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: "Frauen wollen Risiken eingehen"

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FRAGE: Was hat Brioni für Sie bedeutet, bevor Sie Kreativdirektor für die Damenlinie wurden?ANTWORT: Ich kannte natürlich wie die meisten eher die Herrenmode. Sie steht für Qualität, Luxus und ein Handwerk, das die Kunst der Schneiderei ausdrückt.

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          FRAGE: Was hat Brioni für Sie bedeutet, bevor Sie Kreativdirektor für die Damenlinie wurden?


          ANTWORT: Ich kannte natürlich wie die meisten eher die Herrenmode. Sie steht für Qualität, Luxus und ein Handwerk, das die Kunst der Schneiderei ausdrückt. Und Brioni ist ein Symbol für alle diese Dinge.


          FRAGE: Sie sollen als Kreativdirektor die Damenlinie, die im Schatten der Männer steht, stärken. Wie sieht das aus?


          ANTWORT: Ich möchte natürlich die Tradition von Brioni fortführen. Dazu gehören Stoffe von sehr hoher Qualität. Auf der anderen Seite möchte ich, dass die Damenmode von Brioni leichter und zeitgemäßer wird.


          FRAGE: Und wie soll das aussehen?


          ANTWORT: Ich wollte bei der Kollektion für Frühjahr und Sommer einfach noch mal bei null anfangen. Ich habe darauf geachtet, sehr klare und präzise Formen zu kreieren mit sehr luxuriösen, aber leichten Stoffen.


          FRAGE: Die Brioni-Anzüge werden vor allem von Geschäftsleuten und Politikern getragen. Ist die Frauenlinie auch für die Geschäftsfrau gedacht?


          ANTWORT: Die klassische Businessfrau gibt es heute nicht mehr in der Mode. Zum Glück müssen sich Frauen nicht mehr wie ein Mann anziehen, um zu zeigen, dass sie etwas erreicht haben. Die Kundin, an die ich denke, ist aktiv und arbeitet, aber sie möchte auch ihre Weiblichkeit und Sinnlichkeit zeigen.


          FRAGE: Denken Sie dabei auch an Frauen wie Michelle Obama, die als Präsidentengattin nicht mehr brave Kostüme, sondern moderne, junge Mode trägt?


          ANTWORT: Ja, absolut, auch Carla Bruni gehört für mich in diese Kategorie. Das sind die neuen Frauen in der Politik. Michelle Obama hat jungen amerikanischen Designern neuen Auftrieb gegeben. Ich fand es auch phantastisch, dass sie Azzedine Alaïa getragen hat, einen Designer, der eigentlich nicht zu einer Präsidentengattin passt, weil seine Mode zu sexy und zu aufreizend ist. Es scheint allerdings einen generellen Wandel zu geben: Frauen, die früher bei der Arbeit einen klassischen Anzug trugen, gehen heute neue Risiken ein.


          FRAGE: Gibt es in Italien auch eine Figur, die für die Modernisierung der Frau in der Öffentlichkeit steht?


          ANTWORT: Es gibt natürlich sehr viele junge Frauen in der italienischen Politik, aber im Allgemeinen ist Italien ein bisschen hinterher. Man richtet sich hier noch sehr nach Traditionen. Vielleicht ist das ähnlich wie in Deutschland: Ihr habt Angela Merkel, aber ihr Auftritt ist auch eher konservativ.


          FRAGE: Sie haben eine neue eigene Marke, "N° 21", arbeiten aber auch seit Jahren für andere Labels. Wie unterscheidet sich die Arbeit?


          ANTWORT: Bei meiner eigenen Kollektion muss ich mich selbst finanzieren, ich bin Designer, aber auch der Manager der Firma, das ist nicht gerade einfach. Ansonsten achte ich immer sehr genau darauf, mit wem ich zusammenarbeite, dass wir zusammen passen. Brioni hat eine perfekte Struktur für mich, es gibt keine Limits.


          FRAGE: 2009 haben Sie die Rechte an ihrem eigenen Namen verloren, nachdem Sie sich mit den neuen Eigentümern zerstritten hatten. Was war das für ein Gefühl?


          ANTWORT: Das hat mich zutiefst erschüttert. Das war, als hätte ich einen Teil von mir verloren. Seinen eigenen Namen nicht mehr benutzen zu können ist einfach schrecklich. Mit N° 21 habe ich entschieden, ganz von vorne anzufangen, das gibt mir eine neue positive Kraft.
          FRAGE:


          FRAGE: Für junge Designer ist es schwer, in der italienischen Mode Fuß zu fassen. Welche Tips geben Sie jungen Designern?


          ANTWORT: Ich würde nicht den jungen Designern Tipps geben, denn die sind gut vorbereitet und haben gute Ideen. Aber leider bevorzugen die italienische Unternehmen oft ausländische Designer, um sich international zu geben - während es im Ausland die Tendenz gibt, italienische Designer einzukaufen. Das ist paradox. So haben wir erfolgreiche Designer wie Riccardo Tisci und Stefano Pilati verloren. Beide arbeiten in Paris, der eine für Givenchy, der andere für Yves Saint Laurent. Die italienischen Unternehmen erkennen oft nicht die Talente, die sie fördern sollten.


          FRAGE: Das heißt, die großen Namen wie Armani und Dolce & Gabbana reichen nicht mehr, um im Gespräch zu bleiben?


          ANTWORT: Wir brauchen eine neue Energie bei der Mailänder Modewoche. Die Designer, die sich hier präsentieren, sind im Durchschnitt zu alt. Es muss einen Generationenwechsel in der Mode geben. In Paris, London und New York gibt es laufend neue Namen, hier eben nicht.


          FRAGE: Sie sind in Neapel aufgewachsen. Wie sind Sie zur Mode gekommen?
          ANTWORT:

          Meine Familie hatte mit Mode nichts zu tun, sie haben weder in der Branche gearbeitet noch sich irgendwie dafür interessiert. Ich bin zur Mode über den Film gekommen, ich war als Junge oft im Kino. Das habe ich geliebt. Durch die Schauspielerinnen habe ich dann angefangen, mich für ihre Kleidung zu interessieren.


          FRAGE: Welche Filme waren das?


          ANTWORT: Das waren alles Filme des italienischen Neorealismus. Filme von Rossellini, Visconti, Fellini, in denen Schauspielerinnen wie Monica Vitti, Claudia Cardinale oder Anna Magnani spielten. Erotische, verführerische Frauen.


          FRAGE: Auch in der aktuellen Mode gibt es Designer, die sich an die fünfziger und sechziger Jahren anlehnen. Die Mode, die auch in der Serie "Mad Men" zelebriert wird. Haben Frauen eine Sehnsucht nach dieser Mode?


          ANTWORT: Es gibt mit Sicherheit eine neue Lust auf Weiblichkeit. Prada zum Beispiel hat eine neue Art von Frau gezeigt, die sich femininer gibt als früher. Diese Epoche nach dem Krieg war eine sehr glückliche, im Film und in der Mode. Vielleicht ist sie deshalb wieder populär.

          Die Fragen stellte Anke Schipp.

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