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„Freitag“-Blogger : Klick und Frieden

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Mit einem wütenden Abschiedsblog machte er 2009 Schluss mit der „Zeit“ und ging zum „Freitag“. Dort haben die Redakteure keine Wahl, sie müssen auf Kommentare der Online-Gemeinde antworten. Allerdings trifft Columbus beim „Freitag“ auch auf Schreiber, die „einfach alles bebloggen“, Thema egal. „Die wollen eben ihre Meinung sagen.“ Er beobachtet mit Unbehagen, wie sich das Forum abends in einen Chatroom verwandelt. Mitten in einer Debatte über Selbstmord-Attentäterinnen schreibt plötzlich einer, dass er sich mal eben eine „Pulle Bier“ holt. Ein anderer bejubelt Tore im Fußballspiel, das parallel läuft. „Da fehlt mir der Ernst“, sagt Columbus. Bloggerkollegen, mit deren Beiträgen er nicht zufrieden ist, droht er unverhohlen, ihre Seiten so lange nicht zu besuchen, bis sie sich gebessert haben.

Von den Lesern geprägt

So penibel wie er arbeitet Magda nicht an ihren Einlassungen. „Obwohl es manchmal besser wäre, den Kommentar zu überdenken“, gibt sie zu. Columbus hat die Kollegin schon einmal gerügt, wegen ihrer oberflächlichen Texte über Literatur. Das hat sie sich gemerkt. Damit nichts verlorengeht, speichert Magda jeden Kommentar auf ihrer Festplatte ab. Den Dauerdisput mit einer anderen Bloggerin kann sie bis zur ersten Konfrontation nachverfolgen. Die andere lebt ebenfalls die meiste Zeit im Internet. „Titta (b)lockt“ steht über ihrer Seite, wo sie sich als klug, schön und schlagfertig beschreibt.

Verleger Jakob Augstein wollte das Forum des „Freitag“ zu einem politischen Debattierclub machen, er wollte eine Zeitung im Internet erschaffen, die von den Lesern geprägt wird. Doch Mitglieder wie Titta schreiben lieber über Themen wie: „Unbefangen über Sex reden – aber mit welchen Konsequenzen bitte?“ Dazu liefern sich die Erzfeindinnen einen Schlagabtausch, in den sich auch Unbeteiligte einschalten. Magda schreibt: „Eifersucht? Auf Titta? Du machst Witze. Sie ist ja überhaupt keine Konkurrenz für mich.“ Titta reagiert kühl: „Ich gewöhne mich aber allmählich daran, dass du das irgendwie zu brauchen scheinst, mir auf diese Weise zu begegnen.“

Von der „Bloggerin“ zur „Publizistin“

Nach Mitternacht liefern sich die Blogger die schwersten Gefechte. „Ich würde dir in die Eier treten“, „Deine Kritik ist ätzend zersetzend.“ Die Redaktion kommt mit dem Löschen von Beiträgen, die gegen die Regeln verstoßen, kaum nach. Manche Blogger legen sich mehrere Egos zu, so kann man sich selbst beistehen.

Auch über Politik wird beim „Freitag“ diskutiert. Sogar versprengte Liberale schreiben mit. Die Mitglieder der Linkspartei erkennt man an der parteikonformen Schreibweise ihrer Partei, mit Großbuchstaben und Punkt: „DIE LINKE.“ Anhand von Clausewitz oder Tolstois „Krieg und Frieden“ analysieren Blogger die Lage in Afghanistan und im Nahen Osten. Kürzlich schlug sich ein Fachkundiger auf die israelische Seite, woraufhin eine Diskutantin wissen wollte: „Sind Sie so ein bezahlter Propaganda-Schreiberling? Um nur ein interessierter Mensch zu sein, sind Sie viel zu gut vorbereitet.“ Andere haben sich im Forum einfach nur lieb: „Meine Wertschätzung für Dich ist ziemlich groß. Du bist so ein treuer Kommentator, und etwas Feedback gleich welcher Art motiviert mich immer sehr.“

Magda bezeichnet sich selbst als internetsüchtig, es klingt ein bisschen kokett. Beim „Freitag“ wurde sie für ihren Fleiß vom Status „Bloggerin“ zur „Publizistin“ befördert. Hin und wieder kommen Texte von ihr ins Blatt, die größte Ehre für einen „Freitag“-Blogger. Dafür bekommt Magda dann 25 Euro.

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