https://www.faz.net/-gum-88fp3

Flüchtlinge auf Samos : Nach der schwarzen Nacht auf dem Meer

  • -Aktualisiert am

Zwei Stunden nach der Ankunft im Boot: Syrische Flüchtlinge werden von der Hafenpolizei in Karlovasi auf der Insel Samos gezählt und fotografiert. Bild: Axel Wermelskirchen

Auf der Ägäisinsel Samos kommen jeden Tag 1500 Flüchtlinge an. Touristen helfen ihnen. Doch um Asyl scheint hier kein Flüchtling zu bitten.

          6 Min.

          Vom Hotel Atlantis oberhalb des Dorfes Agios Konstantinos im Norden der griechischen Ägäis-Insel Samos blickt man über rote Dächer und die alten Tamarisken vorn an der Uferstraße aufs besonnte Meer, auf Fischerboote und Segelyachten und auf die in der Ferne blauenden Berge der türkischen Küste. Dimitris Orfanis, der Hotelier und Gastgeber, bringt ein frisches Glas der selbstgemachten Quittenmarmelade an den Frühstückstisch auf der Terrasse. Im nächsten Augenblick schaut er nach unten zur Dorfstraße und ruft: „Salamuhu alaikum!“

          Aus der Gruppe der vorbeiziehenden Männer, Frauen und Kinder in nassen Schuhen und bis über die Knie feuchten Kleidern blickt ein junger Kerl erschrocken nach oben, hebt aber dann den Arm und erwidert lachend den Gruß: „Alaikum al salam!“

          Vor einer Stunde sind die Flüchtlinge aus Syrien bei Agios Konstantinos an Land gegangen. Um vier Uhr in der Nacht hatten Schlepper an der türkischen Küste die 25 Verängstigten auf das Schlauchboot für acht Personen gepfercht, 1200 Dollar pro Person. Aber die See war glatt, das Boot hat gehalten, der Heckmotor ist nicht verreckt, kein Kind ging über Bord, niemand ertrank im Mare Nostrum. Die Müllabfuhr wird irgendwann einmal die Schwimmwesten von dem kleinen Kieselstrand aufsammeln. Sie liegen überall auf Samos. Zurzeit kommen an jedem Tag 1500 Flüchtlinge auf der Insel an.

          Die angelandete Gruppe ist zu Fuß unterwegs ins etwa 15 Kilometer entfernte Karlovasi im Westen der Insel. Das war einmal eine reiche Hafenstadt mit Dutzenden Ledergerbereien und Tabakfabriken, bis 1920, als die Insel die osmanische Herrschaft abschüttelte, damit aber auch ihre Handelswege kappte und Reichtumsquellen versiegen ließ.

          Filzstiftnummer auf der Hand

          Heutzutage döst der Hafen in der Sonne, in den Cafés der Uferstraße trinken ein paar tätowierte Touristen in Muskelshirts ihren Frappé, den griechischen Eiskaffee. Nur an den Amtsgebäuden der Hafenpolizei ist was los. Gabi Orfanis, die deutsche Frau des Hotelwirts, die seit 30 Jahren auf Samos lebt, hat einige der Neuankömmlinge auf die Ladefläche ihres betagten Pick-ups gepackt und nach Karlovasi gefahren, die übrigen trudeln auf den Rücksitzen der Mietautos hilfswilliger Touristen ein, teils schon in den Schlaf gefallen.

          Ein Hafenpolizist mit Mundschutz stellt die Männer, Frauen und Kinder der Reihe nach vor die Wand eines Gebäudes, drückt ihnen eine Tafel mit Ankunftsort und Ankunftszeit in die Hand und fotografiert sie mit dem Smartphone. Bei jedem neuen Bild ändert er die Schlussziffer auf der Tafel mit Schwamm und Kreide, bis er bei 25 ist. Nach der Prozedur haben die Flüchtlinge eine Filzstiftnummer auf der Hand und ein paar Stunden später eine „White Card“ in der Tasche, damit können sie immerhin schon mal Geld tauschen in der Bank. In einem flachen Nebenbau sinken die ersten auf schmuddelige Matratzen, andere laufen zum nächsten Ufer-Café mit W-Lan und rufen Angehörige und Freunde an: Wir sind drüben, wir haben die Überfahrt geschafft.

          Touristen haben derweil im nächsten Lädchen den mannshohen Kühlschrank mit kalten Getränken leergekauft und im Café zwei Dutzend Plastikbecher Kaffee für die Flüchtlinge geordert. Einige der Neuankömmlinge hocken sich in den Schatten der Gebäude, die nassen Schuhe haben sie in die Sonne gestellt. Verwirrt und ungläubig schauen sie auf die fernen blauen Berge der türkischen Küste.

          Weitere Themen

          Erste europäische Todesopfer in Italien Video-Seite öffnen

          Coronavirus : Erste europäische Todesopfer in Italien

          Italien meldet die ersten europäischen Todesopfer durch das neuartige Coronavirus: Im Norden starben zwei ältere Menschen. Zudem wurden mehrere Infektionsfälle bestätigt.

          Topmeldungen

          Vor der Bürgerschaftswahl : Warum Hamburg anders wählt

          Am Sonntag wählen die Hamburger eine neue Bürgerschaft. Was wünschen sie sich von der Politik für ihre Stadt? Ein Blick auf den Durchschnittshamburger gibt Antworten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.