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Steuerfrauen : Mit Schraubenschlüssel und Häkelwolle

  • -Aktualisiert am

Treue Gefährten: die Weltreisende Heidi Hetzer mit Hudo, einem Hudson Great Eight, Baujahr 1930. Bild: Heidi Hetzer

Männer und Autos – mehr muss man nicht sagen. Diese drei Frauen aber sind den meisten PS-Profis kilometerweit voraus.

          6 Min.

          Heidi und wie sie die Welt sah

          Heidi Hetzer fährt jetzt nur noch 60 Kilometer pro Stunde. „Man hat mir gesagt, wenn ich mit Hudo nur 60 bis 80 fahre, hält er ewig.“ Und weil sie mit ihrem Oldtimer einmal um die Welt fahren will, hält sie sich daran. Meistens jedenfalls. „Wenn schon nur 60, dann aber auch 60 in der Kurve.“ Auch wenn die Holzspeichen des 85 Jahre alten Autos ächzen. Aber für Heidi Hetzer („Früher wurde ich nie überholt“) ist Entschleunigung nicht so einfach.

          Seit einem halben Jahrhundert fährt sie Rallyes wie Panama–Alaska oder Düsseldorf–Schanghai. Und ehe sie im August 2014 in Berlin zu ihrer Weltumrundung aufbrach, führte sie dort 43 Jahre lang „als Vollblut-Kauffrau“ das Autohaus Opel Hetzer. „Die größte Sorge war immer: Was ist, wenn es morgen nicht mehr klipp-klapp macht und kein Kunde mehr durch die Tür kommt?“ Wie die Mitarbeiter bezahlen? Also sparte Heidi Hetzer und arbeitete und sparte und arbeitete. Nur dann und wann nahm sie sich ein paar Wochen für eine Rallye frei. Irgendwann, dachte sie, kippe ich im Geschäft einfach um.

          Und was dann? Ihre Kinder würden das Familienunternehmen nicht weiter-führen. Also wollte sie den Verkauf besser selbst in die Hand nehmen. Sie suchte sich einen Käufer, der sich verpflichtete, niemanden zu entlassen, und war dann plötzlich frei – ohne Aufgabe. „Mama, du stirbst, wenn du nichts machst“, sagten die Kinder. So beschloss Heidi Hetzer, um die Welt zu fahren. Wie Clärenore Stinnes, die junge Rennfahrerin, die von 1927 bis 1929 zum ersten Mal in einem Auto die Welt umrundete. Hetzers Vater hatte ihr davon erzählt, als sie ein junges Mädchen war. Clärenore Stinnes’ Weltreise hatte ihn bestärkt, selbst aufzubrechen. Mit seiner Frau fuhr er im Motorrad mit Beiwagen durch die Wüste Sinai. Die Fotoalben dieser Reise waren Heidi Hetzers Bilderbücher.

          Aber mit 77 Jahren als Frau um die Welt fahren? Wie bei Clärenore Stinnes meldeten sich auch bei Heidi Hetzer sofort Bedenkenträger. Sie fragten: Hast du keine Angst? „Angst, Angst, Angst – immer Angst. Vor watt haben die denn alle ständig Angst?“ Trotzdem wollte sie nicht alleine aufbrechen. Ein junger Reisefotograf sollte sie begleiten. Noch in Deutschland aber trennte sie sich wieder von ihm. Zu ängstlich! „Der hat beim Überholen immer gerufen: ein Auto, pass auf!“ Später kam einer, „der alles besser wusste“, brachte weiße Schonbezüge mit und wollte Hudo „um die Welt reparieren“. Er blieb nur von Istanbul bis Buchara. Durch China fuhr Mister Wang mit, den die Behörden als Aufpasser ausgesucht hatten.

          Seither steht auf dem Beifahrersitz wieder die Werkzeugkiste, und Hetzer ist froh, dass sie fahren kann, wie sie will: rechts, links und auch mal die Nacht durch. Am Morgen frühstückt sie Toast und kümmert sich eine halbe Stunde um den Hudson Greater Eight: Öl und Luft prüfen, Wasser nachgießen, in heißen Gegenden Holzspeichen einsprühen. Dann lädt sie ihre Taschen ein und braust los. Sie fährt gern und lang. Auch wenn es im Fußraum manchmal so heiß ist, dass sich die Sohle vom Schuh löst, auch wenn es in Hudo reinregnet, auch wenn sie oft überholt wird. Der Klang der acht Zylinder sei ein Konzert, sagt sie. Und dann die Landschaft und all das Neue am Wegesrand. „Die haben überall andere Tiere, andere Vögel, verdammt noch mal. Ich habe ja gar nicht gewusst, wie schön und wertvoll das ist.“

          Im Juni ist sie nun von Neuseeland nach Amerika geflogen, Hudo folgte auf einem Containerschiff. Anfangs genoss sie es, ohne auffälliges Auto unterwegs zu sein, aber bald schon fehlte es ihr. Und noch etwas fehlte: das Kreuz des Südens am Himmel. „Wissen Sie, mir war nie so klar, dass wir nur bestimmte Sterne sehen“, sagt Heidi Hetzer. „Und die anderen, die bleiben auf der anderen Seite der Welt.“

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