie unter Artilleriebeschuss. Aber das war der Preis des Erfolgs: Denn dann hatte die Täuschung so gut funktioniert, dass die Deutschen die Männer der „23rd“ für echte Kampftruppen hielten und unter Feuer nahmen. Mehr Angst als vor Beschuss hatten die Pseudokämpfer allerdings vor einer Gefangennahme. „Dann hätten wir unsere gesamte Ausrüstung zerstören und verbrennen und Zyanidkapseln nehmen müssen, um dem Feind nicht lebend in die Hände zu fallen“, erinnert sich Nemeth. Aber so weit ist es nie gekommen. In ihrer gesamten Einsatzzeit hatte die „23rd“ nur drei Tote und 75 Verletzte zu beklagen.

Ihren größten Erfolg erzielten Gazo Nemeth und seine Kameraden mit ihrer letzten Operation Mitte März 1945: Rund um die Kleinstadt Viersen, ein paar Kilometer nördlich von Mönchengladbach, veranstalteten sie „die ganz große Show“. Mit mehr als 600 Panzern, Lastwagen und Geschützen aus Gummi täuschten sie eine Attacke über den Rhein vor und banden so viele deutsche Truppen, dass die Alliierten am 23. März bei ihrem tatsächlichen Sturm auf die andere Rheinseite, knapp 40 Kilometer weiter nördlich bei Wesel, kaum auf Widerstand trafen. Die Militärführung in Washington war begeistert und verpflichtete die „Geistersoldaten“ zu absoluter Geheimhaltung, um die neue Taktik auch in späteren Kriegen einsetzen zu können.

Die meisten Akten und Dokumente zur „23rd Headquarter Special Troops“ wurden nicht vor 1996 vom Pentagon freigegeben. Für öffentliche Aufmerksamkeit hat aber erst der Filmemacher Rick Beyer gesorgt, der vor gut zehn Jahren auf die Geschichte stieß, und mit seinem Dokumentarfilm „The Ghost Army“ auch den plakativen Namen der Einheit prägte. „Wir haben uns selbst nie als Geisterarmee bezeichnet“, sagt Gazo Nemeth.

Auf einer Europareise im vergangenen Herbst hat der Zweiundneunzigjährige trotzdem stolz ein T-Shirt mit seinem Namen und einem „Ghost Army“-Emblem mit einem stilisierten Geist getragen. Zusammen mit Filmemacher Beyer besuchte er jene Gegenden in England, Frankreich, Luxemburg und Deutschland, in denen er als Soldat eingesetzt war. Nie sei er nach dem Krieg wieder in Europa gewesen, sagt Nemeth. Und er habe auch nicht mehr damit gerechnet, diese Orte noch mal zu sehen. „Dass es nach so vielen Jahren doch noch passiert ist, hat mich sehr bewegt.“

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