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„Freitag“-Blogger : Klick und Frieden

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

Magdas Blogbeiträge schreibt das Leben, Recherche ist nicht notwendig. Aufmerksamkeit ist die Währung der Blogger, aber damit kann man keine Wohnung bezahlen: Magda lebt von ihrer Rente, „Columbus“ wohnt mit Ende vierzig wieder bei seinen Eltern. Beide bloggen im Forum des „Freitag“.

          4 Min.

          Manche Menschen sprechen mit ihren Pflanzen, andere mit ihren Haustieren. Magda fährt morgens um neun den Computer hoch. Sie nennt es nicht Arbeit, sondern „unentgeltliche Profession“: Magda schreibt Kommentare im Forum der linken Wochenzeitung „Freitag“. Im Minutentakt. In einem Jahr und vier Monaten hat Magda, die sich auch im Forum so nennt, 336 Artikel und 4533 Kommentare verfasst.

          In der überschaubaren Community des „Freitag“, deren harten Kern ein paar Dutzend aktive Blogger stellen, kennt jeder Magda. Manche nennen sie „Königin Mutter“, wegen ihres Alters. Magda ist 64 Jahre alt und Sächsin. Die Sonne scheint über die Autobahn, die an ihrem zehnstöckigen Plattenbau im Norden Berlins vorbeiführt. Ihr Berufsleben bestand aus einer Reihe von Umschulungen, ihre Blogbeiträge schreibt das Leben. Recherche ist nicht notwendig: Es geht um Spaziergänge im Regen, die erste Westreise oder die Zahnschmerzen des Ehemanns. „Die Leute lieben mich für meine Geschichten, sie wollen unterhalten werden.“

          Selbstvermarktung namhafter Vorzeige-Blogger

          Aufmerksamkeit ist die Währung der Blogger. Doch mit Aufmerksamkeit kann man keine Wohnung bezahlen. Magda bezieht eine Rente. „Columbus“ hingegen wohnt mit Ende vierzig wieder bei seinen Eltern, in einem Einfamilienhaus in einem Mainzer Vorort. Er hat sich in seinem Leben schon zu vielem berufen gefühlt. Am Ende blieb das Bloggen. Früher hat Columbus Publizistik studiert, dann wechselte er zur Medizin. Vor der Facharztprüfung zum Psychiater brach er ab. Er engagierte sich im Umweltschutz, machte was mit Kunst. Heute hält er manchmal Vorträge in hessischen Schulen. Der Verdienst reicht gerade für die Alimente, denn Columbus ist geschieden, seine zwei Kinder leben bei der Mutter.

          Aufmerksamkeit ist alles: Nach Mitternacht liefern sich die Blogger die schwersten Gefechte

          Columbus ist blass. Er trägt ein kleinkariertes Hemd, eine kleine Brille und hat graumeliertes Haar. Die Selbstvermarktung namhafter Vorzeige-Blogger findet er „traurig“. In letzter Zeit hat er viel an einem Beitrag über Roland Barthes’ „Fragmente einer Sprache der Liebe“ gearbeitet, der im Internet erscheinen soll. Alles soll auf Einsamkeit hinauslaufen.

          Bloggen übers Bloggen

          Manchmal stellt Columbus seine Artikel schon um sieben Uhr morgens ins Netz. Er bekommt dann staunende Kommentare. Geschrieben hat er aber am Vorabend, lässt den Text noch mal liegen, redigiert ihn nach dem Aufstehen und setzt seinen bürgerlichen Namen darunter. Er versteht sich als Journalist, ohne Bezahlung zwar, aber dafür unabhängig von der „Herausgeber- und Verlegermafia“. Im Leserblog der „Zeit“ schrieb er schon Artikel zum Thema: „Milch ist gut gegen Maroditis“ oder „Waldschlösschen sind überall“. Er verfasste auch Fußnoten zur Dichtung des vergessenen Offiziers Ewald Christian von Kleist. Die Beiträge der „Zeit“- Feuilletonisten ergänzte er wie ein gestrenger Kollege. Besonders gern bloggt Columbus übers Bloggen und erörtert, warum „Blogger und Kommentatoren den Jargon des schlichten und schlechten Journalismus nachahmen“.

          Columbus beobachtet Leute dabei, wie sie die Welt beobachten. Wenn im „Zeit“-Feuilleton etwas über ein Bild steht, guckt er auf den Internetseiten des Auktionshauses nach, wo alles ganz anders aussieht. Und regt sich auf. Seine Mission lautet: „vorgetäuschte Kompetenz kritisch zu prüfen“. Auf der anderen Seite behauptet er, selbst wie ein Journalist zu arbeiten. Mit dem Unterschied, dass seine Artikel 30.000 Zeichen lang sind. Das sind etwa drei Zeitungsseiten.

