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Wie sie es damals sah

Von ROSE-MARIA GROPP, Fotos BARBARA KLEMM

19.02.2018 · Barbara Klemm war noch neu als Fotografin dieser Zeitung – und fand sich plötzlich in einem ungeheuren Bildersturm wieder.

A ls ihre Bilder in den Jahren 1968 und 1969 in Frankfurt entstanden, war Barbara Klemm 28 Jahre alt. Es ist inzwischen längst erforscht und bekannt, wie aufgeheizt die Situation bereits damals in Frankfurt war, wo der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) und die sich neu formierende Außerparlamentarische Opposition (Apo) Hochburgen der Revolte hatten. Vorangegangen war am 2. Juni 1967 die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg, bei einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien in Berlin. Schon am 2. April 1968 brannten zwei Kaufhäuser in Frankfurt; an den Brandstiftungen waren die späteren Mitbegründer der kriminellen „Rote Armee Fraktion“ (RAF) beteiligt, Andreas Baader und Gudrun Ensslin.

Im Getümmel: Barbara Klemm 1968 (Mitte) Foto: privat

Barbara Klemm war Augenzeugin des Geschehens auf der Straße. Sie hat mit ihrer Kamera festgehalten, was ihr in der Stadt, auf dem Frankfurter Campus, in der Universität begegnete. Im Jahr 1959 war sie von Karlsruhe, wo sie eine Ausbildung zur Porträtfotografin gemacht hatte, nach Frankfurt gezogen. Den Weg zur Fotografie hatte ihr der Vater, der Maler Fritz Klemm, geebnet; ihre Mutter, Antonia Gräfin von Westphalen, war ebenfalls Künstlerin.

Barbara Klemm fing bei dieser Zeitung im Fotolabor an. In der Klischeeherstellung bearbeitete sie Druckvorlagen und bediente „eine große elektronische Maschine“, wie sie heute sagt. Dass ihr das nicht reichen konnte, war absehbar. Sie zog selbst mit ihrer Kamera los. Von den Fotos, die wir hier abdrucken, wurden einige schon damals in der F.A.Z. publiziert und später immer wieder, an allen denkbaren Orten, an denen Zeitgeschichte dokumentiert ist. In den Fotos zeigt sich schon ihre spätere Meisterschaft, die sie zur bekanntesten Reportagefotografin in Deutschland und zur Chronistin in Bildern machen sollte.

  • Rektoratsbesetzung Uni Frankfurt, 1968
  • Rektoratsbesetzung Uni Frankfurt, 1968
  • Bald wird die Polizei kommen und räumen: Studenten besetzen 1968 das Rektorat der Universität.
  • Im Frühjahr 1969: Die Polizei setzt Wasserwerfer gegen demonstrierende Studenten ein.

Diese frühen Bilder der Jahre 1968/69 beweisen lakonisch nicht nur Barbara Klemms Courage, sondern auch ihren unbestechlichen Blick durchs Kameraobjektiv, als teilnehmende Beobachterin, die sie damals war. Dennoch, so sagt sie heute aus dieser Erfahrung heraus: „Für gute Bilder ist es viel besser, als Fotografin nicht mittendrin zu sein, die Distanz zum Geschehen zu bewahren.“

Bei ihrer Arbeitsweise ist sie geblieben – ausschließlich in Schwarzweiß zu fotografieren, ohne alle weiteren Hilfsmittel wie Blitzlicht oder Stativ. Wobei ein Stativ angesichts der Straßenkämpfe und bei ihren Motiven, die sie sich manchmal regelrecht hinter den Aufpassern erschlich, ohnehin absurd gewesen wäre.

„Kämpfen“: Daniel Cohn-Bendit diskutiert an der Universität.

