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Weltweite Studie : Die Vermessung des Selfies

Phänomen Selfie. Bild: Reuters

Die Zahl der Studien, die sich mit dem Phänomen Selfies befassen, wächst rasant. Nun ist eine besonders umfassende Arbeit erschienen. Schon erstaunlich, was sich anhand von Selfies alles untersuchen lässt.

          3 Min.

          Das Wissen, das die Gesellschaft in den vergangenen Jahren über Selfies gesammelt hat, ist beträchtlich. Manches davon lehrte uns die Erfahrung. Oder hätte jemand, bevor es Mode wurde, sich mit den Smartphone am ausgestreckten Arm selbst zu fotografieren, die Prognose gewagt, dass diese Sitte einmal mehr Leben auslöschen wird als Haiangriffe? Anderes hätte uns schon der gesunde Menschenverstand verraten können, was manchen Selbstfotografen jedoch nicht davon abhielt, trotzdem seine Erfahrung damit zu machen. So wissen wir nun endgültig, dass es Orte gibt, an denen sich das Selfie-Machen nicht gehört, Auschwitz zum Beispiel. Wieder andere Erkenntnisse haben wir der Wissenschaft zu verdanken. Erst sie hat weifelsfrei bewiesen, dass nicht wenige der Männer, die besonders oft in die Kamera ihres Smartphones grinsen, Narzissten sind. Aber es gibt noch so vieles über Selfies, das wir nicht wissen.

          Andreas Nefzger
          Redakteur in der Politik.

          Eine Gruppe von Wissenschaftlern, tätig an der Universidade Federal de Minas Gerais im brasilianischen Belo Horizonte und am KAIST in Südkorea, stellte fest, dass es zwar eine stattliche Anzahl von Studien gibt, die sich mit psychologischen Aspekten des Selfies beschäftigen, aber rein quantitative Aspekte in der Wissenschaft bislang recht kurz kamen. In diese Lücke stieß sie mit einer unlängst veröffentlichten Arbeit mit dem Titel „Dawn of the Selfie Era: The Whos, Wheres, and Hows of Selfies on Instagram“.

          Mit Statistik zeigen die Wissenschaftler, was gefühlt schon eine Weile klar ist, spätestens seit Touristen mit Selfie-Stangen in der Hand den Verkehrsfluss in Innenstädten behindern, Museen künstlerische Auseinandersetzungen mit der Inszenierung des digitalen Selbst zeigen, und Prominente gesammelte Selbstbildnisse als Bücher herausgeben: Das Selfie ist zum allgegenwärtigen Phänomen geworden. In Zahlen: Ende 2014 wurden auf Instagram neunhundertmal mehr Selfies veröffentlicht also noch drei Jahre zuvor.

          Ein Selfie erregt nicht mehr so viele Aufmerksamkeit

          Noch immer ist das Selfie gut dazu geeignet, die Aufmerksamkeit anderer Nutzer zu wecken. Ende 2014 erhielt ein Selfie der Studie nach durchschnittlich 1,3 Mal mehr „Likes“ als der Durchschnitt aller Inhalte. Drei Jahre zuvor lag der Faktor jedoch noch bei 3,2, was dafür spricht, dass ein gewöhnliches Selfie den gewöhnlichen Instagram-Nutzer nicht mehr umgehend dazu verleitet, Herzen zu verteilen. Der gewöhnliche Nutzer ist noch immer weiblich (62 Prozent) und jung. Das Durchschnittsalter der Frauen lag zum Zeitpunkt der Studie bei 18, das der Männer bei 23.

          Dass zwischenzeitlich den Eindruck entstanden war, Instagram sei eine Plattform vor allem für Selbstporträts junger Frauen, lag nicht nur an der überwiegend weiblichen Nutzerschaft, sondern auch daran, dass die Angewohnheit, sich selbst zu fotografieren, bei Frauen zunächst verbreiteter war. Wie die Studie zeigt, hat sich in den vergangenen Jahren aber das Verhältnis von männlichen und weiblichen Selfies allmählich dem Verhältnis von männlichen und weiblichen Nutzern angeglichen. Anders ausgedrückt: Das Selfie hat unter jungen Männern zuletzt enorm an Popularität gewonnen.

          Die durchschnittliche Gemütslage ist mittelglücklich

          Herausgefunden haben die Wissenschaftler das mit einer Gesichtserkennungssoftware, mit der sie nahezu 2,3 Millionen Fotos von knapp 740.000 Nutzern untersuchten. Das Programm ermittelte neben Art der Fotos sowie Geschlecht und Alter der Fotografierten auch einen so genannten „smile score“. Die Kennziffer beschreibt mit einem Wert zwischen 0 (=maximal miesepetrig) und 100 den Gesichtsausdruck des Fotografierten. Der durchschnittliche Wert lag in den vergangenen Jahren zwischen 40 und 52, heißt: Instagram-Nutzer präsentieren sich beim Erstellen von Selfies eher so mittelglücklich.

          Nicht alle Ergebnisse, die sie ermittelt haben, wussten die Wissenschaftler auch einzuordnen. Für Kopfzerbrechen sorgten die landesspezifischen Unterschiede im Selfie-Verhalten. Während etwa in Südkorea sieben von zehn Selfies von Frauen geteilt werden, ist es in Nigeria oder Ägypten nicht einmal jeder dritte. Einen Zusammenhang zwischen dem Stand der Emanzipation eines Landes und Instagram-Aktivitäten seiner weiblichen Einwohner konnte die Studie herstellen, beim vermuteten Einfluss des Grades der Individualisierung einer Gesellschaft gelang dies nicht zweifelsfrei. Die Forscher schließen schwammig: „Es gibt eine komplexe Beziehung zwischen der Aufnahme von Selfies und der Kultur eines Landes.“ Abschließend zeigen die Forscher denn auch, wo künftige Untersuchungen an ihre Arbeit anschließen könnten. Denn auch wenn wir schon vieles wissen: Die Erforschung des Selfies fängt gerade erst an.

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