https://www.faz.net/-gum-no9a

Foto-Handys : Jeder ein Reporter: Der Boom der Foto-Handys

Die Wirklichkeit verschwommen, das Bild scharf? Meist ist's umgekehrt Bild: Vodafone D2 GmbH

Foto-Handys könnten die Kommunikation revolutionieren - oder zur unkontrollierbaren Plage werden. Während sich im Internet immer mehr Handy-Fotoalben finden, warnen Verbraucherschützer vorm Mißbrauch der Geräte.

          Es wird so sein wie stets, wenn jemand gute Absichten hat: Die Aufforderung, etwas nicht zu tun, wird etliche Leute zu etwas animieren, was sie ohne die Mahnung überhaupt nicht in Betracht gezogen hätten. So hat jetzt der Bundesverband Deutscher Schwimmeister (BDS) die Badeanstalten dazu aufgefordert, etwas gegen Spanner zu unternehmen, die arglose Mitschwimmer heimlich beim Umkleiden oder Duschen fotografieren - mit ihrem Mobiltelefon. Konkrete Fälle allerdings, so teilt der BDS mit, seien bislang nicht bekannt. Zu erwarten ist, daß sich das nun bald ändern wird.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auch ohne den Anschub durch die Bademeister aber wäre der Siegeszug der „Phone-Cams“ nicht aufzuhalten gewesen. Die Telefone, mit denen man Fotos schießen und verschicken kann, werden in der Werbung als neueste Statussymbole kommunikationsfreudiger junger Menschen verkauft - und zwar sehr gut. Das Marktforschungsunternehmen IDC geht davon aus, daß im Jahr 2006 weltweit 151 Millionen Foto-Handys und Multimedia-Organizer unters Volk gebracht werden; bis zum Jahr 2007 soll der Markt für die Geräte um jährlich 178 Prozent anwachsen. Schon 2004, so prophezeit der Marktforscher Future Image, würden sich Foto-Handys besser verkaufen als analoge und digitale Fotoapparate zusammen.

          Online-Fotoalben

          Der Versand der MMS („Multimedia Messaging Service“) genannten Bildmitteilungen ist so simpel wie das Verschicken von E-Mails, und die Fotos können problemlos auch ins Internet gestellt werden. Dort lassen sie sich dann begutachten - auf Seiten, die „Phone-Cam Blogs“ oder „Mobile Phone Blogs/Moblogs“ heißen, eine Weiterentwicklung der „Weblogs“ genannten Online-Tagebücher. Deren Verfasser können ihren Freunden nun nicht nur täglich mitteilen, was sie gerade getan, sondern auch, wie sie dabei ausgesehen haben. Nicht nur in Amerika, auch hierzulande nimmt die Zahl solcher Online-Fotoalben rasant zu.

          Eine nähere Begutachtung ist freilich so ernüchternd wie die Lektüre der meisten Weblogs: Viele der öffentlichen Autobiographen nämlich haben nicht nur wenig zu sagen, sondern noch weniger zu zeigen. Die Motive der Handy-Fotos zeugen von einer gewissen Wahllosigkeit; geknipst wird alles, was gerade in der Nähe ist: ein Pappbecher mit Kaffee, ein Paar Schuhe, ein voller Aschenbecher, Spielzeug, Selbstporträts und immer wieder Haustiere. Die technische Revolution auf dem Handy-Markt drückt sich bislang in erster Linie darin aus, daß das Internet zur größten Hunde- und Katzen-Schau der Welt avanciert.

          Lunch mit Daddy

          So beruhigend es sein mag, daß der Alltag vieler Moblogger ebenso langweilig ist wie der eigene, so enttäuschend ist doch deren geringe Kreativität. Möchte man wirklich zwei unbekannten kleinen Kindern beim Plätzchenbacken oder beim „Lunch mit Daddy“ zuschauen, eine Nahaufnahme von „Danny's T-Shirt“ betrachten oder sich durch 36 hoffnungslos unterbelichtete Bilder klicken, die angeblich ein Sommerfest in Milwaukee zeigen? Offensichtlich wird hier das Regime des Ästhetischen in der Fotokunst beendet. Im Reich der Moblogger herrscht wahre Demokratie: Alles, wirklich alles darf aufs Bild.

          Weitere Themen

          Feuerwehr probt am Berliner Dom den Ernstfall Video-Seite öffnen

          Nach Brand im Notre-Dame : Feuerwehr probt am Berliner Dom den Ernstfall

          Gut zwei Monate nach dem verheerenden Brand in der Pariser Kathedrale Notre-Dame hat die Berliner Feuerwehr am Mittwoch einen Löscheinsatz am historischen Berliner Dom geprobt. Unter anderem spritzte ein Feuerwehrmann in schwindelerregender Höhe von einer Drehleiter aus Wasser auf das Mitteldach der Kirche.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.