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Fragen an: Markus Landgraf : „Um 18.32 Uhr sieht man die Werkzeugtasche im All“

  • Aktualisiert am

Die verlorene Werkzeugtasche der ISS-Raumstation im All Bild: dpa

Eine amerikanische Astronautin hat bei einem Außenbordeinsatz im Weltraum ihre Werkzeugtasche verloren. Doch wo ist sie hin, und was soll aus ihr werden? Fragen an Markus Landgraf, Missionsanalytiker bei der Esoc in Darmstadt.

          Astronauten an Bord der Internationalen Raumstation haben die Generalüberholung der ISS vorangetrieben. In einem siebenstündigen Außeneinsatz reinigten Heide Stefanyshyn-Piper und Steve Brown nach Angaben der Raumfahrtbehörde NASA die Sonnensegel der ISS. Außerdem reparierten sie an einem der Sonnensegel das defekte Drehgelenk. Dabei hatte Stefanyshyn-Piper am vergangenen Dienstag bei ihrem ersten Einsatz im All eine Werkzeugtasche verloren. Doch wo ist sie hin, und was soll aus ihr werden? Fragen an Markus Landgraf, Missionsanalytiker bei der Esoc in Darmstadt.

          Herr Landgraf, vor neun Tagen ist den Astronauten der Weltraumstation eine Werkzeugtasche entflogen. Wo ist sie jetzt?

          Sie bewegt sich langsam in Flugrichtung von der Raumstation fort.

          Markus Landgraf

          Sie hat also den Schwung der Station, die mit 28.000 Kilometern in der Stunde unterwegs ist, mitgenommen?

          Ja, aber sie ist schneller. Die Tasche ist nach hinten entkommen. Dadurch hat sie an Höhe verloren, gerät stärker ins Gravitationspotential der Erde und wird dadurch schneller.

          Klar.

          Sie umkreist die Erde elliptisch und etwas schneller als die Raumstation.

          Sie könnte sich also noch mal von hinten an die Raumstation annähern?

          Da sie weniger Masse für ihre Oberfläche hat, wird sie schneller von der Atmosphäre abgebremst als die Raumstation.

          Sie sinkt also auch schneller?

          Ja, und sie wird nicht, wie die Raumstation, alle paar Wochen nach oben gedrückt. Wenn die Tasche in die Atmosphäre eintritt, wird sie verglühen.

          Wann wird das sein?

          Das kann man nicht präzise ausrechnen. Das wird schon so zwischen einem und sechs Monaten dauern.

          Wie oft hat denn die Tasche die Erde schon umkreist?

          Sechzehn Mal am Tag, also insgesamt 144 Mal. Und vorher ist sie ja auch schon im Space Shuttle um die Erde gekreist.

          Bevor sie verlorenging . . .

          . . . wobei das übrigens nichts ausmachte: Der Außenbordeinsatz war äußerst erfolgreich. Das Lager war kurz davor, sich festzufressen. Die Astronauten haben den Lagerring gefettet und die Walzenlager ausgetauscht. Und das ist ihnen mit einer zweiten Fettpresse so gut gelungen, dass man nun kein Ersatzteil braucht. So spart man 100 Millionen Euro!

          Zurück zu der Werkzeugtasche: Wie schnell verliert sie an Höhe?

          Das hängt ab von der Ausdehnung der Erdatmosphäre, und die hängt von der geomagnetischen Aktivität ab. Zur Zeit haben wir ein Sonnen-Minimum. Die Erdatmosphäre ist also zusammengezogen. Das erhöht die Lebensdauer der Tasche.

          Es ist viel Weltraumschrott unterwegs. Was, wenn die Tasche getroffen wird?

          Die Wahrscheinlichkeit, dass sie getroffen wird, ist minimal. Es gab bisher im Orbit erst zwei bestätigte Kollisionen von Teilen, die so groß waren, dass man sie mit dem Radar sehen konnte.

          Wenn die Tasche der Erde näher kommt, verliert sie schneller an Höhe.

          Ja, weil sie abgebremst wird, kommt sie schneller herunter.

          Dann schlägt die Reibungshitze zu.

          So kann man's sagen. Da Sauerstoff in der Erdatmosphäre ist, wird die Tasche brennen und sich in Luft auflösen.

          Auch die Metallteile werden schmelzen?

          Ja, und in einer gleißenden Flamme verbrennen.

          Die Tasche kommt nicht mehr runter?

          Nein. Im September haben wir ein 20-Tonnen-Vehikel kontrolliert abstürzen lassen, und selbst da ist nicht viel unten angekommen. Die Tasche wird in der Atmosphäre verglühen und sich in Gase auflösen. Dabei entsteht dann zum Beispiel Aluminiumoxid.

          Haben Sie sich die Tasche im All schon per Fernglas angeschaut?

          Nein. Aber die Raumstation ist in diesen Tagen mit bloßem Auge schön zu sehen. Am Freitag überfliegt sie Deutschland kurz nach dem Abkoppeln der Raumfähre Endeavour, die ja zur Erde zurückfliegt. Mit dem Fernglas müsste man erkennen, wie die Station und die Raumfähre hintereinander her fliegen. Um 18.32 Uhr kommen sie von Westen und fliegen über den Norden nach Osten.

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