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Frauen der Mode : The German Fräulein: Toni Garrn

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Ich bin dauernd unterwegs. Bis gestern war ich bei der Haute Couture in Paris, gestern Abend war ich zu Hause in Hamburg, heute bin ich in Berlin Bild: obs

Immer häufiger wollen Mädchen aus Deutschland die großen Laufstege der Welt erobern. Toni Garrn hat das mit gerade einmal 19 Jahren schon geschafft. Und das eigentlich ganz ungewollt. Was als Sommermärchen begann, wurde schnell zum Lebenstraum.

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          „Als ich 13 Jahre alt war, sprach mich eine Modelagentin an. Es war beim Public Viewing in Hamburg während der Fußball-Weltmeisterschaft, sozusagen mein Sommermärchen. Mit ein paar Freundinnen war ich auf dem Fan-Fest an der Alster. Da lief eine Modenschau im Begleitprogramm.

          Erst an dem Tag merkte ich, dass ich Model werden könnte. Vorher hatte das nie jemand geahnt. Ich war zwar etwas größer, aber nie wahnsinnig dünn. Ich war auch sehr kindlich und schüchtern und hatte nie was mit Jungs am Hut. Seit damals bin ich noch zehn Zentimeter gewachsen. Jetzt bin 1,81 Meter groß. Am 11. September 2007 eröffnete ich die Calvin-Klein-Schau in New York, das war der Durchbruch. Ich war gerade erst 15 Jahre alt geworden. Weil ich noch in der Schule war, machte ich nur Calvin Klein, exklusiv. Als ich nach der Schau zum Flughafen fuhr, rief mein New Yorker Booker an und sagte, ich könne die weltweite Calvin-Klein-Kampagne machen. Weil die Agenten ausflippten, dachte ich: „Wow! Das muss was Tolles sein.“

          Vollzeitjob „Model“

          Seit ich vor einem Jahr mein Abitur bestanden habe, bin ich jetzt nur noch Model. Das ist schon was anderes, als auch noch Schülerin zu sein. Ich bin dauernd unterwegs. Bis gestern war ich bei der Haute Couture in Paris, wo ich für Dior und Alaïa gelaufen bin. Gestern Abend war ich zu Hause in Hamburg. Heute bin ich in Berlin, um am Abend für Michalsky aufzutreten. Morgen fahre ich wieder nach Hamburg, um meinen 19. Geburtstag nachzufeiern. Dann fliege ich nach New York, wo ich jetzt lebe. Da wohnen die meisten Models, weil es da die meisten Jobs gibt.

          Die Hamburgerin in einem Berliner Hotel in Vorbereitung auf ein Defilee von Michael Michalsky

          Zwei Saisons lang lief ich nur bei Calvin Klein. Ich war also lange zurückgehalten worden. Danach machte ich zwei, drei Saisons so viele Schauen wie möglich, also durchaus 60 Auftritte in vier Wochen. Mit 16 und 17 Jahren habe ich also richtig viel gearbeitet und bin viel rumgereist, denn da ging ich ja auch noch zu Hause in Hamburg zur Schule. Inzwischen fahre ich es etwas zurück. Manchmal mache ich nur eine Show am Tag, Dior zum Beispiel immer. Vielleicht wirke ich dadurch so erholt. So lange es nicht fünf Schauen am Tag sind, mache ich es auch sehr gerne.

          „Oma und Opa hatten ein bisschen Angst“

          Auf all die Reiserei bin ich schon durch meine Kindheit gut vorbereitet gewesen. Als ich zwei Jahre alt war, zogen meine Eltern mit mir und meinem großen Bruder Niklas nach London. Ich fing also auf einer englischen Schule an und sprach Deutsch nur zu Hause. Als ich sechs war, zogen wir nach Athen - mein Vater arbeitete bei einer Mineralölgesellschaft und wurde immer rumgeschickt. In Athen ging ich auch auf eine internationale Schule, und als ich zehn Jahre alt war, zogen wir wieder nach Hamburg zurück.

          Dass ich fließend Englisch konnte, hat mir sehr geholfen. Es gibt viele Models aus Russland oder Brasilien, die kein Wort Englisch sprechen - und sich dadurch nicht so leicht in die Szene einfinden können. Ich merke das ja sogar in Paris, obwohl ich ganz gut Französisch spreche. Wie schwierig ist es erst, wenn man nicht mal nach einem Wasser fragen kann! Ich hatte auch nie Heimweh. Ich wollte eher immer weg. Meine Mutter fand es spannend, dass ich Model werden wollte. Oma und Opa hatten ein bisschen Angst, weil es so gefährlich sei, durch die Welt zu reisen. Aber meine Mutter hat mich immer unterstützt. Vor zwei Jahren hat sie ihren Job aufgegeben und ist seitdem meine Managerin.

