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Foto-Ausstellung : Mit der Leica durch die Lüfte

Luftlinien: Gewässerte Reisfelder zwischen Guangdong und Hunan Bild: Wulf-Diether Graf zu Castell-Rüd

Wulf-Diether Graf zu Castell-Rüdenhausen hatte China einst von oben fotografiert. Nun sind seine Bilder wieder zu sehen - und werden bald auf große Reise gehen.

          3 Min.

          Später wird ihn seine Tochter Michaela Rosemeyer Gräfin zu Castell als einen jener tollkühnen Männer beschreiben, die in ihren fliegenden Kisten die Welt erobert hatten. Er war mit seinem zusammengenieteten Flugzeug in vieltägigen Etappen, mit dröhnendem Motor, Lederhelm, Kompass und schlechten Funkverbindungen Tausende Kilometer geflogen. Von Berlin über Moskau bis nach Peking und Schanghai. Er hatte sich den Himmel erschlossen und neue Horizonte eröffnet, sah die Welt von oben und hielt das Gesehene fest. Fotos fürs Familienalbum. Bilder für die Ewigkeit.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Als sich der junge Wulf-Diether Graf zu Castell-Rüdenhausen Anfang der dreißiger Jahre in sein Junkers-Flugzeug setzte und sich für die Deutsche Lufthansa aufmachte ins Reich der Mitte, lag seine Kamera immer neben ihm. Klein und handlich, einsatz-, schuss- und griffbereit. Marke Leica, Modellnummer II, ein Meisterwerk aus Wetzlar. Kurze Verschlusszeit, eingebauter Sucher, gekuppelte Entfernungsmesser, eine Handvoll Objektive.

          Der Graf sollte Tausende Bilder damit machen. Schwarz und weiß und alle Farben grau: die verschneiten Gipfel des Himalajas, die Weiten der Wüste Gobi, die Pyramiden von Xi’an, die Dächer Pekings, das Gewimmel der Straßen von Schanghai, Nanjing, Suzhou und Hangzhou. Ein Blick aus den Wolken, schön und erhaben. Am Boden war der Teufel los. Das alte Kaiserreich war am Ende; die neue Republik versank in Kriegen. Castell war Zeuge bewegender Zeiten. Ein Pionier aus gutbetuchtem deutschen Hause.

          Neue Seiten für alte Kapitel

          Geboren 1905 in Berlin, wuchs der Graf in Schloss Seeläsgen in der Mark Brandenburg auf. Noch während des Jurastudiums in München hatte er 1926 seinen Pilotenschein gemacht, war erst als Fluglehrer und dann als Pilot der Lufthansa tätig. Er war abenteuerlustig, technikbegeistert und interessiert an Fliegerei, Fotografie sowie schnellen Automobilen. China war sein erstes großes Abenteuer. Er machte alles, was unmöglich schien, stellte Höhen- und Weitenrekorde auf, landete auf Flüssen und Äckern, bohrte sich einmal mit einer Ju 52 bis zum Rumpf in den Schlamm eines Reisfeldes und ließ sich von einer Herde Wasserbüffel wieder herausziehen. Mitten im Nichts ging ihm der Treibstoff aus, er verlor hoch über den Wolken zwar Schrauben, Muttern und die Orientierung, nie aber die Nerven oder die Leica.

          Ende der dreißiger Jahre schrieb er ein Buch darüber, mit ein paar seiner eindrucksvollsten Aufnahmen darin. Große und kleine, scharfe und verwischte. Er nannte es „Chinaflug“. Es war ein Verkaufsschlager. Nun werden den alten Kapiteln neue Seiten hinzugefügt. „Wir haben ein paar seiner Aufnahmen neu gescannt und abgezogen“, sagt Karin Rehn-Kaufmann. Die Art-Direktorin und Generalbevollmächtigte der Leica Galerien International nennt die Bilder einen Schatz. Jahrzehntelang lagen die Negative in den Kartons zweier Münchner Museen. Wenig beachtet, doch gut behütet. Die neuen Abzüge der alten Aufnahmen werden nun auf weite Reisen gehen. Ins Land ihrer Herkunft.

          Das Dach der Welt: Der fliegende Graf hielt in seinen Aufnahmen aus den dreißiger Jahren auch die großartigen Gebirgslandschaften Zentralasiens fest. Bilderstrecke

          Kein Wunder: Karin Rehn-Kaufmann und ihr Mann Andreas Kaufmann haben viel für Tradition und Technik übrig. Vor zehn Jahren hatten sie sich bei der schwer angeschlagenen Leica AG erst eingekauft, ihren Aktienanteil an der Firma dann schrittweise erhöht und das von der übermächtigen japanischen Konkurrenz sowie der Digitalisierung des Fotografierens in die Enge getriebene Unternehmen damals schließlich vor dem Aus gerettet. Sie steckten Hunderte Millionen Euro in die Firma und gaben der Marke ihren Glanz zurück. Der kleine rote Punkt mit dem geschwungenen weißen Schriftzug leuchtet wieder. Edel und nobel. Es ist wie ein zweites Leben.

          Die Fotos reisen von Berlin nach Peking und Schanghai

          Leica ist mehr als nur ein Unternehmen. Fotografen sind Fans, Sammler sind Liebhaber der Marke. Canon-Chef Fujio Mitarai hat neben den Fotoapparaten seines eigenen Hauses auch eine kleine Sammlung alter Leica-Kameras. Apple-Gründer Steve Jobs verglich das Design seiner iPhones einst mit der Form „einer dieser wunderschönen Leicas“. Der taiwanische Milliardär Barry Lam hat eine der größten Leica-Sammlungen in Asien.

          Vor zwei Jahren wechselte eine der alten Wetzlarer Kameras auf einer Auktion in Hongkong ihren Besitzer - den Zuschlag gab es für umgerechnet eine halbe Million Euro. „Seit ein paar Jahren geht die Zahl der Leica-Sammler auch in China deutlich in die Höhe“, hatte Henry Chau, Chef von L&H Auction, am Rande der Versteigerung gesagt. „China ist wieder im Rennen“, sagt heute Karin Rehn-Kaufmann. Sie pflegt das Erbe.

          Im vergangenen Herbst arbeitete sie sich mit Castells Tochter Gabriele durch die Magazinbestände der Münchner Museen. „Mein Mann hatte vor fünf Jahren von einem Freund des Hauses vom Castellschen Nachlass erfahren“, sagt sie. Seitdem war sie den Bildern auf der Spur. 47 der neu abgezogenen Fotografien des Grafen werden nun vom 11. Juni an in der Chinesischen Botschaft in Berlin ausgestellt. Dann werden sie im Chinesischen Kulturzentrum zu sehen sein und schließlich im Reich der Mitte - in Ausstellungen, Galerien und auf Vernissagen. In Peking und Schanghai werden sie in Bibliotheken ein neues Zuhause finden. Auf roten Wänden und in schwarzen Rahmen. Die Aufnahmen eines Pioniers der Lüfte.

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