https://www.faz.net/-gum-83yty

Fürst Albert II. im Gespräch : „Klimaflüchtlinge gefährden die Sicherheit“

Fürst Albert II. von Monaco auf Sylt Bild: Frederic Nebinger

Fürst Albert II. von Monaco kämpft schon lange für den Klimaschutz. Im F.A.Z-Interview spricht er über Wetterextreme, ihre verheerenden Folgen für die ganze Welt und was sein Ururgroßvater mit seinem Engagement zu tun hat.

          Eure Durchlaucht, Sie haben alle Kontinente bereist, engagieren sich für Klimaschutzmaßnahmen und haben auf Ihren Expeditionen quasi einen Logenplatz, um die Folgen des Klimawandels zu beobachten. Wo haben Sie den Klimawandel besonders stark erlebt?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Das war schon vor der Gründung unserer Stiftung, als ich nach Spitzbergen in die Arktis gereist bin. Ich wollte einer Route folgen, die mein Ururgroßvater vor beinahe 100 Jahren gefahren war. Wir haben dieselben Gletscher wie er damals gesehen, aber als ich da stand und die Fotos meines Ururgroßvaters betrachtete, sah ich, dass die Gletscher in der kurzen Zeit sich schon um mindestens sechs Kilometer zurückgezogen haben. Als ich dann im folgenden April mit sieben erfahrenen Wissenschaftlern an den Nordpol gefahren bin, ganz früh im Jahr, da war das Polareis schon aufgebrochen. So früh wie nie zuvor, wie mir die Polarforscher sagten. Und so geht das jetzt seitdem jedes Jahr. Es könnte sein, dass ich nie mehr die Eisbedingungen haben werde wie vor neun Jahren.

          Der amerikanische Präsident Barack Obama hat den Klimawandel kürzlich vor jungen Navy-Soldaten als „akutes Problem für die nationale Sicherheit“ bezeichnet. Gilt das auch für Monaco?

          Wir sind zum Glück kein tiefliegendes Gebiet. Aber es gibt andere Regionen entlang der Mittelmeerküste, die von den zunehmenden Wetterextremen oder der steigenden Meereshöhe betroffen sind. Das Problem ist viel größer, ein weltweites, wenn wir uns überlegen, dass schon heute 40 Prozent der Menschen innerhalb einer 60 Kilometer breiten Zone entlang der Küstenlinien leben. Es wird also Hunderte Millionen treffen.

          Inwiefern sollte das schon heute die nationale Sicherheit gefährden?

          Es ist absolut ein Sicherheitsproblem. Der Klimawandel setzt die Menschen immer öfter neuen Risiken aus, Überflutungen zum Beispiel, die ihre Heime, ihre Familien oder ihre Geschäfte gefährden. Es gibt immer mehr Opfer durch Wetterextreme. Die Menschen verlieren ihr Zuhause, sie müssen hungern, und in ihrer Verzweiflung werden sie zu Klimaflüchtlingen. Diese Menschen wollen untergebracht werden, wir müssen überlegen, wie sie versorgt werden können. Ja, das ist sehr wohl ein unmittelbares Problem der inneren Sicherheit in vielen Ländern.

          Trifft das für die Polarregionen besonders zu? Dort sind die Veränderungen ja am gravierendsten, wie Sie es auf Ihren ausgedehnten Fahrten ins sogenannte ewige Eis und zu den Bewohnern dort selbst erlebt haben.

          Unsere Stiftung kümmert sich in einigen Projekten um ethnische Gruppen und Menschen, die jenseits des Arktischen Kreises leben und von der Stabilität ihrer Lebensgrundlagen abhängig sind. Sie werden die ersten sein, die von den Konsequenzen der Eisschmelze betroffen sind. Sie werden bald ihre Lebensgrundlagen und ihre Heimat verlieren. Diesen Menschen müssen wir helfen. Was sich in der Antarktis abspielt, betrifft uns alle, denn was wir zuletzt im Wissenschaftsmagazin „Science“ über das massive Schmelzen der Gletscher und Eisschelfe gelesen haben, ist wirklich alarmierend.

