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Frust auf dem Land : Bauern fühlen sich als Sündenböcke der Nation

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Tiermörder bei der Arbeit? Ein Landwirt füttert Milchkühe mit Kraftfutter. Bild: dapd

Sie gelten als Umweltsünder, ihre Kinder werden in der Schule als Tiermörder beschimpft: Viele Landwirte sehen sich kriminalisiert. Im katholischen Süden Niedersachsens haben sie nun das Gefühl: Sogar die Kirche fällt uns in den Rücken.

          Viele Landwirte fühlen sich zunehmend stigmatisiert. Ihre Branche steht  unter gesellschaftlicher Dauerkritik. Kinder von Bauern werden in der Schule als „Tiermörder“ bezeichnet, Eltern anderer Kinder verbieten ihrem Nachwuchs den Besuch auf einem Bauernhof - aus Angst vor Keimen oder Allergien. Landwirtsfamilien werden beim Einkaufen im Supermarkt an der Fleischtheke für den Einsatz von Tierarzneimitteln harsch kritisiert. Baupläne für Ställe führen zum Streit im Schützenverein, im Kegelclub und in der Kirchengemeinde.

          Der Unmut in der Gesellschaft sei oft sehr pauschal, sagt Agnes Witschen, Vorsitzende des Landfrauenverbandes Weser-Ems in Niedersachsen. „Die Landwirte vor Ort, die Familien, sehen sich permanent dieser Kritik ausgesetzt.“ Die Landwirte hätten das Gefühl, alles, was sie tun, sei falsch. Man halte sie grundsätzlich verantwortlich für alles, was schief laufe - im Natur- und Umweltschutz, im Umgang mit Tieren oder in der Frage, wie Industrie- mit Entwicklungsländern umgehen.

          Mobbing auf der Schule

          Witschen erzählt von einer Bauernfamilie, deren drei Kinder aufs Gymnasium gegangen sind. Schon die beiden älteren Kinder hätten sich vor ein paar Jahren sagen lassen müssen, sie zerstörten die Umwelt. Damals habe die Mutter die Schüler auf den Milchbauernhof eingeladen, um zu zeigen, wie es wirklich sei. „Das hat alles funktioniert. Jetzt, beim jüngsten Kind, nicht mehr. Die Klassenkameraden haben sich geweigert, das zu tun. Sie haben gesagt, sie gehen nicht zu einem solchen Tiermörderbetrieb“, sagt Witschen. Auch von den Lehrern gebe es keine Unterstützung mehr. Ihrem Verband sei ein Fall in Weser-Ems bekannt, in dem ein Kind wegen des Mobbings die Schule habe wechseln müssen. „Auf der neuen Schule sagt das Kind nicht, dass es vom Hof kommt.“

          Der Effekt: Die Landwirte ziehen sich zurück - auf ihre Höfe, weg vom gesellschaftlichen Leben in den Dörfern, sagt Witschen. „Sie beginnen sich zu isolieren, und das ist fatal.“ Landwirte fühlen sich „kriminalisiert“, sagt Johannes Buß, Leiter der Katholischen Landvolkhochschule in Oesede bei Georgsmarienhütte.

          Pauschalkritik auf Demonstration

          Er berichtet, wie vor wenigen Tagen eine agrarkritische Demonstration in Berlin zur Grünen Woche aus Sicht einiger Landwirte das Fass zum Überlaufen gebracht hat. „Wir haben es satt!“ war der Protestzug am 17. Januar überschrieben. Aufgerufen hatte ein Netzwerk von Umwelt- und Naturschutzverbänden, kritische Bauernverbände wie der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Attac - aber auch die beiden kirchlichen Entwicklungshilfeorganisationen Brot für die Welt und Misereor. Protestiert wurde gegen Massentierhaltung, Gentechnik und das geplante Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten. 50.000 Menschen gingen in Berlin auf die Straße.

          Viele Landwirte hätten sich durch diese Demonstration verletzt gefühlt, sagt Buß. In Internetforen und in Blogs brachten Landwirte ihre Kritik zum Ausdruck. In den kurzen Kampagnenslogans würden Landwirte eine Kritik an ihrer Person sehen, die Unterstellung, dass sie generell ethisch nicht vertretbar mit Tieren umgehen, so Buß. Er will beide Seiten dazu bringen, miteinander zu reden. Am Montagabend treffen Vertreter von Misereor und Landwirte aufeinander, bei einem Diskussionsabend im emsländischen Niederlangen.

          Für das katholische Hilfswerk reist Bernd Bornhorst an die Ems. Es ist fast ein Heimspiel, denn der Misereor-Abteilungsleiter stammt aus Cloppenburg. „Hunger und Ernährung sind unsere Themen“, sagt er. Die europäische und deutsche Landwirtschaft habe Einfluss auf das Leben in Südamerika oder Afrika. Die Diskussion um die Zukunft der Landwirtschaft, etwa die Kritik an der Massentierhaltung, werde in der Mitte der Gesellschaft geführt, sagt Bornhorst. „Es würden nicht 50.000 Leute in Berlin auf die Straße gehen, wenn das nicht so wäre. Es gibt nur wenig Demonstrationen, die so groß sind.“

          Verwunderung über Unmut

          Letztlich setzten sich Misereor und die anderen Organisationen für eine Welt ein, in der bäuerliche Familienbetriebe für ihre Arbeit gutes Geld bekommen sollen. Ihn wundere daher der Protest der Bauern, sagt Bornhorst. „Ich kenne wenige Bauern, die sagen, so wie das heute läuft, ist das gut.“

          Landfrauen-Vorsitzende Witschen hingegen kann die Verärgerung nachvollziehen. Die Landwirte seien überall auf dem Rückzug. „Wir sind Einzelkämpfer, wir werden immer weniger.“ Landwirte seien bodenständig und konservativ. „Wir sind meistens auch noch sehr kirchennah und haben dort auch immer noch Halt gefunden. Wenn das da aufbricht, kann ich die Verärgerung schon sehr gut verstehen.“

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