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Funde bei Angkor Wat : Ganze Städte unter dem Wald

Ein Archäologenteam von der Universität Sydney hat riesige mittelalterliche Siedlungen und Tempelanlagen in der Nähe von Angkor Wat entdeckt. Bild: dpa

Archäologische Funde zeigen, dass die Siedlungen um Angkor Wat, die alte Hauptstadt der Khmer, viel größer waren als gedacht. Ein Teil der südostasiatischen Geschichte muss wohl neu geschrieben werden.

          Unter den Dschungeln und Feldern um das Kulturdenkmal Angkor Wat haben Archäologen neue Beweise für bisher unbekannte Städte gefunden, die zu dem wohl größten urbanen Zentrum ihrer Zeit gehörten. Die früheren Siedlungen sollen rund 900 bis 1400 Jahre alt sein. Das Khmer-Reich von Angkor, zu dem diese Städte gehörten, war zu seiner Blütezeit im zwölften Jahrhundert eines der bedeutendsten Imperien der Welt. Eine dieser mittelalterlichen Städte war sogar so groß wie die heutige Hauptstadt Phnom Penh. Nun muss ein Teil der südostasiatischen Geschichte vielleicht sogar neu geschrieben werden.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Die Erkenntnisse beruhen auf Daten, die im vergangenen Jahr aus der Luft mit Hilfe von Lasern gesammelt worden waren. Ein Forscherteam um den australischen Archäologen Damian Evans hatte eine Fläche von mehr als 1900 Quadratkilometern mit dem Laser abgetastet. „Wir haben ganze Städte unter dem Wald entdeckt, von denen niemand wusste“, sagte Evans dem „Guardian“. An diesem Montag sollen die Erkenntnisse der Forscher im „Journal of Archaeological Science“ veröffentlicht werden. Außerdem will Evans die Ergebnisse bei der Royal Geographical Society in London vorstellen.

          Fachleute halten die Entdeckungen für den wichtigsten archäologischen Fund der vergangenen Jahre. Demnach waren die urbanen Strukturen um die ehemalige Hauptstadt Angkor komplexer als bisher angenommen. So sollen ausgeklügelte Kanalsysteme entdeckt worden sein, die älter sind als gedacht. Bisher war man davon ausgegangen, dass die besondere Wasserversorgung in dem Gebiet zwischen dem neunten und 13. Jahrhundert erfunden wurde. Nun sei aber das Beispiel eines Kanalsystems gefunden worden, das mehrere hundert Jahre älter sein könnte.

          Außerdem muss eine gängige Theorie über den Untergang des Khmer-Reiches möglicherweise revidiert werden. Sie besagt, dass die Khmer vor Invasoren aus dem heutigen Thailand nach Süden geflohen seien. Die Forscher haben dort aber keine Spuren von Städten finden können. „Das stellt die gesamte Auffassung vom ‚Kollaps‘ des Angkor-Reiches in Frage“, sagte Damian Evans dem „Guardian“. Der Niedergang des einst so prächtigen Reiches seit dem 15. Jahrhundert könne sich vielmehr schleichend ereignet haben, etwa aufgrund von Dürre oder wegen eines Zusammenbruchs der Wasserversorgung.

          Komplexe urbane Landschaft

          Die neue Studie baut auf Erkenntnissen aus dem Jahr 2012 auf, als die Forscher zum ersten Mal die Laser-Untersuchungen angewendet hatten. Damals hatten Evans und seine Kollegen eine komplexe urbane Landschaft entdeckt, die sich einst zwischen verschiedenen Tempel-Städten wie Angkor, Beng Mealea und Koh Ker erstreckt habe.

          Angkor soll zu ihrer Blütezeit im 12. Jahrhundert eine Stadt mit rund einer Million Einwohnern gewesen sein. Das damals größte urbane Zentrum der Welt war durch prächtige Tempel, ausgeklügelte Bewässerungssysteme und verzweigte Boulevards gekennzeichnet.

          Die westliche Welt war durch die Beschreibungen des französischen Naturkundlers Henri Mouhot auf die prächtigen Tempel aufmerksam geworden. Er hatte sie auf einer Reise in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts zufällig im Dschungel entdeckt. Nun haben die Forscher aber auch Nachweise für eine lange von Archäologen verfolgte Theorie gefunden, wonach es auf dem Berg Phnom Kulen ebenfalls eine Großstadt gegeben habe.

          Archäologie im Hubschrauber

          Die 40 Kilometer von Angkor entfernte Stadt Mahendraparvata soll im Jahr 802 vom ersten Khmer-König Jayavarman II. gegründet worden sein, etwa 300 Jahre vor Angkors Blütezeit. Doch erst mit den Untersuchungen im vergangenen Jahr, die eine etwa fünf Mal so große Fläche abdeckten, konnte ihre tatsächliche Größe festgestellt werden. Evans sagt, die Stadt sei ungefähr so groß wie Phnom Penh.

          Mittels „Airborne Laser Scanning“ (ALS), auch „Lidar“ genannt, tasteten die Forscher von einem Hubschrauber aus die Erdoberfläche ab. Gemessen wird die Entfernung vom Sensor zum abgetasteten Objekt. So kann ein Oberflächenmodell erstellt werden. Durch die extreme Dichte der Abtastungen werden auch kleinste Lücken in der Vegetation genutzt. Auf diese Weise macht man Wallanlagen, Wasserreservoirs und alte Tempelstrukturen sichtbar, die sonst unter dem teilweise dichten Bewuchs verborgen geblieben wären – oder nur als Dellen und Ausbuchtungen im Boden wahrgenommen würden.

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