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Freizeitagenten : James Bond für ein Wochenende

Wer träumt nicht davon, wie der berühmteste Geheimagent der Welt mit dem Fallschirm abzuspringen oder mit Hilfe von „Moneypenny“ Codes zu knacken? Auf einem verlassenen Übungsplatz der Roten Armee kann der Traum für ein Wochenende wahr werden.

          James-Bond-Fans bereiten sich auf den Kinostart des neuen Agentenfilms „Casino Royal“ vor, der an diesem Dienstag in London Premiere feiert und bald auch in Deutschland ins Kino kommt. Sie drängen in Pokerkurse, träumen vom neuen, alten Bond-Mobil Aston Martin oder büffeln die Lebensdaten des Hauptdarstellers Daniel Craig, der jüngsten 007-Verkörperung. Sicher lernen sie auch, daß die gruseligste Art, einen Wodka Martini zuzubereiten, auf einem Übersetzungsfehler beruht: Im Original bestellt Bond den Drink „shaken not stirred“. Erst hierzulande ist daraus „gerührt, nicht geschüttelt“ geworden.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Gegen solche Patzer hilft eine Wochenendausbildung zum Freizeitagenten, die eine Münchner Agentur zahlungskräftigen Kunden auf einem verlassenen Truppenübungsplatz der Roten Armee in Brandenburg anbietet. Dort springen die Hobbyspione mit dem Fallschirm ab, knattern per Luftkissenboot über modrige Tümpel, schlagen sich mit dem Kompaß über Stock und Stein, keuchen unter der Gasmaske durch rauchgeschwängerte Bunker und müssen hin und wieder sogar schießen - mit ungefährlichen Farbkügelchen freilich.

          „Moneypenny, Agent 005 konnte Code 2 knacken.

          Am alten Flugplatz Groß Dölln, etwa anderthalb Autostunden nördlich von Berlin, waren früher sowjetische Soldaten und ihre Atomraketen stationiert. Heute sagen sich in dem riesigen Waldgelände zwischen den ehemaligen SS-20-Verstecken Reh und Waschbär gute Nacht, wenn nicht gerade ein Motorradfahrer durchs Gelände röhrt oder im „Michelin Driving Center“ das Bundeskriminalamt unkonventionelles Autofahren übt. Gefahr droht dem Wild neuerdings auch aus der Luft, denn an ausgewählten Wochenenden fallen schwarzgewandete Gestalten mit Sturmhauben aus den Wolken.

          Sie hängen an großen Fallschirmen und den dazugehörigen Profispringern, die im Fachjargon Tandemmaster heißen und dafür sorgen, daß ihre Passagiere sicher zur Erde gelangen. Am Boden huschen die Dunkelmänner von einer Deckung zur nächsten, klettern über Zäune, hantieren mit Fernglas und Kartenskizze und setzen zuweilen kryptische Funksprüche ab wie „Moneypenny, Agent 005 konnte Code 2 knacken. Over.“

          Zum Dank gibt es Martini und Zigarren

          Zwei Stunden später hat 005 mit etwas Glück und viel Hilfe von Miss Moneypenny alle im Gelände versteckten Zahlenkombinationen gefunden und öffnet damit in einem verlassenen Schuppen einen kleinen Tresor, wie er ihn zuletzt in seinem Hotelzimmer gesehen hat. Er findet einen als „streng geheim“ gestempelten Umschlag und liefert ihn stolz im Lagezentrum an der alten Startbahn ab. Zum Dank gibt es dort Martini und Zigarre, eine Medaille mit der Gravur „Weltretter“, ein paar Wurstbrote und einen munteren Handschlag von Fabrice Schmidt.

          Schmidt ist Chef und Miteigentümer der Erlebnisagentur Mydays, die das Programm „Agentenfieber“ in der Schorfheide erfunden hat. Der ehemalige Bertelsmann-Manager, der sich 2003 selbständig machte, sieht eine Marktlücke darin, „kleine Träume zu verwirklichen“. Das schafft er offenbar recht erfolgreich, denn Mydays konnte sich innerhalb weniger Jahre zum größten Anbieter im Markt entwickeln. Die Zahl aller verkauften Erlebnis-Pakete hat sich in diesem Jahr auf 100 000 mehr als verdoppelt, immerhin 25 feste Mitarbeiter verdienen bei Mydays ihr Geld. Die meisten Ideen für den originellen Zeitvertreib stammen nicht von der Agentur selbst, sondern von vielen kleineren, meist regional ausgerichteten Veranstaltern, deren Angebote die Münchner ausprobieren, bewerten und dann vermarkten.

          Für 24.500 Euro Überlebenstraining mit Kosmonauten

          Rund 300 Verrücktheiten hat Mydays im Programm, vom Apnoe-Tauchen über die Falkenjagd, das Iglu-Bauen oder die Hot-Chocolate-Massage bis zum Panzerfahren, Sushi-Kochen und dem Wettbaggern „Vater gegen Sohn“. Während kleinere Freuden wie das „Styling for Boys“ schon für 29 Euro zu haben sind, gibt es nach oben fast keine Preisgrenzen. Für knapp 1300 Euro besteht die Möglichkeit, sich die eigene Biographie verfilmen zu lassen. Im Kampfflugzeug MIG mit dreifacher Schallgeschwindigkeit an den Rand des Weltraums zu fliegen kostet 12.800 Euro, für 24.500 Euro kann man beim Überlebenstraining russischer Kosmonauten mitmachen. Zugegeben, sagt Schmidt, das seien ganz schön große Träume, aber noch immer nichts im Vergleich zu seinem Fernziel: einen Weltraumflug anzubieten. „Das kostet jetzt noch so um die 20 Millionen Euro, das ist ein bißchen teuer.“

          Dagegen wirken die 550 Euro für die zweitägige Spitzelausbildung in der Schorfheide wie ein Trinkgeld. „Das ist jeden Cent wert“, sagt Bernd Schäfholz, der den Kursus im August besucht hat. Dabei hat er ihn gar nicht selbst bezahlt, er war ein Geschenk seiner Frau und der Partygäste auf seinem vierzigsten Geburtstag. Der fröhliche Freiburger hatte schon seit Jahren von einem Tandem-Fallschirmsprung geschwärmt und bezeichnet sich zudem als eingefleischten Bond-Fan. „Als meine Frau dann die Kombination hier im Internet fand, hat sie gleich zugeschlagen.“ Am besten gefiel ihm der freie Fall durch die Wolken, wobei die Regentropfen ihm ins Gesicht gestochen hätten wie kleine Nadeln. „Ein irres Gefühl.“

          Winterruhe beim Heide-Geheimdienst

          Auf seinem Weg zur Rettung der Welt hat sich der zupackende Außendienstmitarbeiter nicht aufhalten lassen. Die abgesprungene Kette am motorisierten Roller zog er selbst wieder auf, über den halbverwesten Fuchs am Raketenbunker ist er beherzt hinweggestiegen, das Licht am Mobiltelefon ersetzte die verlorengegangene Taschenlampe. Schäfholz will den Fallschirmsprung unbedingt wiederholen und das Gesamtpaket seinen Kumpeln empfehlen. Die müssen sich noch bis April gedulden, denn zur Zeit herrscht Winterruhe beim Heide-Geheimdienst, damit sich die Agenten nicht verkühlen. Übrigens wirbt Mydays für das Programm mit einem Bild von Sean Connery, dem Übervater aller Bond-Darsteller. Das überrascht nicht, denn den erst 38 Jahre alten Daniel Craig kennt bislang kaum jemand. In wenigen Tagen dürfte sich das ändern.

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