          Mit dem großen Bruder auf dem Cover

          Ich habe, ehrlich gesagt, gar nicht die Zeit und auch nicht die Lust, mich um alle juristischen Einzelheiten zu kümmern und alle zwanzigseitigen Verträge genau durchzulesen. Das macht meine Mutter, die ist Diplom-Kauffrau und kann das. Ich kann ihr voll vertrauen. Das ginge mit niemand anderem so. „Hast Du's gelesen, Mama? Alles klar? Okay, dann unterschreib' ich.“ Man muss als Model auf sein Image aufpassen und kann deshalb nicht jeden Job annehmen.

          Bei models.com bin ich momentan unter den „Money Girls“, weil ich in Amerika viele Kataloge und viele Parfums mache. Ich kenne meinen Rang auf der Liste gar nicht. Es ändert sich jeden Tag und ist eh nur Spekulation. Viele Kataloge sieht man nicht, und man kann viel Geld damit verdienen. Wenn man jedenfalls zuviel Werbung macht, dann könnten auch Kunden abspringen. Meinen Bruder Niklas, der zwei Jahre älter ist als ich, habe ich übrigens nicht zum Modeln gebracht. Die Zeitschrift „Tush“ wollte mich als Mann fotografieren. Meine Agentur sagte denen, ich hätte auch noch einen Bruder, wir sähen uns sehr ähnlich. Und seit unserem gemeinsamen Cover „Love Me Gender“ ist er bekannt geworden und auch in meine Agentur „Mega Models“ aufgenommen worden.

          Zu groß für High Heels

          Hauptsächlich studiert er Maschinenbau. Mein Bruder war nämlich ein Ass in der Schule, der hat einen Abi-Durchschnitt von 1,2. Ich dagegen war nie eine gute Schülerin, wollte aber im Abitur unter drei bleiben und habe es auch geschafft: Mein Durchschnitt ist 2,8. Es ist auf jeden Fall immer schön, wenn wir mal zusammen arbeiten können. Das hat für mich sogar modische Konsequenzen. Denn meist trage ich nur Jeans oder weite Hosen und flache Schuhe.

          Weil ich so groß bin, kann ich nie hohe Schuhe anziehen. Aber wenn ich mit meinem Bruder unterwegs bin, so wie heute, sind wir, wenn ich High-Heels trage, gleich groß. Er ist der einzige, mit dem ich hohe Schuhe trage. Aber natürlich nur, wenn ich arbeite. Privat nie. Apropos Arbeit: Für mich ist es einfacher, mit guten Fotografen wie David Sims oder Steven Meisel zusammenzuarbeiten, weil die schnell sind, ein Bild vor Augen haben und genau wissen, was sie wollen.

          „Ich wollte alles mitmachen - auch den Schwachsinn“

          Laufsteg-Anekdoten habe ich nicht zu bieten, Gott sei Dank nicht. Manchmal tritt man aufs Kleid, das passiert schon, aber ich bin noch nie hingefallen. Ich habe auch noch nie einen Schuh verloren. Einen Schuh macht man halt richtig zu. Und allzu oft passiert so etwas ja auch nicht auf dem Laufsteg. In meinen fünf Jahren habe ich erst wenige Shows erlebt, in denen ein Mädel hingefallen ist. Ich klopfe auf Holz, dass mir das nie passiert. Weil ich so früh angefangen habe mit dem Modeln, wurde ich sehr schnell erwachsen. Durchs Reisen bin ich wohl etwas früher gereift. Ich kam als Vierzehnjährige direkt vom Flughafen zurück in die Musikklasse, in der alle mit Papierflieger schmissen.

          Als ich die Calvin-Klein-Schau eröffnet hatte und aus New York nach Hause kam, schlossen meine Klassenkameraden gerade den Lehrer aus dem Klassenzimmer aus. Ich hab' mich totgelacht! Mir hat das alles gut gefallen, sonst wäre ich vielleicht zu früh erwachsen geworden. Deshalb wollte ich auch in der Schule bleiben und Abitur machen, damit ich das alles mitmachen konnte, auch den ganzen Schwachsinn.“

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