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Flüchtlingskrise : Die Tafeln sind überfordert

  • -Aktualisiert am

Ein Flüchtling bei der Tafel in Mechernich (Nordrhein-Westfalen) Bild: dpa

Eineinhalb Millionen Menschen sind in Deutschland auf die Lebensmittelausgaben der Tafel angewiesen. Inzwischen kommen mehr als 200.000 Flüchtlinge dazu. Jetzt schlägt der Bundesverband Alarm.

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          Angesichts des anhaltenden Zustroms von Flüchtlingen schlägt jetzt auch der Bundesverband Deutsche Tafel e.V. Alarm. Erstmals in seiner zwanzigjährigen Geschichte hat der Verband, der Lebensmittel aus Restbeständen und Überproduktion an Bedürftige ausgibt, die Bundesregierung um finanzielle Hilfe gebeten. „Wir brauchen dringend Unterstützung“, sagte der Vorsitzende Jochen Brühl in Berlin.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zu den 1,5 Millionen Menschen in Deutschland, die ohnehin die Läden und Ausgabestellen der Tafel in Anspruch nähmen, kämen inzwischen mehr als 200.000 Flüchtlinge. Schon jetzt berichteten mehr als die Hälfte der örtlichen Vereine und Träger von Engpässen. Aber auch Fragen der Verständigung sowie der Umgang mit traumatisierten Menschen brächten die 60.000 freiwilligen Helfer an ihre Grenzen. „Es ist dringend nötig, das Ehrenamt zu entlasten“, sagte Brühl. Der Verband forderte Geld für Dolmetscher, Schulungen für die Helfer und die Benennung eines Flüchtlingsbeauftragten.

          Die mehr als 900 Tafeln, die im Bundesverband organisiert sind, versuchen derweil, keine Konkurrenz zwischen bisherigen und neuen Nutznießern entstehen zu lassen. „Wir unterstützen ausdrücklich alle Hilfsbedürftigen“, sagte der Bundesvorsitzende. „Wir werden nicht Arme gegen Arme ausspielen.“ Allerdings berichtete Brühl von Ängsten der bisherigen Klientel – oft sind es Alleinerziehende, Rentner und kinderreiche Familien. Das Flüchtlingsthema dürfe herkömmliche Formen der Armut nicht aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängen. Deshalb forderte er zugleich die Benennung eines Armutsbeauftragten.

          Millionen Tonnen Lebensmittel landen jährlich auf dem Müll

          Letztlich zeugt die Erfolgsgeschichte der Tafeln in den vergangenen zwei Jahrzehnten von einem bitteren Befund. „Tafeln machen deutlich, dass es Armut gibt“, sagte Brühl. Die Menge der verteilten Lebensmittel sei von 120.000 Tonnen im Jahr 2007 auf 195.000 Tonnen im vergangenen Jahr gewachsen. Die Zahl der Nutzer und die der ehrenamtlichen Helfer habe sich im gleichen Zeitraum verdoppelt. Während die Hilfsidee nach dem Vorbild New Yorks ursprünglich Obdachlosen galt, sind heute nur weniger als zwei Prozent der Nutzer ohne festen Wohnsitz, weil diese sich vorrangig in Suppenküchen versorgen, während die Tafel vor allem unverarbeitete Lebensmittel ausgibt. Mehr als die Hälfte der „Kunden“ bezieht Hartz IV, der Anteil der Kinder und Jugendlichen sowie der Rentner liegt jeweils bei 23 Prozent und steigt.

          Jährlich landen in Deutschland 18 Millionen Tonnen Lebensmittel auf dem Müll. Gegen die „skandalöse Verschwendung“, wie Brühl es nennt, gehen inzwischen viele sogenannte Lebensmittelretter an. Allein die Tafel verbindet dabei den ökologischen Anspruch mit einem sozialen Gedanken. „Wir sind eine Brücke zwischen Überfluss und Mangel“, sagte Brühl. Nach Angaben des Verbands arbeiten heute alle großen Supermarktketten und Discounter mit den örtlichen Tafeln zusammen, so dass Obst und Gemüse, Brot und Milchprodukte kurz vor Ablauf des Verfallsdatums eingesammelt und weitergegeben werden können. Weil die meisten Lebensmittel in privaten Haushalten weggeworfen würden, fordert der Verband Aufklärung in den Schulen.

          Die örtlichen Vereine und Träger gehen unterschiedlich mit dem Zustrom der Flüchtlinge um. Während zum Beispiel die Potsdamer Tafel bestimmt hat, wie viele Personen höchstens versorgt werden können, haben die Nutzer in Wetzlar abgestimmt, dass niemand leer ausgehen soll. Das bedeutet: kleinere Rationen für alle. Weil die Tafel Menschen in Kontakt bringe, sagt Brühl, sei sie zudem ein Beitrag zur Integration.

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