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Fleischindustrie : Tierschützer: Mastkaninchen werden systematisch gequält

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Im Vergleich zu den Mastbetrieben leben diese Kaninchen im Paradies Bild: dpa

Immer mehr Deutsche essen Kaninchenfleisch. Ein Großteil des Fleisch stammt aus Großmastbetrieben, in denen die Tiere ein kurzes, qualvolles Leben erleiden.

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          Das der Hase keine Eier legen kann, weiß jedes Kind. Trotzdem wurde er zum Symbol des Osterfestes. Die putzmunteren und niedlichen Mümmelmänner sind scheinbar der ideale Osterspiel-Genosse für Kinder. In der Realität sieht das Leben der kleinen Verwandten der Hasen, der Kaninchen, sehr viel schrecklicher aus. Denn nach Schweinepest, BSE und Maul- und Klauenseuche greifen immer mehr Menschen zu Kaninchenfleisch als Alternative. Und ein Großteil des Fleischs stammt längst aus Großmastbetrieben, wie sie der Verbraucher sonst nur aus der Schweinefleischindustrie kennt.

          Im Schnitt isst jeder Deutsche 0,6 Kilogramm Kaninchenfleisch im Jahr, noch Mitte der 90-er Jahre waren es gerade mal 0,3 Kilogramm. Mehr als 41.000 Tonnen Fleisch von Kaninchen werden jährlich verzehrt. Das entspricht rund 30 Millionen Schlachttieren. 80 Prozent des Fleischs werden in Deutschland produziert, von Kleintierhaltern, Rassekaninchenzüchtern und immer häufiger auch von spezialisierten Kaninchenmastbetrieben.

          Etwa 100 Kaninchenfarmen in Deutschland

          Nach Informationen des Deutschen Tierschutzbundes gibt es etwa 100 dieser Farmen inzwischen in Deutschland. Bis zu 5.000 Kaninchen leben in diesen Anlagen auf engstem Raum. Mit dem zunehmenden Marktanteil von Kaninchenfleisch sind nun auch die Tierschützer auf diese Farmen aufmerksam geworden. Und sie schlagen Alarm: „In der industriellen Kaninchenhaltung werden wirtschaftliche Erwägungen höher gestellt als die Gesundheit und der Schutz der Tiere“, klagt der Tierschutzbund.

          Das Deutsche Tierhilfswerk (DTHW) prangert ebenso die Käfighaltung der Kaninchen in Mastanlagen an. Mastkaninchen bis 3,3 Kilogramm Lebendgewicht stehen in der Regel gerade mal 20 mal 40 Zentimeter zur Verfügung. Die Minikäfige bieten selten genug Platz zum Sitzen. Entzündungen und Verstümmelungen wegen der Drahtböden sind fast schon die Regel. Mit Hormonen hochgezüchtete Weibchen werfen bis zu elfmal im Jahr. Junge Kaninchen erreichen durch spezielles Mastfutter bereits nach zehn bis zwölf Wochen die Schlachtreife.

          Farmen sind nicht organisiert

          Diese katastrophalen Berichte aus den Farmen haben inzwischen auch die etablierten Kaninchenzüchter aufgeschreckt. Die Kaninchenfarmen sind weder im Zentralverband Deutscher Kaninchenzüchter (ZDK), noch im Verband der Kaninchenfleischerzeuger organisiert. Auch der Deutsche Bauernverband kann zu den Kaninchenfarmen keine Angaben machen und verweist wiederum auf die Zuchtverbände. Für die brach mit der Berichterstattung über die Zustände in den Farmen eine Welt zusammen.

          „Unser Ruf, den wir über Jahrzehnte aufgebaut haben, wurde zerstört“, sagt Ulrich Hinrichsmeyer vom ZDK, in dem über 185.000 Züchter organisiert sind. Ihrer Meinung nach muss hier das Verbraucherschutzministerium eingreifen. Dem Berliner Ministerium sind aber die Hände gebunden. Zwar gibt es seit Oktober 2001 eine europaweit geltende Verordnung zur Haltung von Kälbern und Legehennen, Kaninchen sind darin aber nicht erwähnt. Diese Gesetzeslücke soll zwar geschlossen werden, aber derzeit gibt es nur eine entsprechende Empfehlung an den Europarat.

          Mehr als die Hälfte des Fleischs stammt aus Mastbetrieben

          Für Verbraucher bleibt derzeit deshalb nur, sich beim Metzger oder direkt beim Kaninchenzüchter über die Haltung des Tiers zu informieren. Die Qualitätskontrolle ist aber schwierig, denn die Tierschutzverbände gehen inzwischen davon aus, dass weit mehr als die Hälfte des Kaninchenfleischs auf dem deutschen Markt aus den Mastbetrieben stammen.

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