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Sammelnde Kinder : Kiste für Kiste ein Schatz

Sammeln ist für Kinder eine Form der Aneignung von Wirklichkeit, meinen Experten. Bild: plainpicture/Gianna Schade

Kinderzimmer quellen häufig über vor Dingen, die der Nachwuchs sammelt. Eltern nervt das, für die Entwicklung der Kinder ist die Sammelwut aber durchaus bedeutsam.

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          Abends vor dem Einschlafen liegt Paul im Bett und blättert in dem roten Hefter, der seinen größten Schatz enthält. Fußballerporträts, die an Spielkarten erinnern, säuberlich in Klarsichthüllen sortiert. Der Siebenjährige sieht ernst aus: „Ich überlege, ob ich die drei tausche gegen Manuel Neuer in Durchsichtig“, sagt er. Kurze Pause. Und dann, wie zu sich selbst: „Ich glaube nicht. Drobný in Durchsichtig und zwei Stadien, vom HSV und von Köln - das sind ja drei Karten gegen nur eine. Und eine richtig gute!“ Auf die Karte mit dem Bild von Jaroslav Drobný, dem Hamburger Torwart, ist der Junge stolz.

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nationalkeeper Manuel Neuer jedoch ist sein Held. Nicht, dass Paul sein Idol nicht schon in seiner Sammlung hätte. Er besitzt Neuer im Trikot der Nationalmannschaft, als Bayern-Keeper plus einmal im Querformat - drei bunt bedruckte Pappkarten. „Aber nicht in Durchsichtig! Das ist ja das Fiese!“, sagt Paul. Die transparenten Plastikkarten, die sich nur hin und wieder in den Sammeltütchen der Firma Match Attax finden, sind begehrt, weil man sie vor die Karten mit den Stadionfotos stecken kann. Paul macht das Licht aus: „Ich schlaf nochmal ’ne Nacht drüber.“

          Als Paul kleiner war, konnte es gar nicht genügend Müllautos im Kinderzimmer geben. Bis heute stehen im Garten Blumentöpfe voll mit Muscheln und Kieseln, die er am Meer gesammelt hat. In einem Schmuckkästchen bewahrt er die Haifischzähne auf, die seine Oma ihm geschenkt hat. Seine Halbedelsteine lagern in einer Blechdose. Vor der Wohnungstür hat die Stocksammlung ihren Platz. Erst kürzlich hat Paul die Security an der Handgepäckkontrolle erweicht, dass er einen im Urlaub gefundenen Stock mit ins Flugzeug nehmen darf.

          „Weil's Spaß macht“

          Fragt man Paul, warum er das alles sammelt, sagt er: „Weil’s Spaß macht.“

          Wenn die achtjährige Marieke ihre Sammlungen zeigt, türmen sich auf dem Esstisch Alben und Kisten: Pinguine. Perlen. Fußballkarten. Die abgelaufenen Schüler-Monatstickets ihrer großen Schwester. Minions, gelbe Filmwesen, die sie im Überraschungsei gefunden oder aus Weinkorken selbst gebastelt hat. Stikeez, winzige Gummiphantasiefigürchen mit Saugfuß, die es eine Zeitlang bei Lidl gab. Tiersticker. Das Sammelalbum von Ferrero hat Marieke sich kürzlich mit einem Freund gekauft, 50 Cent Taschengeld für jeden. Und wann immer Rewe, Edeka und Co. zum Einkauf Klebebildchen verschenken, ist das Mädchen mit dabei. „Wenn das los geht, dann geht das los. Dann braucht das Kind die Sticker“, sagt Mariekes Mutter.

          „Sammeln ist ein archaisches Bedürfnis“, sagt Mariekes Vater. „Ich glaube, dass das irgendwie im Menschen angelegt ist: Jäger und Sammler.“

          Mariekes 16 Jahre alte Schwester hat mit ihrer Gogo-Sammlung, kunterbunten Plastikfiguren, ihr Bücherregal dekoriert. Warum? „Weil’s schön aussieht, wenn man viel von etwas hat.“

          „Eine ästhetische Erfahrung“

          Ludwig Duncker ist Erziehungswissenschaftler. Für den Professor von der Universität Gießen verdient es das kindliche Sammeln, ernst genommen zu werden, weil es sich um eine eigenständige, hochgradig individuelle, nicht durch Erwachsene steuerbare Tätigkeit handele. „Das ist eine Form der Aneignung von Wirklichkeit“, sagt Duncker. „Es ist eine ästhetische Erfahrung.“

          Dabei beginne das Sammeln schon bei sehr kleinen Kindern, die auf der Straße bunte Blätter aufheben oder zu Hause einen Bauklotz, eine Bürste und eine Kastanie nebeneinanderlegen. Im Grundschulalter dann werde systematischer gesammelt und auch getauscht, und zwar von Jungen und Mädchen gleichermaßen - aber mit unterschiedlichem Fokus: Kein Junge sammele Barbiepuppen, kein Mädchen Modellautos. „Das mag genderbewussten Erwachsenen nicht so behagen, aber das ist die Realität“, sagt Duncker.

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