          „Einfach alles bebloggen“

          Die Eltern wohnen unten, Columbus oben. Er sitzt an zwei alten Bildschirmen, umgeben von 3.500 Büchern. Er hat sie gezählt. Wenn er nicht als Vortragsreisender unterwegs ist, recherchiert er. Drei Jahre lang hat er im Forum der „Zeit“ den Herausgeber Josef Joffe angebloggt. Aber der bloggte nie zurück. „So entsteht Leerlauf. Und Hass. In einer psychischen Krise ist Nichtkommunikation das Schlimmste.“

          Mit einem wütenden Abschiedsblog machte er 2009 Schluss mit der „Zeit“ und ging zum „Freitag“. Dort haben die Redakteure keine Wahl, sie müssen auf Kommentare der Online-Gemeinde antworten. Allerdings trifft Columbus beim „Freitag“ auch auf Schreiber, die „einfach alles bebloggen“, Thema egal. „Die wollen eben ihre Meinung sagen.“ Er beobachtet mit Unbehagen, wie sich das Forum abends in einen Chatroom verwandelt. Mitten in einer Debatte über Selbstmord-Attentäterinnen schreibt plötzlich einer, dass er sich mal eben eine „Pulle Bier“ holt. Ein anderer bejubelt Tore im Fußballspiel, das parallel läuft. „Da fehlt mir der Ernst“, sagt Columbus. Bloggerkollegen, mit deren Beiträgen er nicht zufrieden ist, droht er unverhohlen, ihre Seiten so lange nicht zu besuchen, bis sie sich gebessert haben.

          Von den Lesern geprägt

          So penibel wie er arbeitet Magda nicht an ihren Einlassungen. „Obwohl es manchmal besser wäre, den Kommentar zu überdenken“, gibt sie zu. Columbus hat die Kollegin schon einmal gerügt, wegen ihrer oberflächlichen Texte über Literatur. Das hat sie sich gemerkt. Damit nichts verlorengeht, speichert Magda jeden Kommentar auf ihrer Festplatte ab. Den Dauerdisput mit einer anderen Bloggerin kann sie bis zur ersten Konfrontation nachverfolgen. Die andere lebt ebenfalls die meiste Zeit im Internet. „Titta (b)lockt“ steht über ihrer Seite, wo sie sich als klug, schön und schlagfertig beschreibt.

          Verleger Jakob Augstein wollte das Forum des „Freitag“ zu einem politischen Debattierclub machen, er wollte eine Zeitung im Internet erschaffen, die von den Lesern geprägt wird. Doch Mitglieder wie Titta schreiben lieber über Themen wie: „Unbefangen über Sex reden – aber mit welchen Konsequenzen bitte?“ Dazu liefern sich die Erzfeindinnen einen Schlagabtausch, in den sich auch Unbeteiligte einschalten. Magda schreibt: „Eifersucht? Auf Titta? Du machst Witze. Sie ist ja überhaupt keine Konkurrenz für mich.“ Titta reagiert kühl: „Ich gewöhne mich aber allmählich daran, dass du das irgendwie zu brauchen scheinst, mir auf diese Weise zu begegnen.“

          Von der „Bloggerin“ zur „Publizistin“

          Nach Mitternacht liefern sich die Blogger die schwersten Gefechte. „Ich würde dir in die Eier treten“, „Deine Kritik ist ätzend zersetzend.“ Die Redaktion kommt mit dem Löschen von Beiträgen, die gegen die Regeln verstoßen, kaum nach. Manche Blogger legen sich mehrere Egos zu, so kann man sich selbst beistehen.

          Auch über Politik wird beim „Freitag“ diskutiert. Sogar versprengte Liberale schreiben mit. Die Mitglieder der Linkspartei erkennt man an der parteikonformen Schreibweise ihrer Partei, mit Großbuchstaben und Punkt: „DIE LINKE.“ Anhand von Clausewitz oder Tolstois „Krieg und Frieden“ analysieren Blogger die Lage in Afghanistan und im Nahen Osten. Kürzlich schlug sich ein Fachkundiger auf die israelische Seite, woraufhin eine Diskutantin wissen wollte: „Sind Sie so ein bezahlter Propaganda-Schreiberling? Um nur ein interessierter Mensch zu sein, sind Sie viel zu gut vorbereitet.“ Andere haben sich im Forum einfach nur lieb: „Meine Wertschätzung für Dich ist ziemlich groß. Du bist so ein treuer Kommentator, und etwas Feedback gleich welcher Art motiviert mich immer sehr.“

          Magda bezeichnet sich selbst als internetsüchtig, es klingt ein bisschen kokett. Beim „Freitag“ wurde sie für ihren Fleiß vom Status „Bloggerin“ zur „Publizistin“ befördert. Hin und wieder kommen Texte von ihr ins Blatt, die größte Ehre für einen „Freitag“-Blogger. Dafür bekommt Magda dann 25 Euro.

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