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Flugzeug-Entführung : Irrflug versetzt Frankfurt in Angst und Schrecken

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Bedrohung: Motorsegler nahe dem Commerzbank-Hochhaus Bild: AP

Frankfurt in Angst und Schrecken: Stundenlang kreiste ein entführtes Sportflugzeug über der Innenstadt, ehe es zur Landung gezwungen wurde. Der Pilot wollte sich nach eigenen Angaben ins EZB-Gebäude stürzen.

          Ein geistig verwirrter Mann aus Darmstadt, der am Sonntagnachmittag einen Motorsegler des Typs Super-Dimona HK 36 TC entführt hatte, ist zur Landung auf dem Rhein-Main-Flughafen gezwungen worden. Zuvor war er mehrere Stunden über der Frankfurter Innenstadt und dem Bankenviertel gekreist. Der als „Steven“ angesprochene Kidnapper hatte damit gedroht, sich auf das Gebäude der Europäischen Zentralbank (EZB) zu stürzen. Er gab an, mit seiner Aktion an das Schicksal einer jüdischen Astronautin erinnern zu wollen, die beim Absturz der US-Raumfähre Challenger im Januar 1986 ums Leben gekommen war. Nach der Landung wurde er festgenommen.

          Die Maschine war von dem 31-jährigen, laut Polizei "ungeübten Flieger" gegen 14.55 Uhr auf dem südhessischen Flugplatz Babenhausen gekapert worden. Unter dem Vorwand, mit seiner Mutter einen Rundflug unternehmen zu wollen, hatte er das Sportflugzeug mit Hilfe einer Pistole in seine Gewalt gebracht und war sofort danach gestartet, ohne auf eine Erlaubnis zu warten. Der Pilot hatte im Funkkontakt mit dem Tower des Frankfurter Flughafens verlangt, mit dem Fernsehsender CNN zu sprechen. Auch einen Kontakt mit dem deutschen Schwestersender n-tv in Berlin akzeptierte der Kidnapper und gab dem Sender ein telefonisches Interview.

          Motiv: Erinnerung an Challenger-Opfer

          Die Maschine wurde zunächst von einem Polizeihubschrauber verfolgt, später stiegen auf Anordnung von Verteidigungsminister Peter Struck zwei Phantom-Jägern der Bundeswehr vom Militärflugplatz Neuburg an der Donau auf, um die Maschine aus dem Frankfurter Luftraum zu drängen. Ein Abschuss sei nicht vorgesehen gewesen, betonte ein Ministeriumssprecher. Hauptbahnhof, Oper und Schauspielhaus sowie die Bank-Hochhäuser, in denen allerdings wenig Betrieb herrschte, wurden vorsichtshalber geräumt, die gesamte Innenstadt der Mainmetropole war für den Verkehr gesperrt, in der Alten Oper wurde eine Aufführung unterbrochen. Mehrfach kam der Pilot den Hochhäusern gefährlich nahe. Er hatte verlangt, das EZB-Gebäude zu räumen, weil er niemanden verletzten wolle. Mit dem Sturz in das Hochhaus wollte er sich nach eigenem Bekunden selbst das Leben nehmen. Der Flugverkehr über Frankfurt war während des Irrflugs komplett eingestellt worden - sowohl aus Sicherheitsgründen, als auch, weil die Fluglotsen vollauf mit der Kontrolle der entführten Maschine beschäftigt waren.

          Abfangjäger und Kleinflugzeug im Himmel über Frankfurt

          Er wolle die amerikanische Astronautin und sein großes Idol Judith Resnik berühmt machen, gab der Darmstädter zur Begründung für seine spektakuläre Aktion an. „Sie verdient mehr Aufmerksamkeit, sie war die erste jüdische Astronautin, möglicherweise deswegen wird sie gar nicht richtig beachtet“, sagte er dem Sender n-tv. Die Polizei hatte zwischenzeitlich versucht, mit der Familie der Astronautin im amerikanischen Baltimore Kontakt aufzunehmen.

          Im Tiefflug über die Innenstadt

          Bei seiner Festnahme habe der Täter einen verwirrten Eindruck gemacht, sagte ein Sprecher der Frankfurter Polizei. Die Waffe habe er nach wie vor bei sich getragen. Die Landung des Flugzeugs sei glatt verlaufen, in der Sportmaschine sei kaum noch Sprit gewesen. An einem der Hochhäuser hätte das kleine Sportflugzeug bei einem einschlag voraussichtlich wenig Schaden angerichtet, gefährlicher wäre eine Landeversuch auf einer belebten Straße gewesen, so die Einschätzung der Polizei.

          In der Frankfurter Innenstadt schauten die Menschen gebannt in den Abendhimmel. „Mein Gott, fliegt der tief“, stöhnte eine Frau, als das entführte Flugzeug knapp über ein Hochhaus fliegt. Nach Angaben der Deutschen Flug-Sicherung (DFS) hatte die Sportmaschine zwischenzeitlich lediglich eine Flughöhe von rund 50 Metern. Ab und zu durchbrachen Martinshörner die Stille. An einer Kreuzung, etwa hundert Meter entfernt beruhigte ein Polizist, der mit seinem Wagen eine Straße absperrt, eine aufgeregte Frau. „Sie können jetzt nicht in die Innenstadt, auch wenn dort ihr Freund ist, aber es ist bestimmt bald alles vorbei.“

          34 Passagiermaschinen mussten während des Irrflugs auf andere Flughäfen umgeleitet werden, berichtete die Flughafenbetreibergesellschaft Fraport. Sieben Minuten nach der Landung des entführten Flugzeugs wurdeder normale Betrieb wieder aufgenommen. Während der Sperre fielen 78 Starts und 61 Landungen zunächst aus. Es gab stundenlange Verspätungen. Nach Ansicht der Flugsicherung war der Flughafen jedoch zu keinem Zeitpunkt gefährdet.

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