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Weiblicher Redeanteil im Film : Frauen als stumme Requisiten

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Darf schreien und auch mehr reden: Daisy Ridley als Rey in Star Wars VII Bild: INTERTOPICS/LMKMEDIA Ltd.

In 2000 untersuchten Filmen führen die Männer das große Wort. Die Damen sind nur Trophäen. Das kostet Hollywood mittlerweile Milliarden.

          Bei Dornröschen sieht es ganz gut aus, bei der kleinen Meerjungfrau und Mulan ziemlich finster. Dornröschen, bei Disney vor fast 60 Jahren als „Sleeping Beauty“ wieder erwacht, darf in dem nach ihr benannten Trickfilm noch fast 70 Prozent des Dialogs bestreiten. Ihre Nachfolgerinnen, „The Little Mermaid“, Jahrgang 1989, und „Mulan“, Jahrgang 1998, kommen dagegen kaum noch zu Wort.

          Wie die britische Web-Entwicklerin Hanah Anderson und ihr amerikanischer Kollege Matt Daniels jetzt herausgefiltert haben, beschränkten die Filmemacher der Walt Disney Company die kleine Meerjungfrau auf knapp 30 Prozent der gesprochenen Parts. Mulan, Hollywoods Versions der Legende um die chinesische Kämpferin Hua Mulan, lieferte sogar nur 25 Prozent des Dialogs. „Selbst Mushu, ihr schützender Drache, kommt häufiger zu Wort als sie“, stellen Anderson und Daniels auf der Website Polygraph.cool fest. „Die Sprechparts spiegeln nicht wider, dass sich die Handlung des Films um Mulan dreht.“

          Auch Mulans lebensechte Kolleginnen haben in Hollywood nicht viel zu sagen. Wie die Web-Entwickler bei der Auswertung von mehr als 2000 Drehbüchern feststellten, bleiben Textzeilen selbst bei romantischen Komödien überwiegend männlichen Darstellern vorbehalten. So machten die Dialoge der Oscar-Preisträgerin Julia Roberts und ihrer Freundinnen in Garry Marshalls Dornröschen-Revival „Pretty Woman“ nicht einmal die Hälfte des Drehbuchs aus. Auch in der Filmkomödie „10 Dinge, die ich an dir hasse“ nach dem Vorbild von Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ schlugen die Schauspieler Heath Ledger und Joseph Gordon-Levitt weibliche Ko-Stars wie Julia Stiles und Gabrielle Union.

          „Die Damen sind nur Trophäen“

          Dabei versucht die amerikanische Zeichnerin Alison Bechdel seit mehr als 30 Jahren, Hollywoods Faible für textlastige dominierende Männerfiguren zu brechen. Die Feministin entwarf den sogenannten Bechdel-Test, der die männliche Dominanz in Filmen mit simplen Fragen abklopft: Spielen mindestens zwei Frauen mit, die auch einen Namen tragen? Unterhalten sie sich miteinander? Und über etwas anderes als einen Mann?

          Als die Zeichnerin die Fragen damals den Hauptfiguren ihres Comics „Dykes To Watch Out For“ in die Sprechblasen schrieb, erkannten diese den Science-Fiction-Thriller „Alien“ wieder. In der Rolle der kämpferischen Raumfahrttechnikerin Ripley, der Hauptfigur in Ridley Scotts „Alien“, war die Schauspielerin Sigourney Weaver einige Jahre zuvor als erste Frau in das Action-Genre vorgestoßen.

          Während Sigourney Weaver weiter zu Hollywoods starken Frauen zählt, fristen die meisten ihrer Schauspielkolleginnen auch nach fast 40 Jahren weiter das Dasein cineastischer Mauerblümchen. Kassenschlager wie die Filmtrilogie „Der Herr der Ringe“, die fast drei Milliarden Dollar einspielte und 17 Oscars gewann, oder das viel gelobte Drama „The Social Network“ porträtieren Frauen bevorzugt als stumme Requisiten. „Die Damen sind nur Trophäen“, antwortete der New Yorker Drehbuchautor Aaron Sorkin auf die Frage eines Reporters, warum fast alle Schauspielerinnen bei „The Social Network“ unter Drogeneinfluss, betrunken oder bei sexuellen Eroberungen gefilmt wurden.

          Filme mit sprechenden Frauen spielen mehr Geld ein

          Auch die Oscar-Preisträgerin Sandra Bullock konnte sich in Alfonso Cuaróns Weltraumdrama „Gravity“ vor drei Jahren zwar zur Internationalen Raumstation (ISS) durchschlagen, war in der Stunde der Not aber wieder auf männliche Unterstützung angewiesen. Als Bullock sich in der Rolle der Missionsspezialistin Ryan Stone nach der Zerstörung der ISS das Leben nehmen wollte, riet ihr George Clooney als Astronaut Matt Kowalski, mit einer Bremsrakete zu einer chinesischen Raumstation und von dort zur Erde zurückzukehren. Der Prinz, der die hilflose Prinzessin wach küsst, lebt zumindest in Hollywood weiter.

          Das Faible der kalifornischen Film-Enklave für stumme Frauen und wortgewaltige Männer schreiben Beobachter der Zusammensetzung ihres Epizentrums zu, der Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS). Mehr als 4500 der etwa 6000 stimmberechtigten Mitglieder, die jedes Frühjahr die Oscars als begehrtesten Filmpreis Amerikas vergeben, sind männlich. Aber Hollywoods Herrenclub produziert immer wieder am Publikumsgeschmack vorbei. Das zeigt die Kinokasse. Seit Jahren gehen die Ticketverkäufe in den Vereinigten Staaten zurück. Laut Entertainment-Portal Vocativ.com spielen Filme, die den Bechdel-Test bestehen, meist mehr Geld ein als Produktionen, die männlichen Stars vorbehalten sind.

          Im Jahr 2013 verkauften Blockbuster mit vielschichtigen, sprechenden Frauenfiguren wie „Die Tribute von Panem – Catching Fire“ und „Ich – Einfach Unverbesserlich 2“ sowie 22 weitere Filme allein in Nordamerika Tickets für mehr als vier Milliarden Dollar. Die übrigen 26 Produktionen des Jahres, die Bechdels Kriterien nicht erfüllten, nahmen dagegen nur etwa 2,7 Milliarden Dollar ein.

          „Liebes Hollywood, wir wissen, wie du künftig mehr Geld verdienen kannst“, gaben Hanna Sender und Versha Sharma, die Autorinnen der Studie, der amerikanischen Filmakademie mit auf den Weg. „Zeig einfach mehr Frauen!“

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