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Finanzkrise : Die Party geht weiter

  • -Aktualisiert am

Feierstimmung im Finanzdistrict, aber die Öffentlichkeit darf davon nichts merken Bild: /laif

Finanzkrise? Davon lassen wir uns die Laune nicht verderben! Bei den Investmentbankern in New York knallen wieder die Korken. Nur merken soll es möglichst niemand.

          Eine Strategie, um die große Rezession in Manhattan zu überstehen: Man hält die laufenden Kosten gering und sucht sich Bekannte aus New Yorks einziger florierender Branche, der Hochfinanz. Ein paar neue Freunde von der Wall Street heben die Laune, denn sie sind inzwischen die einzigen, die ab und zu mal eine Rechnung im Restaurant übernehmen, ohne zu zögern. Modedesigner und Architekten, Werber und Anwälte trifft man dieser Tage am Kühlregal im Discounter. Die Jungs aus der Finanzbranche hingegen genießen ihre Freizeit, als lebten wir im Jahr 2007. Einige von ihnen sind sogar ganz nett.

          Mein Bekannter von der Wall Street legt Wert darauf, dass sein Name nicht erwähnt wird. Nennen wir ihn also George. George, 27, arbeitet als Analyst bei einem der fünf großen Hedge-Fonds. Anfang Mai legte ihm sein Chef einen Brief zur Unterschrift vor: Alle Mitarbeiter verpflichteten sich, in der Öffentlichkeit bescheiden und zurückhaltend aufzutreten. Eigentlich gab es Grund zum Feiern: Das erste Quartal 2009 war eines der erfolgreichsten seit Gründung des Unternehmens, und die Aussichten für das Jahr waren glänzend.

          Gigantische Bonuszahlungen als Weihnachtsgeschenke

          Kurz vor Weihnachten werden George und seine Kollegen gigantische Bonuszahlungen kassieren. Fast wie früher. George rechnet mit einer siebenstelligen Summe. Doch seine Chefs wissen um die Gefahr. Wenn die jungen Kollegen mit ihrem neuen Reichtum die Neider aus der kollabierenden Realwirtschaft provozieren, könnten die Diskussionen um die Gehälter wieder beginnen.

          Champagnerlaune: Die New Yorker Finanzbranche feiert, trotz Krise

          "Niemand kann uns verbieten, Sportwagen zu kaufen", sagt George. "Doch uns wurde deutlich gemacht, dass die Firma Wert legt auf Understatement in der Öffentlichkeit. Wenn einer von uns mit einem Ferrari vorm Restaurant vorfährt und Tausend-Dollar-Weine bestellt, wirkt sich das bestimmt nicht positiv aus auf seine Karriere." Die klassischen Angeber-Restaurants im Meatpacking District meiden George und seine Kollegen. Sie treffen sich lieber in unverdächtigen Lokalen der Lower East Side. Im "Satsko" zum Beispiel, einem Japaner an der Eldridge Street. An Wochenenden wird das enge Restaurant zu einer Mini-Disco für Finanzexperten. Kein Fremder würde ahnen, wie viele Gäste Millionäre sind.

          Mit der Baseballkeule durch die Chambers Street

          Die meisten New Yorker träumen davon, zur Lunchzeit mit einer Baseballkeule an der Chambers Street oder der Maiden Lane wahllos um sich zu hauen. Mit jedem Schlag würde man den Richtigen treffen, heißt es gern. Auf diesen Straßen drängeln sich die Broker, Analysten, Rating-Experten, Anlageberater, Investmentbanker, deren Geschäftsgebaren mitverantwortlich ist für die Krise, die in jedem Winkel der Erde Vermögen und Arbeitsplätze vernichtet. Überall, nur nicht in den Wolkenkratzern der Finanzindustrie.

          Zwar gab es Ende vergangenen Jahres eine Entlassungswelle, bei der etwa jeder zehnte der 400 000 Jobs in New Yorks Finanzbranche verloren ging. Die Banken entledigten sich aber vor allem der unproduktiven Mitarbeiter, die sie ohnehin loswerden wollten. Inzwischen überbieten sich die Firmen wieder mit ihren Gehältern, um die besten Talente unter Vertrag nehmen zu können. "Ich habe keine Veränderungen bemerkt bei den Gehaltsverhandlungen", sagt Sandy Gross von der Personalberatung "Pinetum Partners". "Die Wall Street denkt realistisch. Alle Firmen müssen ihr Humankapital schützen."

          Geld für die Banken vom Staat

          Sie brauchen es dringend, um phantastische Gewinne zu realisieren, die derzeit möglich sind. Amerikas Leitzinsen liegen seit Monaten nahe null Prozent - der Staat verschenkt Geld an die Banken. Im ersten Quartal 2009 hielten laut "New York Times" allein sechs große Banken 36 Milliarden Dollar zurück, um ihre Mitarbeiter zu bezahlen. Brad Hintz, ein bekannter Veteran der Branche, sagt: "Es ist wie in jeder Krise, sie fangen an zu sündigen, sobald man sie lässt." Bei Goldman Sachs etwa beträgt der Durchschnittsverdienst je Mitarbeiter umgerechnet aufs Jahr 569 220 Dollar. Fast so viel wie im Rekordjahr 2007.

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