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FKK in Deutschland : „Bei Kälte ziehen wir uns eben an"

Weil sich viele Jugendliche heute über Mode definierten, steige das Durchschnittsalter in den FKK-Vereinen Bild: 360-Berlin

Den Nudisten in Deutschland geht der Nachwuchs aus. Woran liegt's? Kurt Fischer, Präsident des Verbands für Freikörperkultur, über Vergreisung, skeptische Muslime, Nacktwanderer und Spanner um die Ecke.

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          Herr Fischer, im Gegensatz zu den Fluglotsen scheint der Sommer dieses Jahr schon seit Wochen zu streiken. Harte Zeiten für Nudisten, oder?

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Ach, das hängt davon ab, was man gewöhnt ist. Unter den FKKlern gibt es wie unter den Textilen, also den normal bekleideten Menschen, welche, die im Urlaub Sonne brauchen. Die kriegen sie dieses Jahr hier nicht, dazu müssen sie in den Süden fahren. Anderen, wie mir, macht das schlechte Wetter nicht so viel aus, ich bin trotzdem in meinem Wohnwagen auf unserem FKK-Gelände bei Hildesheim.

          Und was machen Sie bei Regen und Kälte den ganzen Tag?

          Wie jeder Textile sich Gedanken macht, was er tun will, wenn es draußen regnet, so ist das bei uns nicht anders. Wir ziehen erstens etwas Warmes an, und zweitens überlegen wir uns kreativ, wie wir unsere Freizeit genießen - ob beim Rätsel-Lösen, beim Zeitung-Lesen oder beim Musik-Hören.

          „Ein nackter Mensch schaut dem anderen in die Augen”, sagt FKK-Präsident Kurt Fischer
          „Ein nackter Mensch schaut dem anderen in die Augen”, sagt FKK-Präsident Kurt Fischer : Bild: DFK

          Wenn es einen friert, darf man also auch im FKK-Verein einen Pullover anziehen?

          Anders als früher ziehen wir uns nicht mehr um des Glaubens an die Nacktheit willen aus. Wir praktizieren eine sinnvolle Nacktheit. Die Witterung spielt natürlich eine Rolle, und zwar die gute wie die schlechte. Zu viel Sonne schadet der Haut, also wird sich auch ein FKKler bedecken oder in den Schatten legen. Und bei Kälte ziehen wir uns eben an. Wir sind ja nicht lebensmüde.

          In einem Gespräch mit zahlreichen ausländischen Journalisten haben Sie gerade beklagt, dass sich die FKK-Bewegung in Deutschland nicht nur in einem saisonalen Abschwung, sondern in einer strukturellen Krise befindet.

          Wie alle Vereine verlieren auch die 150 FKK-Vereine in Deutschland an Mitgliedern. Bei uns sind das jährlich etwa drei Prozent, so dass wir momentan noch etwa 40 000 Mitglieder haben. Zu Hochzeiten der FKK-Bewegung waren es mehr als 100 000.

          Was sind die Gründe für den Mitgliederschwund?

          Die Zahl der Geburten geht zurück, es gibt immer weniger Deutsche. Viele Sportvereine versuchen deshalb, Mitbürger mit Migrationshintergrund anzuwerben. Für uns ist das aber keine Klientel. Einen Muslim zum Beispiel werden Sie nie dazu bringen, nackt mit uns Sport zu treiben, in der Sonne zu liegen oder in die Sauna zu gehen.

          Immigration als Gefahr für die Freikörperkultur in Deutschland?

          Gefahr würde ich nicht sagen. Die Migranten lehnen uns ja nicht offensiv ab, schon alleine, weil wir überhaupt keine Berührungspunkte mit ihnen haben. Außerdem gibt es weitere Gründe für den Mitgliederschwund. Die Menschen sind flexibler und wollen sich nicht mehr so stark in Vereinen einbringen, wie wir das erwarten. Die jungen Familien, die wir vor allem ansprechen wollen, sind immer später dran mit ihren Kindern und beruflich stark belastet. Und viele junge Leute definieren sich heute über Mode, da rückt die persönliche Darstellung in den Mittelpunkt. Wer diesem Ideal nachstrebt, wird bestimmt niemals FKK-Anhänger.

          Das heißt, den FKK-Vereinen droht die Vergreisung?

          Wenn Sie so wollen. In den vergangenen zehn Jahren ist das Durchschnittsalter in unseren Vereinen um zwei Jahre gestiegen, es liegt jetzt bei etwa 50. Und ich nehme an, dass es in Zukunft noch viel schneller steigen wird. Wir haben jetzt schon viele hochbetagte Mitglieder bis an die hundert Jahre.

          Gibt es Unterschiede zwischen den Vereinen im Osten und im Westen Deutschlands?

          Im Osten gibt es kaum FKK-Vereine, ich kenne nur vier oder fünf.

          Dann ist es nur ein Vorurteil, dass die Ostdeutschen besonders FKK-affin sind?

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