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Forschung : Warum es mal viele, mal wenige Lemminge gibt

  • -Aktualisiert am

Lemming in natürlicher Umgebung Bild: dpa/dpaweb

Forscher räumen mit Volksmythen und Hypothesen auf: Nicht vermeintlicher Massenselbstmord, sondern Raubtiere sind für die Schwankungen in der Bevölkerungsdichte von Lemmingen verantwortlich.

          Gestreßte Biologielehrer können aufatmen! Wenn ihnen in Zukunft ein schlauer Schüler die Unterweisung in die theoretischen Grundlagen einfacher Räuber-Beute-Wechselbeziehungen vermasseln will, können sie endlich begründet dagegenhalten. Bislang krankten die Lehrbuchbeispiele - wie etwa die Beziehungen zwischen der Populationsgröße von Wölfen und Rehen oder Füchsen und Hasen - schlicht daran, daß die theoretische Voraussetzung, daß sich die Räuber ausschließlich von der einen Beute ernähren, praktisch nicht gegeben war.

          Wölfe und Füchse können vieles fressen und tun es auch. In der neuen Ausgabe der Wissenschaftszeitschrift "Science" vom 31. Oktober wurden jetzt Ergebnisse einer Langzeitstudie veröffentlicht, die das vielleicht einfachste Räuber-Beute-Verhältnis unter Wirbeltieren dokumentieren. Es geht dabei um die Beziehungen zwischen den Populationsgrößen der Halsbandlemminge (Dicrostonyx groenlandicus) und ihrer Freßfeinde, der Hermeline (Mustela erminea), auch als Großwiesel bekannt.

          Überschaubare Tiergemeinschaft

          Olivier Gilg und Ilkka Hanski von der Universität Helsinki und Benoit Sittler vom Institut für Landespflege der Universität Freiburg konnten zur Berechnung der Wechselbeziehungen zwischen den beiden Arten auf Daten aus sechzehn Beobachtungsjahren im Karupelv-Tal im Nordosten Grönlands zurückgreifen. Die arktische Tundralandschaft in dieser Region Grönlands zeichnet sich durch eine einfach struktierte überschaubare Tiergemeinschaft aus. Hermeline, Polarfüchse, Schnee-Eulen und Falkenraubmöven können sich dort nur von Lemmingen ernähren. Während aber Füchse, Eulen und Möven vorrangig nur in den drei kurzen Sommermonaten ihren Hunger an den Lemmingen stillen, sind die standorttreuen Hermeline das ganze Jahr über auf die Lemminge angewiesen und stellen ihnen auch über die neun Monate dauernde Winterzeit unter dem Schnee nach. Diese Konstellation hat sozusagen einmalige Bedingungen für ein natürliches Experiment geschaffen, dessen Ergebnisse ebenso einmalig sind.

          Daß die Populationen von Lemmingen und anderen nördlichen Wühlmäusen zyklisch extrem schwanken können, ist seit längerem bekannt. Die vermeintlichen Massenselbstmorde norwegischer Berglemminge (Lemmus lemmus) gehören zum festen Bestand moderner Volksmythen. Im Unterschied zu Norwegen, wo man in Jahren der explosionsartigen Vermehrung der Lemminge tatsächlich manchmal wandernde Tiere - allerdings ohne sich anschließenden Selbstmord - sieht, wandern die Grönlandlemminge überhaupt nicht.

          Wie die unverträglichen Einzelgänger in den Jahren der höchsten Dichte ihre Verhältnisse untereinander regeln, erfährt man aus der Science-Studie zwar nicht, obwohl auch das interessant wäre, aber danach wurde ja auch nicht gefragt. Seit den klassischen Arbeiten von Charles Elton sind die regelmäßigen Populationszyklen von Lemmingen häufig beschrieben worden. Die Verläufe der Zu- und Abnahmen ähnelten sich dabei in allen Untersuchungsgebieten. Im Zeitraum von vier bis fünf Jahren steigerten die Tiere ihre Zahl um das Hundertfache, in Extremfällen auch um das Tausendfache ihrer Ausgangspopulation. Danach brachen die Bestände genauso schnell, wie sie gewachsen waren, wieder zusammen, und alles begann von vorn.

          Zahlreiche Hypothesen

          Es sind als Erklärung für dieses Phänomen zahlreiche Hypothesen angeboten worden. So haben einige Wissenschaftler den Grund für die Schwankungen in den Tieren selbst gesucht. Es sollten endogene nicht näher bezeichnete Faktoren sein, die bei hoher Dichte anders reagierten als bei einer geringen Anzahl im selben Gebiet. Andere favorisierten die klassische Nahrungsangebotshypothese. Eine größere Bevölkerung frißt auch mehr, vernichtet damit auf die Dauer die eigene Lebensgrundlage und geht in der Folge zugrunde. Da Lemminge sich aber von Gräsern ernähren, die selbst im kalten Grönlandwinter ausreichend vorhanden sind, ist der letztgenannte Grund wenig wahrscheinlich.

          Die Ergebnisse von Gilg und den anderen Forschern deuten auf einen anderen, geradezu klassischen Zusammenhang hin. Zeitlich etwas verzögert, stieg die Anzahl der Hermeline in der Folge des Lemmingzuwachses, was auch daran liegt, daß Hermeline merklich weniger Nachwuchs im Jahr großziehen können. Und das Faszinierende an den Daten ist, daß die Hermeline mit ihrer wachsenden Populationsgröße entsprechend den mathematischen Vorhersagen sich genau in dem Moment den Lemmingen annähern, in dem im Sommer Füchse, Eulen und Möven als Jäger hinzukommen und so die Vermehrung der Lemminge stoppen. Von dem Moment an werden Hermeline zum bestimmenden Vernichter der Nager und etwas später auch ihrer selbst durch Nahrungsmangel. Danach beginnt der Zyklus von neuem.

          Grundlegende Theorien nur in einfachen Umgebungen bewiesen

          Wenn "Science" in einem Kommentar schreibt, daß dies einer der seltenen Momente sei, in denen die Natur die grundlegenden Theorien widerspiegelt, hört man förmlich den Lehrbuchschreiber durchatmen. Vorsicht ist aber trotzdem angebracht. Denn ob das Beispiel aus den kargen Verhältnissen Grönlands so einfach auf andere, von komplizierteren Tiergesellschaften bevölkerte Gegenden übertragen werden kann, muß sich erst noch zeigen. Was der Einmaligkeit der Ergebnisse aber keinen Abbruch tut. Ähnliche Ereignisse können in verschiedenen Regionen durch ganz unterschiedliche Mechanismen ausgelöst werden. Und für eine genauere Beschreibung der Lemmingzyklen in Norwegen oder Nordamerika sind die Daten aus Grönland allemal hilfreich.

          Ein ganz schlauer Schüler kann jetzt aber immer noch fragen, wie denn die Populationsschwankungen der Lemminge aussehen, wenn man die Hermeline weggefangen hat.

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