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Fünfzig Jahre Rettungsdienst : Wegen dieses Unfalls gibt es die Notrufnummern 110 und 112

Siegfried Steiger (links) übergibt im November 1969 das erste Funkgerät ans Deutsche Rote Kreuz.. Bild: Björn-Steiger-Stiftung

Ein Junge wird von einem Auto angefahren und stirbt – vermutlich an einem Schock. Der Fall hatte weitreichende Folgen. Fünfzig Jahre ist es her, dass die Björn-Steiger-Stiftung den modernen Rettungsdienst auf den Weg brachte.

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          Ein kleiner Junge kommt an einem Maitag aus dem Freibad, er will nach Hause. Er überquert eine Straße und wird von einem Auto erfasst. Der Junge erleidet Knochenbrüche und einen Schock. Viele Leute bekommen den Unfall mit, rufen den Krankenwagen. Es dauert eine Stunde, bis der Wagen kommt. Auf dem Weg ins Krankenhaus stirbt der Junge, vermutlich an den Folgen des Schocks. Eine Woche später hätte er seinen neunten Geburtstag gefeiert.

          Karin Truscheit
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Der kleine Junge hieß Björn Steiger, er starb vor 50 Jahren im baden-württembergischen Winnenden. Heute hätte er den Unfall überlebt. „Daran stirbt kein Mensch mehr, er hätte nur eine Infusion gebraucht“, sagt Pierre-Enric Steiger, Björns Bruder. Damals war eine Stunde Wartezeit Durchschnitt. „Nach 18 Uhr fuhr gar kein Krankenwagen mehr.“ Dabei war sogar ein Wagen in der Nähe: Er fuhr auf einer Parallelstraße, eine Leerfahrt. Aber wie hätte man ihn verständigen sollen? Über Funkgeräte verfügten Feuerwehr, Polizei, Taxis. Nicht die Krankenwagen.

          Die Eltern des Jungen, Ute und Siegfried Steiger, erfuhren damals von der Polizei, dass die lange Wartezeit nicht „Pech“, sondern „normal“ sei. Damit wollten sie sich nicht abfinden. „Kein Gesetz hat irgendetwas geregelt. Rettungswesen, das war ein rechtsfreier Raum“, sagt Pierre-Enric Steiger. Die Eltern schrieben einen Brief an Hilda Heinemann, die Frau des gerade gewählten Bundespräsidenten. Ob sie sich bitte ihrer Sache, den Rettungsdienst zu verbessern, annehmen könne? „Frau Heinemann empfahl meinen Eltern, eine Stiftung zu gründen. Und sicherte ihre Unterstützung zu.“

          Notrufsäulen, Sanitäter, einheitliche Nummern

          Am 7. Juli 1969, zwei Monate nach dem Tod ihres Sohns, gründete das Architekten-Paar Steiger zusammen mit Freunden die „Björn Steiger Stiftung“. Einheitliche Notrufnummern 110/112, Notrufsäulen an den Autobahnen, mit Sanitätern besetzte Rettungswagen – das alles ist auf das Engagement der Stiftung zurückzuführen. Es sei ein langer und schwieriger Weg gewesen, sagt Pierre-Enric Steiger, der inzwischen, nach seinem nun bald 90 Jahre alten Vater, Präsident der Stiftung ist. „Aber meine Eltern haben nie aufgegeben.“ Und fanden in Hilda Heinemann eine energische Mitstreiterin. „Der Zugang zur hohen Politik, dafür hat Frau Heinemann immer gesorgt.“

          Die ersten Ziele der Stiftung: Funksprechverkehr für den deutschen Krankentransport. „Ein Funkgerät kostete damals soviel wie ein Krankenwagen.“ Im November 1969 bekam das Deutsche Rote Kreuz auf Betreiben der Steigers das erste Gerät, der Beginn des Sprechfunks im Krankentransport. Bei dieser Ausrüstung sollte es nicht bleiben: Meist wurden Verletzte einfach nur mit dem Wagen ins nächste Krankenhaus transportiert – ohne medizinische Betreuung während der Fahrt. Durch die Stiftung änderte sich das: Im Dezember 1971 sorgte sie dafür, dass jedes Bundesland einen Krankenwagen mit voller medizinischer Ausstattung bekam.

          Doch um gerettet zu werden, muss der Krankenwagen zunächst einmal gerufen werden. Die einheitliche Notrufnummer 110/112 gab es noch nicht. „Auf den Telefonen haben sich die Leute immer die jeweilige Notrufnummer ihres Orts notiert“, erzählt Steiger. Um die Einführung des Notrufs zu erreichen, verklagte Siegfried Steiger im Juli 1973 das Land Baden-Württemberg und die Bundesrepublik. Die Klage wurde erwartungsgemäß abgewiesen, aber die Unterstützung durch die Öffentlichkeit war ungebrochen. Im September 1973 wurde endgültig die Einführung des Notrufs beschlossen.

          Der „sozialen Kälte“ entgegenwirken

          Heute, 50 Jahre nach der Gründung, sieht Stiftungspräsident Steiger keinen Grund, sich zurückzulehnen. Was ihm Sorgen macht: zunehmender Personalmangel. Mit dem Wegfall der Wehrpflicht und somit des Zivildienstes sei es viel schwieriger geworden, ausreichend Rettungssanitäter zu finden. „Man kann kaum noch Leute dafür begeistern.“ Früher hingegen hätten viele durch den Zivildienst in den Rettungsdienst gefunden. Ein verpflichtender Zivildienst für Männer und Frauen, das wäre sein Wunsch. So könne man auch der „sozialen Kälte“ entgegenwirken.

          Die nimmt seiner Ansicht nach weiter zu – ebenso wie das Anspruchsdenken der Gesellschaft, eine weitere Herausforderung für den Rettungsdienst. Damit sind Leute gemeint, die wegen Kopfschmerzen die 112 wählen und mit unnötigen Einsätzen die Rettungsmittel binden. Steiger nennt das Beispiel einer Mutter, deren kleine Tochter mit dem Fahrrad stürzte und sich das Knie aufschlug. „Die Mutter ruft den Rettungswagen. Auf den Hinweis, dass da ein Pflaster genügt, sagt sie: ,Ich bezahle meine Krankenkassenbeiträge, also können die jetzt auch mal kommen.‘“

          Man müsse den Rettungsdienst „radikal umdenken“. Steiger fordert, dass alle medizinischen Serviceleistungen, vom Rettungsdienst bis zur kassenärztlichen Vereinigung, in einer Hotline zusammengefasst werden. Auf diese Weise kann der Disponent entscheiden: Muss ein Krankenwagen rausfahren oder soll der Anrufer zum Hausarzt geschickt werden? Dann bliebe der Rettungsdienst für das vorbehalten, was er am besten kann: Leben retten.

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