Das erste Foto unserer Serie entstand im Frühjahr 1969 (siehe Titel). Vor dem „alten“ Gebäude der Goethe-Universität auf dem ehemaligen Campus im Frankfurter Stadtteil Bockenheim fand eine Demonstration der Studenten statt (inzwischen ist das Haus dem Senckenberg-Museum angegliedert). Es ging darum, dass einem Studenten, der aus Iran (damals Persien) stammte, eine weitere Einschreibung an der Universität verweigert werden sollte; er sollte abgeschoben werden. In Barbara Klemms Foto wird die ungeheure Anspannung sichtbar, auf beiden Seiten der Absperrung, die solche Konfrontationen in sich bergen, wenn sie kurz vor der physischen Entladung stehen. Sie aber stieg dieses Mal in den zweiten Stock des Gebäudes, um von oben die Lage erfassen zu können. Ihr inzwischen berühmt gewordenes Bild ist bis heute Ausdruck einer unauflösbaren Ausweglosigkeit, hier die Phalanx der Exekutive des Staats, dort die vielköpfige Empörung der Studenten, deren erste Reihe klare Provokation ist. Tatsächlich eskalierte der Konflikt kurz darauf, mit Steinwürfen und Wasserwerfern. Der Student aus Iran hieß Ahmad Taheri; er durfte am Ende bleiben und war später jahrelang freier Mitarbeiter dieser Zeitung.

Barbara Klemms Foto von Auseinandersetzungen mit der Polizei entstand bei den Studentenprotesten 1968 gegen die Verleihung des „Friedenspreises des Deutschen Buchhandels“ an den senegalesischen Politiker und Schriftsteller Léopold Senghor. Obwohl er ein Verfechter der „Négritude“ war, sahen die Demonstranten in Senghor einen Vertreter des Kolonialismus und Neokolonialismus (das Thema ist zu Recht aktuell geblieben). Weil die Paulskirche weiträumig abgesperrt war, kam es auf der Straße zur Auseinandersetzung, in der altstädtischen Gasse Neue Kräme. Auf Barbara Klemms Foto wird die Enge sichtbar, in der sich Ordnungsmacht und Demonstranten begegneten und prügelten, nahe der Berliner Straße – im Hintergrund ist die Liebfrauenkirche zu erkennen.

  • Demo gegen Notstandsgesetzte Frankfurt 1967/68
  • Auf dem Campus der Universität: Proteste gegen die Notstandsgesetze, auf der Leiter Joschka Fischer
  • Vor der Ruine der Alten Oper: Demonstranten halten Plakate mit Fotos von Benno Ohnesorg (links) und dem Schah von Persien (rechts hinten) hoch.
  • Gegen die Verleihung des „Friedenspreises des Deutschen Buchhandels“ an den senegalesischen Politiker und Schriftsteller Léopold Senghor: Proteste vor der Paulskirche 1968
  • Während der Buchmesse 1968: Ludwig von Friedeburg, Theodor W. Adorno, Hans-Jürgen Krahl

Ganz anders und als wär’s ein Vorzeichen auf seine spätere Karriere, hockt der junge Joschka Fischer oben auf einer Leiter und schaut zu, wie zu seinen Füßen, auf dem früheren Campus der Universität, die Apo gegen die Notstandsgesetze protestiert, die am 30. Mai 1968 unter der Ägide der ersten Großen Koalition erlassen wurden. Barbara Klemm weiß heute noch, dass sie damals gar nicht wusste, wer da wie ein Frosch mit Helm auf der Leiter sitzt; sie fand den Moment einfach kurios.

Wie Büsten auf den bröckelnden Sockeln der Ordinarien-Universität sitzen bei einer Diskussion während der Frankfurter Buchmesse 1968 Ludwig von Friedeburg und Theodor W. Adorno, die Direktoren des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, neben Hans-Jürgen Krahl, damals Chef-Ideologe des SDS und Schüler Adornos. Im Januar 1969 wird Krahl mit anderen Studenten das Institut besetzen, und Friedeburg und Adorno werden die Polizei holen. Im Februar 1970 kommt Hans-Jürgen Krahl, gerade 27 Jahre alt, bei einem Autounfall ums Leben.

Alle diese Bilder von Barbara Klemm – und es gibt noch viele mehr aus jenen Jahren – halten die Historie fest, ohne sie stillzustellen. „So viele Bilder von damals sind verwackelt“, sagt sie, „die sind nicht gut.“ Vielleicht könnten sie noch mehr erzählen. Barbara Klemm wurde erst 1970 die erste Redaktionsfotografin der F.A.Z., besondere Einsatzgebiete Feuilleton und Politik.

Interview mit Barbara Klemm: Erschöpft in Willy Brandts Auto Video: F.A.Z.

Quelle: F.A.Z.-Magazin

Veröffentlicht: 19.02.2018 16:17 Uhr