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Flutkatastrophe : „Den Toten zu sehen, ist für Familien ein großer Trost“

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Christoph Kuckelkorn Bild:

Der Kölner Bestattungsunternehmer Christoph Kuckelkorn richtet Leichen im südasiatischen Katastrophengebiet her, so daß die Angehörigen Abschied nehmen können. Das lindert den Schmerz der Menschen.

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          Sie sind am Dienstag nach einem einwöchigen Einsatz in Thailand wieder in Ihre Heimatstadt Köln zurückgekehrt. Auf wessen Bitte waren Sie dorthin gefahren?
          Wir sind zu zehnt im Auftrag des Auswärtigen Amtes hingefahren. Ich bin Mitglied bei "Death Care", einem Zusammenschluß von etwa 40 deutschen Bestattern, die sich auch um die Thanatopraxie kümmern, also eine Spezialausbildung im Einbalsamieren haben. Bisher sind wir noch ein lockerer Zusammenschluß. Nach den Erfahrungen dieses Einsatzes wird es vielleicht stärker institutionalisiert.

          Und jetzt ist niemand mehr in Thailand?
          Doch. Jetzt werden die Verstorbenenen nach und nach identifiziert, stetig und langsam. Daher sind nur noch zwei Kollegen dort. Sie werden dann bald wieder abgelöst.

          Weil es so anstrengend ist?
          Auch. Aber auch, weil wir ehrenamtlich arbeiten und in unseren Bestattungsinstituten zu Hause die Arbeit wartet.

          Und wie genau sieht die Tätigkeit in Thailand aus?
          Wir holen identifizierte Verstorbene von den Sammelplätzen in Tempeln und aus den Krankenhäusern ab, nachdem wir vom Konsulat oder von den Familien Bescheid bekommen haben. Dann bringen wir sie zu unserer Basis am Flughafen von Phuket. Dort balsamieren wir sie ein, sargen sie in Särge ein, die wir aus Deutschland mitgebracht haben, verlöten die Särge und bringen sie teils bis in das Flugzeug. Außerdem erledigen wir den Papierkram und kümmern uns um die Angehörigen.

          Sie richten also die Leichen so her, daß die Verwandten Abschied nehmen können?
          Wenn es geht. Wir bringen eine Formalinlösung in den Körper ein, die stark desinfizierend und konservierend wirkt. Dadurch verzögert sich die Verwesung, und die Verwandten, die teils erst später angereist sind, können Abschied nehmen. Das ist allerdings der Ausnahmefall, denn viele Leichen haben lange am Strand gelegen und waren der Hitze ausgesetzt.

          Nur wenige Tote können also von den Angehörigen noch einmal gesehen werden?
          Ja, es ist bei einer solchen Katastrophe ein unwahrscheinlicher Glücksfall, wenn man den Verstorbenen wiederbekommt. Für die Familien ist das ein großer Trost.

          Wie belastend ist eine solche Arbeit?
          Die praktische Arbeit ist nicht ungewöhnlich - weder von der Art der Verletzungen noch vom Geruch her. Das ist Routine. Aber die Masse der Leichen ist schockierend. Was uns besonders fordert, sind persönliche Schicksale. Den ganzen Tag an einem Tempel zu arbeiten ist nicht so schlimm, wie in der Abflughalle ein kleines Mädchen allein auf dem Stuhl sitzen zu sehen.

          Haben Sie Unterstützung bekommen?
          Die Freundlichkeit der Thais hat uns getragen. Wir sind von privaten Leuten verpflegt worden, wurden gefahren und bekamen Übersetzer. Auch das deutsche Konsulat leistet Übermenschliches - denn es ist schwer, sich in dieser Bürokratie durchzuschlagen. Das alles hat uns sehr beeindruckt.

          Hilft das beim Verkraften der Eindrücke?
          Ja, aber wir haben ohnehin nicht das Problem vieler Retter, die Überlebende finden wollen. Zum Beispiel nach dem großen Erdbeben in der Türkei 1999 mußten sie teils unter Drogen gestellt werden, weil sie es nicht mehr verkrafteten. Wir steigen hingegen mit der Absicht ins Flugzeug, die Toten herzurichten. Wir sind also eine sehr gute Ergänzung der vielen Helfer.

          Ist Ihre Organisation auf dem Gebiet führend?
          Wir sind das einzige Team im Katastrophengebiet, nicht einmal die Amerikaner haben eins.

          Vielleicht wird Ihre Tätigkeit Kreise ziehen!
          Das würden wir uns wünschen. Die Schweden haben zwei normale Bestatter geschickt, denen wir bessere Techniken der Einbalsamierung vermittelt haben.

          Würden Sie einen solchen Einsatz wiederholen?
          Unbedingt. Denn vor allem das, was über die normale Bestattung mit dem Sargverkaufen, Einsargen und Beerdigen hinausgeht, stellt zufrieden. Mit Thanatopraxie kann man aktiv an Ort und Stelle etwas ausrichten. Für mich ist das eine Art gelebter Gottesdienst.

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