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Frankreich : Angst vor dem hausgemachten Terror

Der französische Innenminister Manuel Valls: „Die Gefahr ist sehr ernst“ Bild: AFP

Französische Ermittler haben eine Zelle radikalislamischer Terroristen ausgehoben. Alle Verdächtigen sind junge Männer aus den Vorstädten – mit brüchigen Biografien.

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          Frankreichs Innenminister schlägt Alarm wegen der schwerwiegenden Sicherheitsgefahr, die vom „einheimischen Terrorismus“ ausgeht. In den französischen Vorstädten lebten „mehrere Dutzend, wenn nicht mehrere Hundert Individuen“, die sich wie die am Wochenende zerschlagene Gruppe als Terrorzelle organisieren könnten, warnte Manuel Valls am Montag in einem Radiogespräch. „Die Gefahr ist sehr ernst“. Der Innenminister betonte, dass es sich nicht um aus dem Ausland gesteuerte Gruppen handele. „Es sind Gruppen aus unseren Wohnvierteln. Es handelt sich nicht um Ausländer, sondern um konvertierte Franzosen und französische Muslime“, sagte Valls. Es werde in den nächsten Wochen weitere Festnahmen und Hausdurchsuchungen geben, um die Gefahr einzudämmen.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Als „fruchtbaren Boden“ für eine islamistische Radikalisierung bezeichnete der Innenminister „Armut, Perspektivlosigkeit und Kriminalität“. Die Haftanstalten seien oftmals Orte, in denen orientierungslose junge Leute radikalislamistischer Propaganda ausgesetzt seien. „Die Frage der Ausbildung der muslimischen Gefängnisseelsorger muss gestellt werden, ebenso wie die der Ausbildung der Imame“, sagte Valls.

          Mehr als nur „Einzeltäter“

          Die französische Staatsführung nimmt damit Abstand von der Theorie des „Einzeltäters“ und der „Ausnahmeerscheinung Merah“, mit der die Öffentlichkeit nach den blutigen Attentaten von Toulouse und Montauban im März beruhigt werden sollte. Die Ermittlungen im Fall Mohamed Merah haben ein terroristisches Profil zutage gefördert, das sich als typisch für die heutige Terrorbedrohung erweist. Merah zählt zur französischen Banlieue-Jugend, er ist ein Passfranzose ohne kulturelle Verankerung, ein junger Mann aus zerrütteten Familienverhältnissen mit geringen Berufsperspektiven aufgrund einer chaotischen Schullaufbahn und schlechter Ausbildung. Merah glitt zunächst in die Kriminalität ab und radikalisierte sich während eines Haftaufenthalts. Ein ähnliches Muster der Radikalisierung wollen die Ermittler bei dem „Kopf“ des am Samstag ausgehobenen Terrornetzes erkennen, bei dem 33 Jahre alten Jérémie Louis-Sidney.

          Der in Melun in der Banlieue von Paris aufgewachsene Louis-Sidney verließ die Schule ohne Abschluss und verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Rauschgiftdealer. 2008 musste er wegen Rauschgifthandels eine zwei Jahre währende Haftstrafe verbüßen. Louis-Sidney konvertierte zum Islam, lebte in Polygamie – eine seiner Frauen wurde ebenfalls festgenommen – und soll sich nach Aussagen des zuständigen Staatsanwalts in nur wenigen Monaten radikalisiert haben.

          Die Ermittler stellten ein „Testament an Allah“ sicher, das Louis-Sidney hinterlassen hatte. Er bekundete darin, als „Märtyrer“ sterben zu wollen. Er soll für einen Handgranatenanschlag auf eine jüdische Lebensmittelhandlung am 19. September in Sarcelles verantwortlich sein und weitere Anschläge auf jüdische Einrichtungen geplant haben. Der 33 Jahre alte Franzose wurde am Samstag erschossen, nachdem er sich seiner Festnahme mit Waffengewalt widersetzt hatte.

          „Du wirst enden wie Mohamed Merah“

          Obwohl eine seiner Frauen und zwei Kleinkinder anwesend waren, feuerte Louis-Sidney das Magazin seiner Smith und Wesson bei der Stürmung seiner Wohnung leer. Ein weiterer Terrorverdächtiger, Jérémy Bailly, empfing die Polizeibeamten ebenfalls mit einer Waffe, leistete aber keinen Widerstand. Die insgesamt elf Festgenommenen sind zwischen 19 und 25 Jahren alt. Ihre Lebensläufe zeichnen sich durch extreme Brüche aus. Das trifft auf Yann Nsaku zu, 25 Jahre alt, der aus Kongo stammt und als fußballerisches Nachwuchstalent gefeiert wurde. Nsaku spielte in Bradford, musste aber aufgrund einer Verletzung seine Fußballerkarriere beenden. Er schloss sich nach und nach radikalen Salafistengruppen an, wie sein hilfloser Vater einer französischen Regionalzeitung berichtete. „Ich habe ihm gesagt, er werde wie Mohamed Merah enden“, sagte der Vater. Nsaku wurde in Cannes festgenommen.

          Französische Islamforscher warnen seit längerem vor einem Dschihad-Salafismus, der über intensive Propaganda im Internet, in den Moscheen und in den Haftanstalten verbreitet werde. Gestrauchelte junge Leute seien besonders für diese Propaganda empfänglich, die ihnen eine Erlösungsbotschaft bringe, sagt der französische Islamforscher Malek Chebel. Zurückliegende und zukünftige Straftaten würden „vergeben“, weil sie dem übergeordneten Ziel, dem Kampf für den Heiligen Krieg dienten. „Eine der salafistischen Argumente an die Banlieue-Jugend lautet, dass sie nie volle Franzosen werden“, sagt Chebel.

          Das Gefühl der Ausgrenzung schlage in Hass auf die Gesellschaft, oft auch in antisemitische Ressentiments um, so Chebel. Islamforscher Olivier Roy spricht von einem Phänomen der „Dekulturation“. „Al Qaida ist die Bewegung mit dem höchsten Anteil von Konvertiten. Sie ist das Produkt eines Bruchs zwischen den Generationen. Zentral ist die Erfahrung der Niederlage, des Gefühlt eines Scheiterns“, so Roy.

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