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Flüchtlinge : Von Lampedusa nach Palermo

Biagio Conte: Wenn er seine Geschichte erzählt, fixiert er das Gegenüber mit durchdringendem Blick Bild: Lena Grimm

Tanzen, Bowling, Pizzerien: Das alles war Biagio Conte auf einmal nicht mehr genug. Ihm fielen die Armen auf, die bei Hitze wie Kälte im Freien schlafen mussten. Seine Freunde sagten ihm, das sei eben so. Doch damit gab er sich nicht zufrieden.

          Das Reich von Bruder Biagio Conte beginnt hinter dem Bahnhof von Palermo. Hier hat der in eine grüne Kutte gehüllte Mittvierziger mit den blauen Augen und dem imposanten schwarzem Bart seine „Mission der Hoffnung und der Nächstenliebe“ aufgebaut. In den drei Einrichtungen – zwei für Männer, eine für Frauen – sind mittlerweile etwa 900 Menschen untergebracht.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Hier sammeln sich diejenigen, die in der größten Stadt Siziliens gestrandet sind, die Sudanesen, Angolaner, Ivorer, Kongolesen, von denen viele einst auf der kleinen Mittelmeerinsel Lampedusa landeten, auf der Flucht vor Hunger und Krieg. Aber auch Italiener und Deutsche sind unter ihnen, und neulich rasteten hier einige Tunesier, die von Lampedusa nach Sizilien gekommen waren und weiter nach Frankreich wollten. Sie erhalten ein Bett, Essen und, in den Worten der Mission, „echte christliche Nächstenliebe“, ermöglicht durch Spenden und die Arbeit freiwilliger Helfer. Denn Bruder Biagio, wie ihn hier alle nennen, ist auch ein cleverer Organisator.

          Seine Freunde sagten ihm, das sei eben so

          Wenn er seine Geschichte erzählt, fixiert er das Gegenüber mit durchdringendem Blick, legt den Kopf schief, so dass sein Bart noch voller wirkt, und hebt immer wieder beschwörend die Hände. Es ist eine Geschichte vom Suchen und Finden von Lebenssinn an der Seite der Ärmsten. Dem Sohn eines Palermitaner Geschäftsmannes war mit Mitte zwanzig auf einmal das Leben mit seinen Freunden, mit, wie er sagt, „Tanzen, Bowling, Pizzerien“, nicht mehr genug. Ihm fielen die Armen auf, die bei Hitze wie Kälte im Freien schlafen mussten. Seine Freunde sagten ihm, das sei eben so.

          Hier sammeln sich diejenigen, die in der größten Stadt Siziliens gestrandet sind, die Sudanesen, Angolaner, Ivorer, Kongolesen

          Er aber fühlte sich schuldig: „Ich hatte so viel, sie hatten so wenig.“ Er las, „Philosophie, Psychologie, Freud und die anderen“, ohne Ruhe zu finden. Bis er sich eines Morgens beobachtet gefühlt habe und sein Blick auf das Kruzifix über seiner Tür gefallen sei. Dort habe er einen Mann gesehen, „der sein Leben für uns gegeben hat“ und dann sein „wahrer Freund“ wurde. Biagio Conte beschloss, sich Franz von Assisi und Mutter Teresa zum Vorbild zu nehmen und sein Leben „für die Gesellschaft zu geben“. Als Eremit lebte er eine Zeit in den Bergen im Inneren Siziliens, später nahe Catania, wo ihm ein Hirte einen Wanderstock aus hellem Holz schenkte, den er bis heute stets bei sich trägt. Dann pilgerte er zu Fuß nach Assisi. Wollte er zunächst noch nach Afrika gehen, befand er nun: „Hier ist mein Afrika!“ Er machte sich daran, den Obdachlosen im Bahnhof seiner Heimatstadt zu helfen – indem er zu ihnen zog und sie fragte, ob er sie „Bruder“ nennen dürfe.

          Ein Städtchen der Armen und der Hoffnung

          Das war vor 20 Jahren, und „Brüder“ hat Biagio Conte mittlerweile viele. Blieben seine ersten Bittbriefe bei den Autoritäten der Stadt noch ohne Erfolg, gab die Fürsprache des damaligen Erzbischofs von Palermo, der für die Obdachlosen im Bahnhof eine Messe hielt, den Ausschlag: Biagio Conte und seinen Schützlingen wurde ein Raum im Bahnhof zur Verfügung gestellt, in dem sie sich waschen und essen konnten. Biagio Conte ließ dann aber auch besonders alte und schwache Obdachlose dort übernachten – ohne Erlaubnis. So begann er seinen Eroberungsfeldzug. Vor das Eingangstor der verlassenen Desinfektionsabteilung eines früheren Krankenhauses in der Via Archifari stellte er ein Bettgestell als Zeichen seines Anspruchs und trat in Hungerstreik, bis ihm, nach 15 Tagen, die Behörden die Nutzung gestatteten.

          Das war 1993. Fünf Jahre später kam ein verlassenes Kloster hinzu, in dem heute Frauen und Kinder untergebracht sind. 2002, als nach einer ersten Welle der Einwanderung über Lampedusa die Räume des alten Krankenhauses mit ihren höchstens 150 Plätzen überfüllt waren, erreichte er, dass die Mission die Hälfte eines seit Jahrzehnten verlassenen Kasernenareals der italienischen Luftwaffe nutzen konnte – auch mit einer „Quasi-Besetzung“, erzählt Biagio Conte listig. Dort entstand das „Städtchen der Armen und der Hoffnung“, in dem die meisten Menschen in der Obhut der Mission leben.

          Respekt für unseren Glauben müssen alle haben

          Vor kurzem wurde der Speisesaal eingeweiht, gesponsert vom Stromkonzern Enel. Banken, Rotarier sowie der Lions Club spendeten. In der Bäckerei backen Bewohner des „Städtchen“ 250 Kilogramm Brot am Tag, das Mehl bezahlt die Region Sizilien. Die Küche stiftete ein Ingenieur, nachdem er seinen Sohn verloren hatte. Supermärkte der Umgebung geben Zwiebeln, Kartoffeln, Nudeln, Milch, die kurz vor dem Verfall stehen. Keine Verpflichtung treffe die Bewohner, an den Gebeten vor dem Essen teilzunehmen. „Nur Respekt für unseren Glauben müssen alle haben“, sagt Biagio Conte. „Aber das klappt sehr gut.“ Bewohner bestätigen das, wiewohl es manchmal zu kleineren Reibereien komme. Drogen, Alkohol, sogar Zigaretten sind auf dem Gelände verboten.

          In jüngster Zeit habe die Wirtschaftskrise die Spendenbereitschaft der Leute etwas gesenkt, beklagt Biagio Conte. Die Mission habe Schwierigkeiten, Wasser und Strom für ihre Einrichtungen zu bezahlen. Er aber glaube an die Vorsehung. Gott werde schon helfen. Und auch die Aussicht, dass womöglich bald weitere Migranten aus Nord- und Zentralafrika, die über Lampedusa nach Europa streben, die Dienste der „Mission der Hoffnung der Nächstenliebe“ in Anspruch nehmen könnten, schreckt ihn nicht: Gott schicke sie, da müsse man eben helfen: „Die Italiener sterben aus, die Migranten kommen.“

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