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Filmemacher über Christian Wulff : Out of Großburgwedel

Durchaus. Ein toller Stoff, der sehr viel über unsere Gegenwart erzählt. Eine fast tragische Geschichte. Bei dem Fernsehinterview empfand ich Mitgefühl mit einem, der vor allem müde und gehetzt wirkte. Man sah, was für grauenvolle Wochen hinter ihm liegen müssen. Bemerkenswert finde ich, dass der Anlass für die Affäre inzwischen weniger zu interessieren scheint als der Umgang damit. Wenn jemand einen Kredit aufnimmt, selbst wenn es ein Ministerpräsident ist, dann ist das zunächst einmal seine Privatsache, solange er sich dadurch nicht in irgendeine Abhängigkeit begibt. Das scheint ja nicht der Fall zu sein. Was dann aber bei Wulffs Krisenmanagement passierte, bis hin zum fatalen Anruf beim Chefredakteur der „Bild“, das irritiert schon. Gab’s da keine Leute, die ihn beraten haben? Oder hat er sich nicht beraten lassen?

In der Geschichte steckt viel drin: Freundschaft, Liebe, Geld...

Um Geld geht’s am wenigsten. Wenn jemand in einer Scheidung steckt, einen Kredit braucht und Freunde ihm helfen, dann ist daran zunächst einmal nichts Verwerfliches. Und wenn ihm die Bank einen besonders günstigen Kredit einräumt, dann ist das doch Sache der Bank, nicht des Kreditnehmers. Die Frage aber ist: Warum hat der Bundespräsident nicht eher für Transparenz gesorgt? Warum hat er sich so ungeschickt verhalten? Ich glaube, dass Wulff ein cleverer, einnehmender Mann ist, sonst hätte er diesen Aufstieg nicht geschafft. Sollte sich allerdings herausstellen, dass er beim Interview die Unwahrheit gesagt hat, dann wird es vermutlich sehr eng für ihn. Aber dann wüsste ich auch gerne seine Motivation. Was verführt einen Menschen, der sonst sich so taktisch klug verhalten hat, sich dermaßen angreifbar zu machen?

Welche Besetzung würden Sie für einen Wulff-Film empfehlen?

Mir fiele sofort Moritz Bleibtreu ein: ein hervorragender, faszinierender Schauspieler mit großer Ausstrahlung. Im Gegensatz zu vielen anderen fand ich seine Goebbels-Darstellung in „Jud Süß“ wunderbar - wobei ich jetzt nicht Goebbels mit Wulff in einem Atemzug nennen möchte! Und Bettina Wulff? Silke Bodenbender. Die hat Attraktivität und Präsenz. Aber für mich wäre Olaf Glaeseker, der Pressesprecher, die Hauptfigur. Hat er die Gefahr nicht gesehen? Hat er falsch beraten? Hat er sich, was ich mir bei ihm überhaupt nicht vorstellen kann, selbst in irgendeiner Weise was zuschulden kommen lassen? Oder war er schlichtweg ein Bauernopfer, weil die Öffentlichkeit wenigstens einen Spritzer Blut sehen wollte? Was ist da zwischen Christian Wulff und ihm passiert? Das war ja wohl auch eine Männerfreundschaft zwischen den beiden.

Welches Genre wäre es? Ein Königsdrama? Groteske Komödie?

Wenn es in dem Film auch darum geht, dass sich im gesellschaftlichen Umgangston etwas verändert hat, dass auch die journalistische Berichterstattung schärfer und manchmal hämischer geworden ist, dass Respekt und kritisches Abwägen vor allem durch das Internet immer mehr vergessen werden, dann taugt der Stoff nicht zur Komödie. Es sei denn, man schildert eine Geschichte, wo am Ende die Bürger die Wahl haben, ob sie mehr den Medien glauben oder den Politikern. Ein toller Stoff wäre natürlich auch, wie nach einem Rücktritt das Leben eines Politikers weitergeht. Mittelalterliche Scheiterhaufen und Hinrichtungen haben wir ja abgeschafft - aber ist das wirklich so? Eine solche Geschichte wäre natürlich auch alles andere als eine Komödie. Schon eher ein Shakespearesches Königsdrama.

Dieter Wedel, 69, drehte Filme wie „Der große Bellheim“ und „Gier“.

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