          Dennoch gibt es weiterhin zahlreichen politischen Widerstand, nicht zuletzt von den Schwellenländern, die ihre eigenen Probleme haben, die aber in den vergangenen Jahren ökonomisch massiv aufgeholt und entsprechend ständig wachsende Treibhausgas-Emissionen verzeichnen. Klimaflüchtlinge sind für sie aktuell ein geringeres Problem. Sehen Sie Chancen, da ein Nachdenken zu erzeugen?

          Klimaschützer Fürst Albert II.

          Ich kann nicht für andere sprechen. Aber ich hatte die Chance, im vergangenen Jahr mit dem chinesischen Präsidenten zu sprechen. Er hatte eine sehr ermutigende Rede gehalten. Glauben Sie mir: Er weiß, um was es geht. China hat ein riesiges Problem mit der Luftreinhaltung in den Städten, und es hat Wasserprobleme. Die Chinesen bewegen sich vorsichtig weiter in Sachen Klimaschutz, aber ich denke, man ist sich dort bewusst, dass die Wirtschaft nachhaltiger entwickelt werden muss. Der Präsident benutzte den Begriff Nachhaltigkeit immer wieder. Und der amerikanisch-chinesische Deal zum Klimaschutz ist ein vielversprechendes Zeichen. Wenn dieser Mut beibehalten wird bis zu den Klimaverhandlungen in Paris, werden andere mächtige Länder wie Indien folgen.

          Was tun, wenn der Klimagipfel Ende des Jahres dennoch scheitert?

          Wir haben erst einmal allen Grund optimistisch zu sein. Ich bin es. Ich versuche jetzt wie andere auch, die politischen Führer anderer Staaten zu überzeugen und Verantwortung zu übernehmen. Wenn die Diplomatie dennoch scheitert, müssen wir eben auf die Zivilgesellschaft setzen, auf Nichtregierungsorganisationen und andere Gruppen in der Gesellschaft, für das Erreichen der Klimaziele zu kämpfen und zu verhindern, dass die Erdtemperatur um mehr als zwei Grad bis zum Ende des Jahrhunderts steigt. Die politischen Entscheidungsträger sind zwar wichtig, aber im Grunde müssen wir sowieso alle in dieselbe Richtung arbeiten.

          Der Ökofürst auf Klimavisite

          Sylt ist nicht Monaco, nicht ganz jedenfalls, und das ist nicht nur eine Frage des Geldes und der Felsen, sondern gelegentlich auch himmelwärts unübersehbar. Prinz Albert II., der mondäne Ökofürst vom Mittelmeer, schien sich am Wochenende dennoch über den flüssigen Sonnenschein – „liquid sunshine“ – zu freuen, als er Freunde und einige Experten für die sehr private Klimakonferenz seiner Umweltstiftung an den Nordseestrand begleitete. Der deutsche Ableger der „Fondation Prince Albert II de Monaco“ ist für den Prinzen zu einem „Brückenkopf“ im Kampf gegen die Erderwärmung und die Versauerung der Ozeane geworden. Sein Treffen auf Sylt kann man deshalb durchaus auch als Signal für den G-7-Gipfel interpretieren, zu dem sich in der kommenden Woche die Regierungschefs der mächtigsten Industriestaaten im bayerischen Elmau treffen, um über die Klimapolitik zu diskutieren.

          Seit der Gründung im Jahr 2006 hat die Umweltstiftung des Fürsten von Monaco mehr als 350 Projekte unterstützt. Ein Schwerpunkt: Wie können sich die Küsten vor dem beschleunigten Anstieg des Meeresspiegels schützen? Eine Frage, die nach den Worten des Meteorologen Sven Plöger jetzt und „vielleicht noch bis zum Jahr 2020 für viele auf Sylt nicht akut sein mag“. Bis zum Jahrhundertende allerdings, rechnete der Wetterexperte auf der Konferenz vor, könnten die Springfluten am Strand von Sylt gut einen Meter höher ausfallen. (jom.)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sowohl Trump als auch Johnson winken mit ihrem zerstörerischen Potential. Nur schätzen sie ihre Position falsch ein.

          Schwäche der EU? : Boris Trump

          Sowohl Trump als auch Johnson verschätzen sich: Man kann aus den Wechselbeziehungen der globalisierten Welt nicht in Trotzecken fliehen und dabei nachhaltige Gewinne machen. Europa ist da in einer stärkeren Position.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.